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Im fernen Osten

… gibt es auch Alltag. Deswegen schreibe ich hier so selten. Das Weltgeschehen geht trotzdem nicht an einem vorbei.

  • Deutschland hat also einen neuen Bundeskanzler.
  • Muss man sich erstmal dran gewöhnen nach 16 Jahren Mutti.
  • Das erste, was ich von ihm mitbekommen habe: Dass er sich anders als seine Kollegen aus den USA, UK, Australien, Kanada und Neuseeland erst einmal eine Meinung dazu bilden muss, ob man die Olympischen Spiele in Peking diplomatisch boykottieren sollte.
  • Scheint ein Mann der schnellen Entscheidungen zu sein.
  • Nennen wir ihn doch einfach Vati.
  • Was ohnehin schon eine zaudernde Reaktion auf eine mutlose Entscheidung ist, finde ich. 1980 und 1984 sind die größten Sportnationen USA und UdSSR noch klare Kante gefahren, als ihnen etwas nicht passte. Und sie haben dann ihre Sportler nicht nach Moskau und dann Los Angeles geschickt, nicht irgendwelche bedeutungslosen Diplomaten.
Für Nicht-Geimpfte gibt es in Singapur vielfach nicht mal Essen zum Mitnehmen. Das ist hart.

Vorgestern Abend saß da ein Mann auf einer Bank vor unserem Haus. Er grüßte mich, als ich zum Joggen rausging, dann noch einmal als ich drei Minuten später wiederkam, weil ich Kristine auf dem Balkon ausgesperrt hatte ? und dann noch einmal, als ich endlich loslaufen konnte. Als er nach meinem Lauf immer noch da saß, bin ich zu ihm hin und hab hallo gesagt und er hat mir sofort seine Geschichte erzählt:

  • Er ist nicht geimpft. Er hat ein Herzleiden und deswegen Angst vor der Impfung.
  • Das liege wohl in der Familie. Seinen Onkel (obwohl natürlich deutlich älter) hätte es bei der ersten Impfung fast zerrissen.
  • Weil er nicht geimpft ist, kommt er praktisch nirgendwo mehr rein, nicht einmal einen Job bekommt er noch, weil auch Arbeitgeber nur noch solche Menschen beschäftigen dürfen, die doppelt geimpft sind.
  • Genesen, getestet? Reicht nicht. Selbst Menschen, die vor einer Impfung an Covid 19 erkrankt waren und davon genesen sind, sollen sich impfen lassen.
  • Eine offizielle Impfpflicht gibt es in Singapur zwar nicht, aber…
  • Das Land verfährt bei dem Thema Impfung eine Zero Tolerance Policy, die nicht nur Franz-Josef Strauß die Freudentränen in die Augen getrieben hätte.
  • Die Impfung mit einem mRNA-Impfstoff wird für Menschen über 12 pauschal empfohlen.
  • Ausnahmen dazu habe ich nur eine gefunden: eine mögliche Allergie gegen einen der Inhaltsstoffe eines Impfstoffes.
  • Immundefizienz, Schwangerschaft? Alles kein Grund, sich nicht impfen zu lassen.
  • Und die Lösung, wenn jemand allergisch auf einen der Inhaltsstoffe einer mRNA-Impfung reagieren könnte oder bei der ersten Impfdosis bekommen hat? Die Impfung mit dem chinesischen Totimpfstoff Sinovac!
  • Singapur hat mittlerweile 85 Prozent seiner Bevölkerung vollständig geimpft. Klingt wenig, Gesundheitsminister Ong Ye Kung hat die Zahlen Mitte November in einem Video aber noch einmal aufgeschlüsselt. Es sind 85 Prozent der Gesamtbevölkerung. Von den restlichen 15 Prozent lebt 1 Prozent im Ausland und kann deswegen gerade nicht erfasst werden, 9 Prozent sind Kinder unter 13, für die der Impfstoff noch nicht empfohlen wird. Bleiben 5 Prozent, die sich nicht impfen lassen wollen.
  • Darunter fällt dann auch mein Kumpel. Noch. Denn…
  • Du kommst nirgendwo mehr rein, kannst nicht arbeiten, Ausnahmen gibt es so gut wie nicht: im Grunde hast du keine Wahl, als dich impfen zu lassen.
  • So bekommt Singapur seine Bevölkerung also geimpft. Das ist schon hart irgendwo. Andererseits ordnet man die Politik nicht irgendwelchen Schwurblern unter, sondern setzt mit letzter Konsequenz das um, was sich als die vernünftigste Lösung erwiesen hat: impfen. Welcher Weg besser ist: Die Deutsche mit „kann ich nicht, will ich nicht, ich mag die Regierung nicht“ oder eben „impf or die“ auf Singapurer Art: You be the judge.

