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Bikepacker ohne Bike (Etappe 3)

„Oh nein, das sieht gar nicht gut aus. Und wir haben da auch nicht das richtige Zeug für“, sagt der unfassbar nette, von oben bis unten tätowierte Fahrradmechaniker mit langen Haaren. „Aber es gibt da einen Laden, der dir vielleicht helfen kann. Sag denen, dass ich dich geschickt habe!“

Und so komme ich dann nach einem sehr langen Vormittag ungeplanterweise in Karlsruhe an.

Nachts raschelt es bedenklich auf dem Zeltplatz, und hin und wieder brummt auf dem Rhein ein Kahn vorbei. Aber sonst schlafe ich wie ein Baby. Am nächsten Morgen zeigt mir mein Nebenzelter Nico die Tafel Schokolade, die er nachts vor seinem Zelt vergessen hatte 😲.

Es ist einer der schönsten Zeltplätze, die ich kenne und das Betreiber-Pärchen ist mit Herzblut bei der Sache. Aber das mit den Ratten… Na ja, solange sie dir nicht in den Schlafsack hüpfen…

Ich bin der Letzte auf dem Zeltplatz heute, hab es nicht ganz so eilig, verabschiede mich von Nico, der Familie und dem Betreiberpärchen und fahre dann ganz gemütlich los Richtung Stuttgart.

Last Man Camnping auf dem Zeltplatz

Nach etwa 20km treffe ich plötzlich Nico wieder, der vor einer Absperrung nicht weiter kommt. Wir dachten eigentlich, dass wir unterschiedliche Wege hätten, weil er nach Karlsruhe will und ich nach Stuttgart. Aber nun fahren wir ein Stück gemeinsam. Macht Spaß, mal mit jemandem zusammen zu fahren, auch wenn es nur 5 Kilometer sind.

Muss außerdem witzig wirken, wie unsere gleichzeitig eingeschalteten Navis immer leicht zeitversetzt dasselbe sagen. Bis sie es plötzlich nicht mehr tun und ich mich von Nico verabschieden muss.

In einem kleinen Ort sehe ich das Schild zu einem Fahrradgeschäft und fahre spontan hin. Seit Tagen suche ich eine Werkstatt, die mal einen Blick auf die Acht in meinem Hinterrad werfen könnte. Aber alle Radläden unterwegs haben gerade Mittagspause, generell geschlossen oder Sommerferien. Und der nun hat jetzt auch Mittagspause ab 1300. Es ist 1300 Uhr, ich rüttele an der Eingangstür, aber sie ist zu. Na dann, wie immer. Ich sattele auf und will davon rollen. Als sich die Tür dann plötzlich doch noch öffnet, der Besitzer rauskommt – und mein Verhängnis wird. Oder sagen wir lieber: Botschafter meines Verhängnisses.

Denn er wirft ganz entspannt und mit geübtem Auge einen Blick auf mein Hinterrad, bestätigt dass das eine veritable Acht habe und das anscheinend schon lange (wusste ich) und fügt en passant hinzu dass die Felge gerissen sei. „Die wird irgendwann ganz auseinander brechen. Das wird jetzt nur noch schlimmer.“ Bis Neuschwanstein käme ich damit eher nicht mehr, geschweige denn bis Sylt.

Felge gerissen

Und jetzt? Müsste repariert werden. Entweder neues Hinterrad – kostet zusammen mit Nabe um die 600 Euro und müsste erstmal jemand da haben, jetzt, wo gerade Ersatzteilkrise ist. Oder neue Felge und dann noch mal geraderichten. Kostet etwas über 100 Euro, aber dafür müsste man erstmal jemanden finden, der passendes Werkzeug und vor allem dafür Zeit hat. Er leider nicht.

Etwas niedergeschlagen bedanke und verabschiede ich mich, lasse ihm noch den Rest seiner Mittagspause und gönne mir selbst eine. Viel ist nicht los an dem Ort, aber es gibt einen Dönermann, bei dem ich etwas Vegetarisches bestelle, und eine Eisdiele.

