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Gevatter Rhein (Etappe 1)

Ich plane, um 1100 Uhr loszufahren, es wird 1330. Zwischendurch packe ich zu Ende, versuche noch einmal den Ständer mit Panzertape aus dem Auto am Rad zu fixieren. Es klappt nicht, ich lasse ihn zu Hause. Frühstücke und fechte diverse Kämpfe mit der inneren Stimme aus: „Fahr erst morgen, was soll das? Was willst du da eigentlich? Du verzettelst dich da! Oder fahr erst gar nicht, chill lieber auf dem Balkon! Das ist doch eh alles ne Nummer zu groß für dich!“

Ach, halt doch die Schnauze, innere Stimme!

Ich gehe noch einmal auf den Balkon, lasse mir den warmen Wind um die Ohren wehen und atme ein paar Mal tief durch. Dann packe ich zusammen und fahre los:

Bonn zieht sich eine Ewigkeit, ich brauche fast eine Stunde, um aus der Stadt raus zu sein. Aber schön ist Bonn dann irgendwo doch da an der Promenade. Ach, Gevatter Rhein!

Kurz hinter Remagen ist dann die Brücke über die Ahr weg. Weil das Flussbett fast ausgetrocknet ist, trippeln die Leute über eine Reihe von Steinen und schieben ihr Rad dabei. Ich natürlich auch – wobei ich mir einen Nassen hole. Aber es ist warm, das Wasser wie die Luft. Es macht nichts.

Der Weg dahinter ist holprig und eigentlich abgesperrt, aber ein paar Frauen und ich schlagen sich durch. Wir sind gerade aus dem Gehege raus, da kommt ein Typ von der Seite angefahren und brüllt laut: „Das scheint mir kein guter Weg nach Remagen zu sein!!!“

Ich habe mir vorgenommen, solchen Leuten nicht mehr zu antworten. Ist das einer von denen, die gerne Sheriff spielen wollen, will er Beserwisser spielen oder provozieren? Es klingt für mich so. Zumindest, bis er ein „Oder?“ hinterher schiebt. Vielleicht wollte er wirklich nur wissen, ob man da langfahren kann. Aber dann soll er danach fragen, wie jeder Andere auch!

Ich komme gut voran, die Gegend bin ich ja schonmal abgefahren. Aber ich bin nicht gut drauf, irgendwie emotional. Ich vermisse Kristine, mit der ich hier mal im Auto langfahren bin. Das ist alles grandios schief gegangen mit uns. Ach scheiße… Was, wenn meine innere Stimme doch recht hatte?

Aber Radfahren hilft und ich erinnere mich an frühere Fahrten. Zu Beginn das Gedankenchaos. Aber irgendwann, so nach 3-4 Stunden am 1. Tag, hört das für gewöhnlich auf.

Was auch mit der Grund ist, dass ich für heute noch nicht ankommen will, als ich gegen 1700 bei km 70 schon Koblenz erreiche und am gleichen Zeltplatz am Deutschen Eck vorbei komme, bei dem ich vor zwei Jahren halt gemacht hatte:

Ich bin schon überraschend kaputt, stelle aber fest, dass das auch schlicht daran liegen kann, dass ich bis hierhin noch gar keine Pause eingelegt habe. Die mache ich dann hier, schleiche mich kurz auf den Zeltplatz, um meine Wasserflasche wieder aufzufüllen. Dann fahre ich weiter. Es ist noch zu früh, um jetzt schon irgendwo anzukommen.

Im Süden von Koblenz verirre ich mich auf dem Weg zurück zum Rhein, finde den Radweg wieder und plötzlich kommen mir Scharen von Fußballfans entgegen, Bielefelder Fußballfans.

Und weniger später bin ich am Stadion. TuS Koblenz spielt offenbar im DFB-Pokal gegen Bielefeld. Das Spiel scheint sich dem Ende zu zu neigen, ich habe keine Ahnung wie es steht, aber die Bielefelder Fans mit T-Shirts, auf denen „Ultras“ steht, sind ruhig. Besoffen aber ruhig. Sie scheinen zu gewinnen. Zwei Reihen von Polizisten stehen ruhig daneben. Ich rolle langsam an dem bizarren Geschehen vorbei.

(Nachtrag: Es war nicht TuS Koblenz, sondern der FV Engert, der sich wohl das Koblenzer Stadion ausgeliehen hat. Bielefeld gewinnt 7:1.)