Wie ist denn nun der Alltag hier so? Bisher nicht viel anders als in Deutschland, außer dass man statt Heizung eine Klimaanlage braucht, die auch fast den ganzen Tag läuft. Tagsüber arbeite ich, also dann, wenn in Deutschland meistens nachts ist. Abends mache ich was mit Kristine oder spiele mit anderen Hipstern Underground Ping Pong. 🙂 Morgen steht meine nächste Englischstunde an. Und, boy, hab ich die nötig! Mein Tutor hat mich einen eigenen Text von mir selbst übersetzen lassen und was hab ich mir dabei einen abgebrochen! Falsch klang das meiste am Ende trotzdem. Ich bin gespannt, wie man das „kuriert“.

Zum ersten Mal auf Google gesehen: ein Faktencheck:

Ja, fahrt ihr ruhig alle nach Rio oder zur chinesischen Mauer. Für mich sind die Marina Bay Sands eins der sieben Weltwunder der Moderne:

Und okay, das Foto wird ihr noch nicht gerecht. Reiche ich nach.

Meine allerliebste Buchhandlung der Welt, Kinokuniya im Ngee Ann City an der Orchard Road – hatte doch tatsächlich das Buch nicht da, das ich gesucht habe. Ich habe es mir nach meinen erfolglosen Besuch als E-Book gekauft…

Unser Haus, ein hochgeklapptes Bonn:

Kultur:

  • Der Podcast „11 Leben“ – sensationell! War der erste Podcast, den ich gebinge-hört habe. Wusste gar nicht, dass das geht. Ein wenig Faible für Fußball muss man allerdings schon haben. Es ist die Lebensgeschichte der FC-Bayern-Legende Uli Hoeneß. Und ich bin noch nicht einmal Bayern-Fan.
  • „Haus des Geldes“: Uns fehlen noch zwei Folgen bis zum Ende, und was bin ich froh, wenn der Mist endlich vorbei ist! Klarer Fall von: eine tolle Idee mit tollem Plot und wahnsinnig guten Charakteren um mindestens zwei Staffeln zu sehr in die Länge gezogen, mittlerweile jeglicher Originalität beraubt, überdramatisiert, unglaubwürdig und vorhersagbar. Man wartet nur noch auf den Gnadenschuss, der die Serie von ihren Leiden erlöst.
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Parallelland

Nicht weit von uns im Western, da liegt ein kleines Land liegt eine Art Parallelwelt zu Deutschland. Es leben Menschen dort, die sich eher mal auf der Straße einfach grüßen, die dabei eine Sprache sprechen, die irgendwie so ähnlich ist wie Deutsch und teils die gleichen Wörter verwendet, die aber etwas anders klingen oder etwas anderes bedeuten. Die Menschen dort etwa verknallen sich nicht in jemanden, sie verknallen das Essen, indem sie es zu lange im Backofen schmoren lassen. Die Luft im Industriegebiet ist nicht verpestet, sondern vervuild, anders als die Dinge auf dem Kompost, die nicht verfault sind, sondern vergaan. Verpesten kannst du dafür das Abendessen, wenn zu zu viel Salz reinkippst.

