Meine Lieblingsbücher sind solche, die sich so weglesen lassen und dabei gerne noch on top eine deepe Handlung haben dürfen, na ja, schon sollen. Mittlerweile habe ich meine Lieblingsbücher mehrfach ausgelesen. Wer könnte mir etwas Neues empfehlen? Ich tat mal etwas Ungewöhnliches und ließ mir in fünf dieser oft gelobten, kleinen Buchläden jeweils ein Buch empfehlen – und anschließend auch eins von einer KI. Wer würde mir das Passendste empfehlen?
Die Misson, mit der ich in jeden Laden ging: „Ich würde gerne mal wieder einen echten Pageturner lesen“. Was würden mir die Fachhändler empfehlen?
Buchhandlung #1: Die Überforderte
Als ich in Buchhandlung #1 mein Anliegen schildere, wirkt die Verkäuferin überfordert (bin ich nicht böse wegen, mein Anliegen ist schon eher unspezifisch). „Öh, na ja, was mögen Sie denn? Da kommt natürlich viel in Frage“… Wir gehen gemeinsam zu einem Regal, sie zeigt mir einige Titel, die mich aber nicht sofort ansprechen. Dann noch ein Regal, noch ein paar Titel. Irgendwie durch Zufall bleibe ich schließlich hieran hängen und kaufe es letztlich auch:

Buchhandlung #2: Der Entschlossene
Buchhandlung #2 gehört einem Paar, das etwa in meinem Alter sein dürfte. Ich stehe dem Mann gegenüber, der ruhig aber unausgeschlafen wirkt, seine Frau hört im Hintergrund zu. Ich schildere ihm, was ich möchte, er mustert mich kurz, und als seine Frau noch sagt: „Nun, da kommt ja ziemlich viel in Fr…“ ist er schon schnurstracks zu einem Regal marschiert, fischt ein Buch heraus, drückt es mir in die Hand und sagt: „Hier.“
Er wird noch etwas präziser, erklärt den Inhalt und dass es ihm vorvergangenen Winter, als die Geschichte mit der Ukraine, der Welt und überhaupt ihn in eine Krise gestoßen habe, wieder rausgeholt hätte. Wenn das nicht passe, könne er mir auch noch… „Nein, passt schon“, unterbreche ich ihn. „Der erste Gedanke ist ja oft der Beste. Das nehme ich!“ Es ist das hier:

Buchhandlung #3: Mal was ganz anderes
Als ich den Laden betrete, ist er noch leer, nachdem mir der Verkäufer dann etliche Titel gezeigt hat, wartet schon ein ganzer Reigen an Kunden ungeduldig. Er hat sich einfach alle Zeit der Welt genommen. „Also wenn Sie mal was ganz anderes wollen, dann das hier. Es beginnt wie eine ganz normale Geschichte in einer italienischen Kleinstadt und die restlichen zwei Drittel sind nur ein Telefongespräch zwischen einer älteren Frau und ihrem Tierarzt und es nimmt noch so manche Wendung.“ Gekauft.

Buchhandlung #4: Nehmen Sie doch das!
Der Buchladen wird eindeutig von der jungen Besitzerin beherrscht, deren Kasse in Mitten des Ladens steht. Ich schildere ihr mein Anliegen. Sie denkt einen Moment nach, dann sagt sie: „Vielleicht das“, geht zu einem Regel und zieht ein dünnes Buch heraus. Sie beschreibt kurz den Inhalt, der in wenigen Sätzen erklärt ist und sofort zieht. Ich bin begeistert und kaufe:

Buchhandlung #5: Der Klassiker
In die Buchhandlung stolpere ich im Vorbeigehen rein. Der Verkäufer hat einen ausländischen Akzent und nach den Blicken seiner Kollegen ist er neu dabei. Er überlegt einen Moment. „Vielleicht die Zeitmaschine von H.G.Wells!“, hätten sie auch gerade im Angebot. Kannte ich tatsächlich noch nicht, der Einband gefällt mir. Warum nicht! Ich schlage zu.

Buchtipp #6: Die KI
Ich tippe bei ChatGPT ein, was ich suche, was ich bisher so gelesen habe und dass ich mal wieder einen echten Pageturner wolle. Die KI listet eine Reihe von Titeln auf und meint dann: Ich hab da einen ganz heißen Favoriten für dich: „Der Insasse“ von Sebastian Fitzek. Das sei wie ein Psychothriller in Buchform. Die Story gefällt mir und vom Fitzek kannte ich tatsächlich noch nichts. Ich entscheide mich dafür, kaufe das Stück dann aber letztlich in einem Buchhandel in Solingen.

