Kaum etwas in diesem Lande ist so komplex, wie ein gebrauchtes Auto zu kaufen. Du siehst ein gutes Angebot, vereinbarst einen Termin, checkst es durch, fährst Probe, bist zufrieden – und kannst es mitnichten sofort mitnehmen. Du musst in aller Regel noch ein zweites Mal kommen, um den Papierkram zu erledigen. Und eine Menge Vertrauen brauchst du auch.
So wie in dieser Woche. Ein Belgier, ein junger Kerl aus der Nähe von Antwerpen, hatte sich schon vor Wochen den Pajero angeschaut, den ich wieder verkaufen wollte. Fast zweieinhalb Stunden dauerte seine Anreise. Wir wurden uns direkt nach der Probefahrt einig. Aber ihm fehlte für die Zulassung in der Heimat noch ein CoC-Dokument. Das würden wir beschaffen, waren wir uns einig. Letztlich dauerte es Wochen, bis das Dokument da war. Es bedurfte einiges an Vertrauen beiderseits, dass er sich nicht in der Zwischenzeit nach was anderem umsehen würde und ich das Auto nicht jemand anderem verkaufen würde. Aber wir hielten durch.
Dann kam in dieser Woche der Tag seiner zweiten Anreise, der des geplanten Verkaufs. Wieder zweieinhalb Stunden Anfahrt für ihn, frühmorgens los. Ich frage ihn vorab, ob er mit der Bezahlung per Echtzeitüberweisung einverstanden wäre – laut verschiedener Quellen die sicherste bargeldlose Zahlungsmethode. Klar, junger Typ, in Belgien geht schon viel mehr bargeldlos als hier – er ist einverstanden. Wir treffen uns im Bonner Stadthaus, gehen in Ruhe zusammen alles durch, unterschreiben beide unsere Exemplare des Vertrags. Ich habe Fahrzeugschein und -brief bereits auf dem Tisch liegen, während er sein Handy zückt, um die Echtzeitüberweisung zu veranlassen – und scheitert.
Hätten wir vorher ein wenig nachgedacht, wäre uns klar geworden, dass das nie und nimmer hätte klappen können. 7000 Euro Echzeitüberweisung von einem Land in ein anderes, während Kreditrahmen schon im Inland selten über ein paar Tausend gehen…
Der Belgier telefoniert eine halbe Ewigkeit mit seiner Bank. Ich verstehe ein paar Brocken Niederländisch und bekomme mit, dass der Mitarbeiter am Ende der Hotline irgendetwas abklären und den Verfügungsrahmen anpassen will, aber nicht darf. Je länger das Gespräch dauert, desto mulmiger wird mir. Wir haben unterschrieben, die Dokumente liegen bereit, aber was, wenn das jetzt nicht klappt? Ihn ohne Auto nach der langen Anreise wieder wegschicken? Ist das alles vielleicht ein großer Scam, auf den ich hier gerade reinfalle? Zumindest der Gedanke spukt für eine Weile in meinem Kopf herum.
Dem Belgier ist das alles sichtlich unangenehm, er wird rot im Gesicht, während er am Telefon hängt. Er erklärt mir die Sachlage und versucht es noch einmal mit der Echzeitüberweisung – scheitert. Ein kleinerer Betrag – geht nicht. Was nun? Was machen wir denn jetzt bloß?
Wir probieren andere Wege. Klarna, PayPal, aber bei allen ist der Verfügungsrahmen bei Privatüberweisungen nur einige hundert Euro groß. Wir einigen uns schließlich darauf, dass er mir 500 Euro per PayPal rüberschickt – was er sofort tut – und wir dann zur Bank gehen und seine Kreditrahmen für Debit- und Kreditkarte jeweils ausschöpfen. Er warnt mich fairerweise vor: Die vollen 7.000 bekäme er so eher nicht zusammen.