Es ist eine Welt, in der es eine hochmoderne Infrastruktur statt kreativer Ausreden für das Nichtvorhandensein einer solchen gibt. Man wirbt nicht mit dem besten mobilen 5G-Netz (dingdingdingDINGding), man hat es einfach – und macht nicht viel Gewese darum. Es gibt einen geregelten Bahnverkehr und irgendwie von jedem Fleck des Landes aus alle 15 Minuten eine Bahn, die von und nach Utrecht fährt. Vom weltbesten Fahrradwegenetz habe ich hier ohnehin schon oft vorgeschwärmt. Es ist ein Land, in dem auch viel über alles debattiert wird und jeder Vorschlag durch zwei Kammern laufen muss, der das dann aber meist recht solide übersteht und nicht in irgendwelchen faulen Kompromissen endet.

Man scheut sich auch nicht vor der Zukunft und – pardon, wenn ich mit meinem eigenen Land so hart ins Gericht gehe – der Gegenwart. Während in Bonn noch darüber diskutiert wird, ob man das Stadtbild mit einer Seilbahn und einem Hochhaus verschönern darf – aber dann bitte nicht bei mir im Garten und bitte nicht zu hoch, das Haus – haben Den Haag und Rotterdam jeweils atemberaubende, moderne, ja sogar schöne Skylines mit architektonischen Meisterwerken wie der Markthalle (Rotterdam) oder dem Amare in Den Haag (neem hier een kijkje 😉 hochgezogen.

Sorgen, Probleme, eine solide Grundunzufriedenheit? Haben die Menschen dort auch. Gepaart allerdings mit einem scheint’s einprogrammierten Optimismus und einer bemerkenswerten Geradlinigkeit. Natürlich nicht jeder, aber sehr viele Leute, die ich dort sah und traf, haben einfach mal gemacht. Darf ich das jetzt? Könnte das jemanden stören? Bin ich eventuell zu laut dabei? Fragen, die sich die Menschen dort für mein Verständnis deutlich seltener stellen als die Menschen in Deutschland.

Es gibt leider auch dort Mord und Totschlag. Neulich haben in Den Haag ein paar Ghetto-Kids einen Obdachlosen vor eine Straßenbahn gestoßen (tot), es gab eine Anschlagsserie auf polnische Supermärkte. Es gibt Clan-Kriminalität, die in dem traurigen Mord an dem Journalisten Peter de Vries oder Morddrohungen gegen Premier Mark Rutte gipfelten. Jener eigentlich für ausländische Augen hochsympatische Rutte übrigens, dessen Kabinett den unsäglichen Politskandal um die letztlich rassistische Toeslagenaffaire heraufbeschworen hat. Dann die „Gasbevingen“ in der Region Groningen, die mehrere zehntausend Menschen quasi obdachlos gemacht haben. Mieten und Häuser in der Randstad sind für kaum noch jemanden zu bezahlen, der neu irgendwo hinziehen möchte. Die Fremdenfeindlichkeit wächst, auch weil Expats und ausländische Studenten dazu beitragen, dass die Mieten immer weiter steigen.

Ein Land, in dem man angeblich aufgrund calvinistischer Tradition demütig, angepasst und obrigkeitstreu ist. Und auf der anderen Seite gewaltsam auf die Straße geht, wenn die Regierung aufgrund steigender Corona-Zahlen eine verhältnismäßig kurze Sperrstunde einführen will.

Und die Sache mit dem Fußball… große Rivalitäten mit der DFB-Elf gibt es eigentlich nicht mehr. Aber es gibt Vereine wie Feyenoord mit einer radikalen Anhängerschaft, die kürzlich erst Funktionäre des Gegners Union Berlin in der UEFA Conference League einer Bar in Rotterdam angegriffen haben, und von dem der Generalmanager nach Morddrohungen der eigenen Ultras letztlich das Handtuch warf.

