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73: Tipping Point

Heute Morgen direkt verschlafen und erst um 0900 aufgewacht (statt der geplanten 0630). Es bleibt dabei, es geht nicht. Frühes Aufstehen scheint bei mir nur beim Campen zu funktionieren. Urban ist alles zeitversetzt.

Zu viel Planen ist auch wieder nichts. Warum nicht einfach nach Rotterdam fahren und dann erstmal weiterschauen?

Weil eben auch Corona ist und damit einige Optionen wegfallen wie Flixbus, Stundenlang im Zug sitzen, unterwegs arbeiten und mich in Coworking-Spaces einmieten. Auch Mietwagen sind, des Preises wegen, nicht so richtig eine Option:

Das wäre eine Fahrt von Rotterdam nach Bonn. Klar, Ausland, mit Rückführung…

Aber man könnte von Rotterdam bis Arnheim mit dem Zug (nur gut 1h), mit dem Fahrrad rüber nach Emmerich und von da mit dem RE nach Bonn. Nur schade, dass der RE5 nicht mehr durchfährt und die Fahrt deswegen fast 3 Stunden dauert… Hm. Alles noch nicht ideal.

Da war wohl ganz schön was los in der Rheinaue gestern:

Wenn du deinen eigenen Schnaps hast, dann hast du’s irgendwo auch geschafft:

Ja. Heute nur kurz. War ein richtiggehend ereignisarmer Tag. Selbst zur Corona-Aufzeichnungs-Panne in Bayern habe ich nichts zu sagen. Ihr denn? 🙂 Gute Nacht!

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Hm

.72: Ein klarer Fokus

… war schon toll zu haben. Im Urlaub an den meisten Tagen zu wissen, wohin, das hat mächtig beflügelt. Erst einmal in die Schweiz, dann durch die Schweiz, und dann wieder zurück. Vor jeder Etappe stand meist ein Fragezeichen, wohin es genau gehen soll, aber sobald es fiel, konnte mich nichts und niemand aufhalten.

Es wäre immer gut, so einen Fokus zu haben, auch in Beruf, Hobby und Sport, ohne dass es in Stress ausartet. Gar nicht so einfach…

Mein erster Versuch, was aus dem Urlaub mitzunehmen, war das frühe Aufstehen. Und am dritten neuen Arbeitstag ist es morgens schon erheblich später geworden. 😉 Ich glaube, das wird auf Dauer nichts. Was eigentlich schade ist, weil frühes Aufstehen und damit verbunden früher Feierabend gut mit einer Hitzewelle harmonieren würde.

Bei offenem Fenster zu schlafen, was ich zeitgleich versucht habe, ist am Bonner Frankenbadplatz aber keine gute Idee. Es ist da einfach zu laut, und obwohl ich erstaunlich gut dabei einschlafen kann, ist der Schlaf nicht wirklich erholsam.

Arbeiten ist ganz nebenbei anstrengender als Radfahren, zumindest für den Kopf. Da scheint er schlicht mehr Schlaf zu brauchen.

Wenn ich eins aus dem Urlaub gerne mitnehmen wollte, was mir besonders gut gefallen hat, dann ist das – die Bialetti aus der ersten AirBnB-Wohnung. Steht für mich für Ferien, Ferienwohnungen, irgendwie ein gutes Lebensgefühl. Ich habe mir eine bestellt, eine, die (okay, bisschen weniger Urlaubsgefühl) auch auf dem Induktionsherd funktioniert.

Das hatte überraschenderweise nichts damit zu tun, dass meine Espressomaschine seit heute bei der Reparatur ist. Die Heißwasserdüse wollte nicht mehr aufhören zu tropfen…

Die Public Beta von macOS Big Sur führt bisher dazu, dass ich heute dreimal den Akku aufladen musste. Im Firefox stürzt jedes zweite Browser-Fenster ab. Das kriegen sie hoffentlich noch in den Griff…

Ja, jetzt sieht alles was iPad-mäßiger aus. Das isses dann aber auch im Großen und Ganzen. Da von „macOS 11“ zu sprechen, scheint mir reichlich übertrieben.

Mal nachgeschaut, wie weit es eigentlich noch bis Hoek van Holland ist (dem offiziellen Ende der Eurovelo 15 entlang des Rheins). Wieder mal festgestellt: Die Strecke ist das geringste Problem. Das bekäme man an einem Freitagmittag startenden Wochenende hin. Das eigentliche Problem ist die An- oder Abreise mit Bahn und Fahrrad. Ja, die kriegen jetzt Geld, ja, die investieren jetzt. Aber Radreisen sind im Kanon der Deutschen Bahn (die auch in die Niederlande fährt) nicht ernsthaft vorgesehen, in ICEs ohnehin nicht. Ich fürchte, das wird sich auch nicht großartig ändern.