Plötzlich kommt mir eine verrückte Idee: Im Grunde fällt mein Bike schon halb auseinander (etwas übertrieben gesprochen). Die Gangschaltung macht schon lange Probleme, der Bremsschlitten lässt sich nicht mehr ganz festziehen, der Ständer und die Klingel, dazu manchmal das Display…. Es sind hauptsächlich Kleinigkeiten, aber spätestens nach dem Trip hätte ich das E-Bike eh verkaufen wollen und wäre auf was ohne Motor umgestiegen. Warum nicht jetzt gleich Nägel mit Köpfen machen, das alte in Zahlung geben, ein neues kaufen?

Long story short: Um 1400 stehe ich erneut in seinem Laden und schlage ihm genau das vor. Even longer story even shorter: Wir finden nichts Passendes und er dafür etliche, leider stichhaltige Gründe, warum er mein E-Bike lieber nicht in Zahlung nehmen würde. Unter anderem, weil er seinen Laden in drei Wochen für immer schließen würde. Warum, möchte er lieber nicht sagen. Aber ich ziehe geschlagen von dannen, auch wenn die Idee bleibt. Und so setze ich mich, weil der kleine Ort immerhin einen S-Bahn-Anschluss hat, in die nächste Bahn in die nächste Großstadt, in der ich mir besten Fahrradservice erhoffe: Karlsruhe.

Und kaum bin ich da, gucke ich auf Booking.com nach einem Zimmer für die Nacht (Zeltplätze sind VIEL zu weit draußen), finde eins direkt am Bahnhof mit guten Bewertungen für nur 46 Euro und fahre direkt zum ersten Fahrradgeschäft, wo ich auf den liebenswerten, hippen Mechaniker treffe. Er sei mehr auf Fahrräder spezialisiert, mit denen man von einem Haus zum anderen springen könne. Ja, natürlich… Aber in Karlsruhe wären alle Radgeschäfte miteinander vernetzt und irgendjemand würde bestimmt helfen können. Wenn nicht, solle ich ihn nochmal anrufen. Unfassbar nett…

Der nächste Laden schickt mich auch direkt eins weiter. Erst der Dritte, ein Spezialist für Rennräder, erbarmt sich schließlich meiner. Er könnte mir anbieten, das bis Ende der Woche „auszuwuchten“. Ende der Woche?! Wir haben gerade mal Dienstag. Aber ich habe mitbekommen, wie ausgelastet jede Radwerkstatt von hier bis zum Mississippi gerade ist. Und ich will nicht immer nein sagen, habe eh keine Alternative und sage erstmal zu.

Schon gut angeschwitzt durch die Fahrten durch die Stadt (dafür taugte das Rad gerade noch) schleppe ich dann meine Taschen vom Fahrradgeschäft bis zur Tram, frage eine alte Frau nach den Weg, muss umsteigen, erreiche meine Bleibe direkt am Bahnhof, gebe den Code ein, bekomme den Schlüssel, öffne die Tür und sehe, dass das Zimmer offensichtlich noch nicht gemacht worden ist:

Das nicht jetzt auch noch! Ich rufe den Vermieter an, der sofort erstaunlich hilfsbereit und emsig wird und sich vielmals entschuldigt. Und tatsächlich: binnen 5 Minuten die Lösung: ich werde kurzfristig auf das größere Nebenzimmer upgegradet, muss dafür nur eben den Schlüssel unten in der Eisdiele nebenan holen. Öh, okay.

Das tue ich dann auch noch, die Italiener sind sehr hilfsbereit und siehe, wenige Minuten später ziehe ich in ein präsidiales Zimmer in zentralster Lage. Für nur 46 Euro!

Dort liege ich jetzt und schreibe dieses Kapitel. Weil ich mich errinerte, dass Nico ja auch nach Karlsruhe wollte und wir Instagram-Kontakte ausgetauscht hatten, schreibe ich ihm und wir treffen uns noch. Trinken und essen was zusammen. Und Karlsruhe ist schon schön. Gefällt mir hier!

Und wie es jetzt weiter geht?

Ich habe noch nicht die leiseste Ahnung!

Eine Antwort auf „Bikepacker ohne Bike (Etappe 3)“

Bist leider 14 Tage zu früh da gestrandet, sonst hättest du die Schlosslichtspiele schauen können, das ist ziemlich cool.

Ich drück die Daumen dass der dein Fahrrad schnell fit bekommt!

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