Aber ohnehin – ging es um Deutschland, merkte ich in Gesprächen mit den Einheimischen eigentlich immer, dass ein gewisser Respekt mitschwang vor dem riesigen Bruderland da im Osten. Fast ein wenig, als spräche man da vor dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Während daheim alles so engstirnig und überregelt abliefe. Und alles, was da in Deutschland doch nicht gehe, das wäre schon für irgendwas gut oder würde sich schnell bessern. Vielleicht weil Deutschland dem Niederländer so groß und vielseitig erscheint – oder weil der Mensch einfach mehr Grün auf der anderen Seite sieht.

Dieses Parallelland, wohlgemerkt, das als erstes der Moderne weiche Drogen legalisiert hatte und in dem man an einem Samstagabend in einer beliebigen Innenstadt (außer der vom Amsterdam!) trotzdem nicht mehr Grasgeruch wahrnimmt als in der Bonner Altstadt. In der man sich gewappnet hat, mit gigantischen Deichen, Poldern oder den Deltawerken der Neeltje Jans gegen das, was da noch kommen wird beim real existierenden Klimawandel. Ein Land, das selbstkritisch mit der eigenen Geschichte umgeht, kürzlich etwa in zwei Kriegsfilmen dargestellt: Kollaborateure zur Zeit der deutschen Besetzung (The Forgotten Battle, Netflix) oder die unrühmlichen Kolonialkriege in Indonesien direkt danach (De Oost, Amazon Prime). Ein Land, das in den letzten 10 Jahren zwei Dutzend Gefängnisse geschlossen hat, weil es einfach zu wenig Delinquenten gab, die man dort hätte unterbringen können. Und in dem man deswegen trotzdem nicht restlos glücklich ist – weil das 2.000 Arbeitsplätze gekostet hat.

Ja, das Gras ist immer irgendwie grüner auf der anderen Seite – selbst wenn man mal an einer WM nicht teilnimmt oder denkt, dass das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ein anderes ist. Aber dieses Parallelland da im Westen, das macht schon einiges redelijk goed. Kan ik niet anders zeggen.

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Mal kurz im Ausland leben

Klar, wenn man an einen belebten Ferienort zieht, der auch noch zufällig Teil einer weltoffenen Großstadt ist, die zufällig auch noch Hauptstadt eines sehr toleranten Landes ist, in dem praktisch jeder Englisch fast so gut spricht wie seine Muttersprache (falls die nicht sogar Englisch ist). Dann ist es immer noch einmal was Anderes, als sich irgendwo in der Pampa einzunisten.

Aber ja, die sieben Wochen hier, die jetzt leider zu Ende gehen, habe ich sehr genossen. Zum einen gefallen mir viele Dinge an diesem Ort, in diesem Land sehr gut. Zum anderen, und das will ich gar nicht verschweigen, hilft es auch, wenn man mal in seiner Rolle als Gast verbleibt. Das bedeutet, dass man nicht sooo tief in die politische Atmosphäre eintaucht, die anderen einfach mal machen lässt. Klar, ich lese hier auch hin und wieder die Zeitung, schaue fern und höre die Nachrichten. Aber als Gast halte ich es nicht für notwendig, noch tiefer einzusteigen. Heerlijk eigenlijk! Man kann einfach mal eine Runde gemakkelijk die Anderen machen lassen.

Aber auch sonst. Die Leute hier: Man lächelt einem Fremden tatsächlich eher mal zu, man sagt eher mal „Goedendag“, als dass man gar nichts sagt. In der Kneipe am Tresen wirst du nicht wegignoriert, wenn du da was bestellen willst. Du musst gar nicht die Ellenbogen ausfahren, dich vordrängeln oder sichergehen, dass du dich nicht an der falschen Seite angestellt hast. Man bedient dich auch so, und dann freundlich.

Hier ist alles ein Stück moderner – auch teurer, keine Frage. Aber du kannst selbst die 50 Cent vor der Drehtür kontaktlos bezahlen, du kannst fast jeden Termin online buchen. Du kannst beinahe vom Boden essen, überall schnell günstig mit dem Zug hinfahren. Oder mit dem Rad, denn das Wegnetzsystem sucht weltweit seinesgleichen.