Aber hier wird die Gegend dann richtig schön. UNESCO Weltkulturerbe und ich mache viele kitschige Fotos:

Aber das Gedankenchaos kommt zurück: „Warum bist du immer alleine, warum vermasselst du alle deine Beziehungen, warum bist du immer so unschlüssig bei allem?“

Tja, wenn ich das wüsste…

Direkt unter der Lorelei ist ein Campingplatz, sehe ich auf Google Maps. Das wäre doch chefig und kitschig zugleich, hier ubterzukommen, denke ich mir. Ist bestimmt voll, aber fragen tust du! Und siehe da: es ist noch massig Platz. „Sie können sich aussuchen, wo Sie das Zelt aufschlagen“, sagt der Rezeptionist. „Nur die erste Reihe ist reserviert.“

Hier reiht sich in der Tat Camper an Camper, in der Mehrzahl aus Nederland. Aber ich finde tatsächlich noch einen freien Platz auf einer einsamen Wiese mit direktem Loreley-Blick. Hier lasse ich mich nieder und schlage das Zelt auf. Heute ist mir nicht nach Menschen:

Bis mir dann irgendwann doch noch nach Menschen ist. Nachdem ich alles aufgebaut und dabei das Deutschland-Spiel auf dem Handy gestreamt habe, nehme ich meinen ganzen Mut zusammen und spreche meine niederländischen Nachbarn (ein altes Ehepaar) auf Niederländisch an: „Goedenavond, hoe gaat het me jullie?“

Es wird ein nettes Gespräch. Sie freuen sich offensichtlich, dass ich sie angesprochen habe, aber streamen nebenbei weiter das Finale auf dem Tablet (wie übrigens die allermeisten hier auf dem Platz!). Aber der Mann ist interessiert. Er merkt, dass ich nicht viel verstehe und verwendet einfachere Begriffe. Ich breche mir ziemlich einen ab, aber schaffe es, ganz Sätze zu formulieren und verstehe auch das meiste, was er sagt. Irgendwann bedanke ich mich und versuche, den beiden noch einen schönen Abend zu wünschen, was misslingt, aber nichts macht.

Hinterher muss ich strahlen wie ein Honigkuchenpferd. Ich schlendere über den Platz und jeder Zweite grüßt mich. (Grüßt man Menschen eher, wenn sie lächeln?).

Deutschland verliert das Spiel in der Verlängerung (sehr schade). Ich beschließe, nur noch diesen Text zu schreiben und dann schlafen zu gehen. Und das tue ich dann auch.

Day-Challenge: mich nicht über andere Verkehrsteilnehmer aufregen, selbst wenn sie als Fußgänger zu viert nebeneinander auf dem Radweg laufen. War anstrengend aber hat funktionieren müssen, auch weil meine Klingel zwischendurch den Geist aufgibt und ich die Leute dann mündlich bitten muss zur Seite zu gehen.

Der Gerät: Ich mache auf dieser Tour alles mit dem Smartphone: Fotos, Bloggen, Musikhören, EM-Finale der Frauen live streamen, den Weg finden… Schade dass es langsam ist, aber zumindest der Akku scheint was zu taugen. Hat immer noch 25 Prozent.

Luma: Meine alte Luftmatratze hatte Rock am Ring nicht überlebt. Sie war schwer aufzupusten aber unfassbar komfortabel, deswegen habe ich sie mir noch einmal bestellt. Und siehe da: der Hersteller hat das Aufblasventil verbessert. Aufpusten geht jetzt binnen einer Minute statt vorher so drei bis vier. How cool is that!

Merino: Stinkt ja nicht oder erst nach Tagen. Überlege deswegen jetzt ernsthaft, das gleiche Shirt, das ich auf der Fahrt anhatte und jetzt tatsächlich immer noch trage, auch zum Schlafen anzuziehen. Vielleicht ist mir dafür aber alleine der Gedanke zu fies…

Könnte laut werden heute Nacht. Züge, Autos, Partyschiffe, vor allem aber Lastkähne brummen hier vorbei. Na ja, bin aber todmüde, wird schon. Gute Nacht!

Eine Antwort auf „Gevatter Rhein (Etappe 1)“

Sehr schöner Radel-Blog-Start! Freue mich dich „begleiten“ zu dürfen. Viel Spaß und Erholung dir Jürgen!!!

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