In einer schier endlosen Tour gehen wir rüber zur Sparkasse. Er probiert mehrere Geldautomaten aus, verbringt dort eine halbe Ewigkeit, ehe er mir 2.700 Euro in teils absurd kleinen Scheinen in die Hand drückt. Zusammen mit den 500 Euro via PayPal ist das alles, was möglich war. Den Rest weist er per normaler SEPA-Überweisung an. Er zeigt mir die Buchung auf seinem Handy.
Und jetzt? Kann ich ihm vertrauen? Gebe ich ihm den Wagen so und vertraue darauf, dass die Überweisung schon ankommt, hätte ich mit etwas Pech nur 3.200 Euro für den Pajero bekommen. Ihn einfach schmoren, nochmal nach Hause und ein paar Tage später mit dem Rest nochmal antanzen lassen? Wäre schon brutal. Dann könnte man die Sache auch umdrehen: Kann er mir vertrauen, dass ich seine 3.200 nicht einfach behalte und mir zusammen mit dem Pajero ein schönes Leben mache? Ich frage zwischendurch noch einmal ChatGPT. Die klare Antwort: Bloß nicht! Bloß nicht irgendwas rausgeben, ehe das ganze Geld da ist!
Am Schluss höre ich auf mein Bauchgefühl und denke mir: Der Typ ist echt, er will, er wird, er hat schon einen Teil, für das er selbst ins Risiko gegangen ist, er kann nur gerade nicht. Ich muss ihm vertrauen. Wir gehen zusammen zum Amt, ich überschreibe ihm den Wagen, gebe ihm Fahrzeugbrief und Schlüssel und wünsche ihm safe travels.
Gleich anschließend gehe ich zurück zum Schildermacher, um meinen Ersatzwagen anzumelden. Beim Amt war kein Termin mehr frei, der Schildermacher bietet einen eigenen Service, das zu übernehmen. Aber dafür braucht er: Kaufvertrag, letzten TÜV-Bericht, Fahrzeugschein, Fahrzeugbrief, CoC… Bitte alles dalassen, bekäme ich wieder. Und ach ja, hier bitte noch Lastschriftmandat erteilen, damit wir welchen Betrag auch immer von Ihrem Konto abheben können. Ich denke nicht groß drüber nach, ich lasse ihnen praktisch alles da, was irgendwie nachweisen könnte, dass ich der neue Eigentümer des Autos bin. Ich habe mich irgendwie dazu entschieden, den nicht immer besonders freundlichen Schildermachern zu vertrauen.
Es gibt nicht wenige Momente in den Tagen danach, wo ich denke: Wie leichtsinnig bist du eigentlich! Mit etwas Pech hast du in ein paar Tagen statt zwei Autos gar keins mehr. Woher weißt du, dass du wildfremden Menschen einfach so vertrauen kannst?
Es dauert zwei ziemlich lange Tage. Dann sehe ich in meiner Banking-App morgens einen hohen Geldeingang: die Überweisung des Belgiers ist da! In vollem Umfang. Nicht viel später ruft mich der Schildermacher an: Alles fertig, bitte Kennzeichen und Dokumente abholen. Und es ist alles im Paket, was ich dagelassen hatte: Fahrzeugbrief, Kaufvertrag, CoC, neuer Fahrzeugschein… Das Vertrauen hat sich ausgezahlt.
Aber, Junge Junge, was würde ich mir wünschen, dass so viel Vertrauen in manchen Lebenslagen gar nicht notwendig wäre. Dass man einfach nach kurzer Beweisführung, dass man man selbst ist, den Kreditrahmen seiner Bank auch für Auslandsüberweisungen erhöhen darf und dass vielleicht manchmal auch die Kopie von etwas reicht, statt dem wertvollen Original.
Aber gut war es immerhin dafür, mein Vertrauen in das Gute der Welt neu zu installieren. Denn das hatte in den letzten Wochen ganz schön gelitten…