Aber ja, vor allem schön, einfach mal rauszukommen, mal woanders zu wohnen, mal für ein paar Wochen oder Monate der deutschen Tristesse zu entfliehen und die Leichtigkeit zu genießen. Sehen, dass es auch anders geht. Jederzeit gerne wieder!

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Urlaub von Deutschland

Ich bin jetzt 1 Monat hier in Scheveningen und langsam wird’s hübsch. Das liegt gewissermaßen auch daran, dass ich meine Erwartungen komplett heruntergeschraubt habe. Ich arbeite immer noch fleißig, bin aufmerksam im Kurs, strebe rum, hab noch keine Hausaufgabe vergessen, lerne hunderte von Vokabeln. Aber nach 4 Wochen hier habe ich auch eingesehen, dass die geplanten 7 Wochen einfach nicht reichen werden, um flüssig in der Sprache zu werden – auch wenn die Fortschritte enorm sind.

Ich verwünsche dich, oh Caspar G., der du mir damals sagtest: „Ein Deutscher braucht sicher nicht mehr als 2-3 Monate, um Niederländisch zu lernen.“ Schön wär’s. Zeitunglesen auf Niederländisch und den Sinn verstehen ist das eine. Die Leute verstehen oder es gar selber sprechen, eine ganz andere Nummer…

Aber seit ich weiß, dass das halt nichts mehr wird, dass ich hier auch keine großen Freundschaften mehr schließe und gewissermaßen auch nichts muss, gehe ich es komplett entspannt an. Die letzten 3 Wochen möchte ich die rare Freizeit für ein bisschen Sightseeing nutzen. Und ein paar Besuche kommen ja auch noch vorbei.

Dies ist mein längster Auslandsaufenthalt seit dem Studium, und es ist phänomenal. Das Land rockt, die Gegend rockt, die Leute rocken. Vielleicht ist es auch schlicht toll, einfach mal nichts mitzukriegen von dem ewigen Hin und Her der Nachrichten aus Deutschland. Ob die designierte Ampelkoalition jetzt Sondierungs- oder Koalitionsgespräche führt, ob die 7-Tage-Inzidenz wieder gestiegen, ob in Bonn irgendeine Brücke gesperrt ist… scheißegal ist mir das, zumindest mal für ein paar Wochen.

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Twee weken al in Nederland

Es fühlt sich an wie ein ganzer Monat, so viel steht fest. Ebenfalls steht fest, dass es ein Meilenstein gestern war, dass sie mir endlich das Swapfiets geliefert haben und ich wieder sporten kann. Oder dass Spielberichte der deutschen Fußballbundesliga auf Englisch schon seltsam anmuten, aber anders hier nicht zu empfangen sind. Und dass mir Gesellschaft fehlt, zumindest an den Wochenenden, wenn ich dafür Zeit hätte.

Dass mir gestern ein (vermutlich) Obdachloser vor meinem Haus ein fröhliches „Goedemorgen!“ und „Hoe gaat het?“ zugerufen hat und ich seitdem hoffe, ihn bald mal wieder zu sehen, spricht auch irgendwo Bände. Nein, nicht dass ich mit einem Obdachlosen nicht genauso gut reden könnte wie mit jedem anderen auch. Aber dass ich sonst einfach noch keine Gesprächspartner hier gefunden habe, mit denen das genauso gut geklappt hätte. Außer mit der wirklich netten (und sehr gründlichen!) polnischen Putzfrau, die heute kam, die aber nur Englisch spricht. Oder meiner polnischen Klassenkameradin (die einzige noch verbliebene), mit der ich mich immer freue, nach dem Kurs noch ein paar Sätze zu wechseln, bevor wir dann beide meist schnell weg müssen.

Ich habe mich bei Meetup angemeldet und es ist schon gek, was es da alles gibt. Aber so einfach ist das gar nicht zu Treffen zu gehen, wenn man weiterhin nicht ganz gesund ist (der verfluchte Nacken ist immer noch verzogen) und mit all den Vorbereitungen, Nachbereitungen, Vokabeltrainings und Hausaufgaben ganze Abende gefüllt sind. Aber morgen Abend habe ich beschlossen, mache ich einfach mal irgendwas mit irgendwelche Leuten.