Die sechs Bücher also zusammen ging es ans Lesen. Und, na ja, nicht alle davon waren wirklich Pageturner und einige, die es dann doch waren, waren dann eher enttäuschend. Aber zwei gefielen mir dann doch richtig gut. Ich gewichte mal von unten nach oben:
Platz 6: Brian Sewell: „Pawlowa“ (2/5)
Ein Dokufilmer, der kurz vor der Pension steht, sieht bei einem Dreh in Pakistan, wie eine junge Eselin brutal misshandelt wird. Er fackelt nicht lange, lässt alles stehen und liegen und beschließt gegen den Rat seiner Kollegen, das Tier zu befreien und auf dem Landweg nach Hause nach England zu schmuggeln.
Was als rührende Abenteuergeschichte beginnt und auch hätte enden können, verflacht erschreckend schnell, was vor allem daran liegt, dass Sewell jedes bisschen Spannung sofort löst und sich letztlich nicht entscheiden kann, ob er ein Kinderbuch oder einen Erwachsenenroman schreiben will. Originell: ja, aber dann aber einem gewissen Punkt auch stinklangweilig. Hatte ich mir mehr von erhofft.
Platz 5: H.G. Wells: „Die Zeitmaschine“ (3/5)
Ein Ingenieur erfindet eine Zeitmaschine und reist damit ein paar hunderttausend Jahre in die Zukunft, wo sich die Nachfahren der Menschen in zwei sich bekriegende Oberflächen- und Untergrundwesen unterteilen. Wieder zurück im Jetzt berichtet er einer Gruppe von Interessierten, was passiert ist.
Ist ein Klassiker aus dem Fin de Siecle. Tatsächlich spannender als „Pawlowa“, würde man aber heute natürlich so nicht mehr schreiben. Hat sich dann doch etwas schleppend gelesen.
Platz 4: Sacha Naspini: „Nives und ihre Männer“ (3/5)
Nives ist eine Bäuerin, Anfang 70, in einer italienischen Kleinstadt. Eines Tages fällt ihr Mann tot in die Jauchegrube und ihr Huhn verhält sich seitdem komisch. Also ruft sie ihren Tierarzt an, mit dem sie mehr verbindet, als es zunächst den Anschein hat. Der Rest des Buches handelt nur noch von diesem Telefongespräch und nimmt eine Wendung nach der anderen.
So überraschend sind die Wendungen dann aber nicht. Und in Mitten der Originalität, fast ein ganzes Buch nur aus einem Telefongespräch entstehen zu lassen, geht der anfängliche Witz schnell verloren. War wirklich mal etwas völlig anderes, aber richtig gepackt hat’s mich nicht.
Platz 3: Samantha Harvey: „Umlaufbahnen“ (3/5)
Sechs Astronauten auf der ISS, die einen Tag lang gedankenverloren auf die Erde runterschauen. 16 Umlaufbahnen in 24 Stunden. Was ist für sie eigentlich eine Kleinigkeit: Der winzig klein anmutende Taifun, der sich da gerade auf die Küste der Philippinen zubewegt, oder die Pflanzen an Bord? Das eingefangene Sonnenlicht oder die Mutter der einen Astronautin, die im Sterben liegt?
Vom Großen aufs Kleine. Was eigentlich ist wichtig auf dieser Welt? „Umlaufbahnen“ verändert die Perspektive. Und doch schlug die Poesie, die dieses Buch enthalten soll, nicht richtig zu mir durch, habe ich zu den Charakteren keine echte Beziehung aufgebaut. Hatte ich mir etwas mehr von versprochen.
Platz 2: Charles Simmons: „Salzwasser“ (4/5)
„Vater und Sohn verlieben sich in die gleiche Frau, und am Ende ist der Vater tot“. Mehr als diese kurze Beschreibung der Buchhändlerin brauchte es nicht, um mich von „Salzwasser“ zu überzeugen. Es ist tatsächlich ein Remake von Turgenjews Novelle „Erste Liebe“, wunderbar leicht erzählt von Simmons.
Platz 1: Sebastian Fitzek: „Der Insasse“ (5/5)
Vor einem Jahr verschwand ein kleiner Junge. Dringend tatverdächtig ist ein danach überführter Kindermörder. Doch der sitzt im Hochsicherheitstrakt der Psychiatrie – und schweigt beharrlich. Der Vater des Jungen sieht nur eine Möglichkeit, um zu erfahren, was wirklich geschehen ist: Er muss selbst zum Insassen werden.
Fitzek nimmt den Leser als Geisel und schickt ihn auf einen völlig irren Ritt. Das ist nicht nur ein Psychothriller, das ist eine ganze Achtenbahnfahrt in einem Buch. Glaubwürdig? Vielleicht nicht durchgehend. Realistisch? Das dann schon! Gut geschrieben: Vollauf. Böse Zungen behaupten zwar: Kennste einen Fitzek, kennste alle. Und es war mein erster, also werde ich vom nächsten vielleicht weniger geflasht sein. Aber das hier ist ein Stoff, bei dem jede Seite die nächste ergibt und man sich fragt: Warum um alles in der Welt ist das noch nicht verfilmt worden? Und so viel sei gespoilert: DAS Ende hätte ich nicht erwartet.
Also letztlich ein klarer Gewinner, und das ist die KI. Okay, ganz fair ist das vielleicht nicht. Die KI kennt mich besser als jeder Buchhändler, und sie sitzt auf einem größeren Datenschatz. Ich bin trotzdem dankbar für diesen interessanten Einblick in die Literatur, und der kam vor allem von den Buchhändlern.
Wer eins der Bücher mal lesen oder haben möchte, sagt Bescheid. Nur „Salzwasser“ und „Der Insasse“ würde ich gerne behalten.