In meiner kleinen Kammer hier fühle ich mich mittlerweile pudelwohl. Vor allem, wenn der Regen gegen die Fenster peitscht oder der Wind um das Dach weht und ich mich daran erinnere, dass ich hier an einem tollen Ort direkt am Meer sitze. Morgen noch, dann ist es mit den Regentagen angeblich auch erst einmal vorbei. Was aber auch nicht schlimm ist, denn soooo viel von der Stadt habe ich noch gar nicht gesehen, die altehrwürdigen Unistädte Delft und Leiden sind gerade mal eine knappe Stunde mit dem Fahrrad entfernt, nach Amsterdam wollte ich eigentlich auch noch mal (knappe Stunde mit dem Zug). Und in vier Wochen geht es ja eigentlich auch schon zurück. Beeilt euch, wenn ihr mich noch besuchen wollt!

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Foto’s aan Zee

Falls noch einer überlegt, ob er mich besuchen will…

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Mein erstes politisches Gespräch auf Niederländisch

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne und so. Dabei komme ich erst nach fast 5 Stunden müde und mit massiven Rückenschmerzen in Scheveningen an. Nicht viel Zauber für den Anfang…

Und erstmal geht es weiter mit Herausforderungen. Meine Unterkunft finde ich recht schnell, sie sieht heel prachtig eruit! Aber parkeren? Ist hier so ne Sache. Schon unterwegs habe ich mal nach „parkeren scheveningen“ im Web gesucht und auch meine AirBnB-Hosts gefragt. Einhellige Meinung aller Quellen: wissen wir nicht so genau, ändert sich oft und ist auf jeden Fall teuer und sehr kompliziert. Vor dem Haus ist gerade ein Parkplatz frei… Come on, eben halten, ausladen und kurz alles in die Wohnung bringen. Ich riskier’s.

Und es passiert wirklich nichts. Die Wohnung ist toll, genau wie beschrieben. Ich gehe wieder runter und frage die erstbeste Passantin auf Niederländisch, wie es hier mit dem Parken aussehe. Wisse sie auch nicht so genau, sagt sie. Sie glaube, 2 Stunden für einen Mondpreis. Ich gehe noch einmal gucken und die Website des direkt angrenzenden Parkhauses checken. 30 Euro pro Tag! Bei Vorreservierung billiger. Die Website sagt: 200+ Euro pro Monat in der Hauptsaison, die immer noch läuft. Na klasse.

Auf dem Hinweg war mir, ich hätte da ein paar Autos wild an der Hauptstraße parken sehen. Da fahre ich jetzt wieder hin und will das auch machen. Es ist fast 2 km die Straße runter, aber es ist noch ein Platz frei und tatsächlich: kein Schild oder irgendwas. Und zwei Lücken vor mir: ein Auto mit Siegburger Kennzeichen. Ich parke da einfach mal. Meine Vermieter frage ich, ob ich das wohl darf – keine Antwort bisher. Morgen frage ich mal in der Sprachschule, ob die was wissen und sicherheitshalber werde ich noch einmal nachsehen, ob das Auto dann noch da steht…

Den Weg zurück laufe ich. Die Gegend ist wirklich schön. Ein kleiner Kanal, ein ziemlich großer Park, tatsächlich Menschen die für eine – ich vermute Familienfeier – direkt auf der Straßen feiern und tanzen. Ich komme an einem Skaterpark mit angrenzendem Koffieshop (so ein Zufall?) vorbei und muss wohl ein Stückchen zu weit gelaufen sein. Denn plötzlich stehe ich vor dem Strand:

Und den kannte ich bisher tatsächlich noch nicht. Und ist. das. schön. hier! Eine moderne Promenade, viel Sand, tolle Beachclubs, Restaurants, Bars. Ich mache ein paar Fotos, als ich plötzlich hinter mir eine Stimme höre:

„Goedenavond meneer, en hoe gaat het me jou?“

Der junge Typ im Anzug mit leichtem Seitenscheitel, den ich gerade schon dabei beobachtet habe, wie er Aufkleber mit einem akropolisartigen Symbol auf Laternen und Straßenschilder klebt.

Ich frage ihn in gebrochenem Niederländisch zurück, wie es ihm gehe und wofür die Aufkleber stünden. Er fragt, woher ich komme und ob es in Deutschland auch so wenig Auswahl bei den Parteien und wenig direkte Demokratie gebe. Käme drauf an, versuche ich zu sagen. Eigentlich hätten wir genug Demokratie und auch Parteien, auch wenn sich viele davon gar nicht so sonderlich voneinander unterscheiden würden und keine die echten Probleme angehe – aber da scheitere ich knapp dran. Ob es denn eine Partei gebe, die genau meinen politischen Ansichten entspräche, fragt er noch. Ich bekomme nichts anderes hin, als auf Volt zu verweisen, die es ja auch europaweit gebe. Ah, Volt, sagt er, die kenne er, die pro-europäische Partei. Ja genau, sage ich noch.

Er will noch etwas hinzufügen, lässt es dann. Seine Begleiterin grinst sonderbarerweise in sich hinein. Er verabschiedet sich sehr höflich per Händedruck, auch seiner Begleiterin gebe ich die Hand. Na also! Ich habe fast alles verstanden, was er gesagt hat, und die ganze Zeit über haben wir die Sprache nicht gewechselt. Mein erstes politisches Gespräch auf Niederländisch!

Später google ich die Partei namens Forum voor Democratie und da wird mir klar, warum seine Begleiterin so gegrinst hatte. Laut Wikipedia ist die FVD eine EU-skeptische, nationalkonservative Partei in den Niederlanden. ?

Aber immerhin: Er ist gegenüber dem Gast sehr höflich geblieben, auch als er erkannt hat, dass ich politisch eher auf der anderen Seite stehe. Und irgendwie bin auch ich freundlicher geblieben, als ich es sicher wäre, hätte ich vorher gewusst, wer da vor mir steht. Ein wenig Unvoreingenommenheit – täte mancher politischer Diskussion gar nicht schlecht.

Ich schlendere noch ein wenig über die verdammt schöne Strandpromenade, besuche den „Pier“, eine schiffsförmige Mischung aus Mall und Restaurantmeile mit angrenzendem Riesenrad und Bungieturm direkt am Strand. Wunderschön!

Als ich Google Maps nach dem Rückweg frage, zeigt die App die beiden Punkte fast nebeneinander an. Meine Wohnung ist wirklich nur fünf Gehminuten vom Epizentrum entfernt! Die Gegend ist lebhaft, voller Cafés und Restaurants. Es ist alles was teurer, ja, aber wunderschön und belebt. Heute war das Wetter noch einmal super. Ob es bei Regen und Kälte auch alles noch so schön ist, wird sich zeigen. Aber bisher: wunderschön!

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Bonn wacht auf

Jetzt, wo für mich mehr oder weniger ein neuer Lebensabschnitt beginnt, für den ich unbedingt aus Bonn raus kommen wollte, wird es hier plötzlich wieder hübsch. Es gibt Outdoor-Kinos, Live-Outdoor-Wahlkampfdebatten direkt vor meiner Tür (aber ich hatte keine Zeit dorthin zu gehen), Konzerte und Theater sowieso, die Leute machen Sport im Park, die Straßen sind voller Menschen. Vor dem Kaiserplatz kann man bei schönem Wetter mittlerweile ziemlich gut Fußball gucken oder kurz einen Blick auf die Fahrraddemo werfen, die dort lang geht.

Ein neues Brauhaus hat in der Innenstadt geöffnet (Sion zwar, aber was soll’s), auch die Gegend um den HBF kommt langsam aus dem Quark (auch wenn der Style da immer noch ghetto-chic ist). Die Wirte von Nyx und Flynn’s Inn wollen das Anno wiederbeleben. Ähnliches Konzept wie früher zwar, aber im Nebensatz ließen sie die Info fallen, dass der Laden 12 Zapfhähne bekommen soll. Beinahe eine Craftbeer Bar! Es geht aufwärts hier. Warum wollte ich noch mal weg?

Na ja, weil vor ein paar Wochen halt noch alles schlief, Corona noch am Start war, ich jeden Quadratmeter hier im Umkreis hundert mal abgelatscht hatte und man auf jeden Fall ja mal raus muss, aber irgendwie nicht konnte. Jetzt bin ich über beides froh. Dass ich doch noch mal hier weg komme und dass ich mich bei die Rückkehr nicht grämen muss. Bonn ist schön, Bonn lebt wieder, ich freue mich, bald wieder hier zu sein!

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Erstmal Urlaub

„Es ist in unserem ureigenen nationalen Interesse, die Welt zu impfen.“

Sagt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, nachdem Deutschland erstmals auf bereits bestellten Astrazeneca-Impfstoff verzichtet und 1,3 Millionen Impfdosen an die Covax-Initiative abgibt, um auch Menschen in Entwicklungsländern zu impfen.

Dass das am gleichen Tag bekannt wird, an dem die Gesundheitsministerkonferenz beschließt, dass für Astrazeneca-Geimpfte eine dritte Impfung notwendig wird und erste Pharmazeuten das Vakzin als „verbrannt“ bezeichnen, ist natürlich Zufall. ?

Aber genug vom Weltgeschehen. Ich mache erstmal Urlaub. Also richtig los geht’s wohl erst am Sonntag. Und dann über kurz oder lang in die Niederlande. Ob ich von unterwegs blogge, weiß ich noch nicht. Das Handy habe ich auf jeden Fall dabei. Eventuell wird’s hier mal wieder etwas bildlastiger. Oder ich blogge gar nicht? Aber mal sehen…

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Superspießerevent

Ich, ein Spießer? Niemals!

Aber ich fahre E-Bike und trage einen Helm dazu. Natürlich nur, um damit Sport zu machen und auf Tour zu gehen.

Ich gehe an den meisten Abenden etwa zur gleichen Zeit schlafen und am Wochenende auch mal eine Stunde später. Aber nur, weil mein Handy sagt, die Forschung lehre uns, dass regelmäßige Schlafzyklen das Wohlbefinden stärkten.

Ich trinke kaum noch Alkohol. Aber nur, weil mir das wirklich nicht mehr viel gibt und ich ohne genauso viel Spaß haben kann.

Ich esse kaum noch Fleisch. Aber nur, weil Käse ja genauso gut schmeckt wie Wurst, ach was: besser! Und weil ich dieses Fleischersatzzeug wirklich, wirklich mag.

Ich fahre einen Volkswagen, aber nur, weil das Auto, das ich vorher hatte, superunzuverlässig war und keinen TÜV mehr bekommen hat.

Mein Abendessen habe ich mittlerweile auf etwa 1700 Uhr verlegt. Danach nehme ich an den meisten Tagen keine Kalorien mehr zu mir. Aber nur, weil ich ein für alle Mal schlank werden, meine natürliche Körperform finden und dafür abnehmen will. Seit drei Jahren jetzt.

Ich habe jetzt endlich das mit der Altersvorsorge geregelt. Aber nur, weil die gesetzliche Rente ja hinten und vorne nicht mehr reichen wird.

Heute bin ich früher vom Training weg und nur noch kurz mit ins Vereinsheim gegangen. Aber nur, weil ich dringend meine Steuer fertig machen muss. Abends um neun.

Ich ärgere mich, wenn junge Leute auf dem Platz vor meinem Fenster in der Woche nachts um 2 noch Krach machen. Aber nur, weil ich schlafen muss, um tagsüber meinem seriösen Job nachzugehen, um Geld zu verdienen, um mir den Urlaub und die Yuppie-Wohnung im gentrifizierten Stadtteil leisten zu können.

Spießer? Ihr vielleicht!