Lustig in diesem Zusammenhang: Gerhard Schröders aktuelle Ehefrau Soyeon Schröder-Kim sorgt sich um den Zustand der Deutschen Bahn. Was sie vermutlich nicht ahnt (aber ruhig mal nachrecherchieren könnte): Mit einem der Hauptverursacher der Misere teilt sie das Bett. Der und sein Duzfreund Hartmut Mehdorn hielten es damals für eine gute Idee, die Bahn auf Kosten der Reisenden kaputtzusparen, damit sie für Investoren attraktiv würde (wie auch immer das genau funktionieren sollte). Schröder ist derweil damit beschäftigt, seinem ehemaligen Regierungssprecher seine getönten Altersmemoiren zu diktieren. Motto, wie früher auch schon: Toll, wie ich das alles wieder hinbekommen habe.

Wenn’s in Bonn mal regnet, dann aber auch richtig. Meinen Olivenbaum hat’s umgeworfen:

Paar Meter weiter der halbe Baum liegt zur Stunde immer noch da.

Einmal noch, weil’s so schön war:

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Yeah

.71: Urlaubslektüre

Drei Wochen Urlaub, acht Bücher insgesamt. Wollte kurz vorstellen, was ich da so gelesen habe.

  • Kurt Tucholsky: „Schloss Gripsholm“. Relativ seichte, halbautobiografische Sommer-Liebesgeschichte. Aber Tuchoslky verfügte wirklich über einen beneidenswerten Wortschatz.
  • Sun Tzu: „Die Kunst des Krieges“. Wollte ich immer schonmal lesen und interessierte mich vor allem, weil die beschriebenen Taktiken natürlich nicht nur militärisch zu verstehen sind. Aus unserem heutigen Verständnis ist das Buch wenig humanistisch, auch wenn Sun Tzu davon spricht, dass der kluge General einen Krieg nur als äußerstes Mittel einsetzt. Käme es doch dazu, solle man zusehen ihn nur im Ausland auszutragen und das auch auszuplündern…
  • Joey Kelly: „Hysterie des Körpers“. Das Mitglied der Kelly Family, das wohl den ungewöhnlichsten Weg gegangen ist, in einer Art Autobiografie. Kelly ist längst als Extremsportler unterwegs, kombinierte seine Wettkämpfe jahrelang mit musikalischen Auftritten und der Organisation der Kelly Family. In dem Buch beschreibt er, wie er seine Ängste besiegte und immer wieder über seine Grenzen ging, was ihn weiter brachte, als er sich jemals ausmalen konnte. Eine tolle Motivationshilfe, ohne die ich mir gar nicht mal sicher bin, ob ich zweimal den Gotthard passiert hätte.
  • Tim Krohn: „Nachts in Vals“. Ein Buch eines Schweizer Autors durfte natürlich nicht fehlen. Krohn hat sicher noch bessere im Angebot, die kurze Kurzgeschichtensammlung gefiel mir trotzdem vor allem wegen ihres schlanken Formats als Urlaubslektüre. Eigentlich haben alle Geschichten Spaß gemacht zu lesen, einen roten Faden zwischen ihnen vermisst man allenfalls.
  • Gerald Janssen: „Draußen unterwegs“. Eine kleine Einführung in das Leben draußen, mit schönen Illustrationen und vielen hilfreichen Tipps. Als „Outdoor-Survival-Guide“, wie es sich selbst nennt, ist es aber kaum ausreichend. Da bräuchte es genauere Tipps. Trotzdem eine schöne Einführung.
  • Val Williams: „Fotografie: 80 Meisterwerke verstehen“. Kaufte ich im Shop des Basler Kunstmuseums. Die Autorin geht 80 hübsche Bilder durch und beschreibt, was sie so besonders macht. Gab mir ein paar wertvolle Tipps und erzählte interessante Geschichten, aber ob ich mit allen Erklärungen so d’accord gehe, weiß ich nicht. Trotzdem angenehm zu lesen.

Dazu hatte ich noch den Schweiz-Reiseführer von Marc Engelhard (Marco Polo) dabei (ist in Ordnung!) und kaufte mir unterwegs den Veloguide für die Schweizer Nord-Süd-Route (bisschen mau, die Website dazu bot mehr Infos). All die Zeit zum Nachdenken auf dem Rad war zwar schön und hilfreich, aber irgendwann schrie mein Kopf dann auch nach Input.

Abgefahrene Idee, und schmeckt!

Ah-ah! Saviour of the universe:

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Yeah

.70: Urlaubsgedanken

Drei Wochen Radreise und folgende Erkenntnisse:

  • Klassische Nachtmenschen können im Urlaub offenbar auch früh aufstehen. Im Schnitt kam ich gegen 0630 Uhr hoch. 0630!
  • Müde war ich dann eigentlich nur, wenn ich am Morgen kein klares Ziel vor Augen hatte und eben nicht so richtig wusste, wohin mit mir.
  • Ich fuhr im Schnitt fast 100 Kilometer am Tag, was einen ziemlichen Kalorienverbrauch bedeuten dürfte. Und trotzdem hatte ich nur wenige Male überhaupt Hunger. Wenn, dann war es meist Appetit. Mein Körper war genauso mit nichts zufrieden, wie wenn ich einen Burger mit Pommes (oder Rösti mit Bratwust) reinschob. Es war schlicht kein Unterschied.
  • Bei wenig Nahrungsaufnahme kam ich am nächsten Tag allenfalls langsamer voran, fühlte mich energieärmer. Das kann aber auch schlicht am Mangel von Vitaminen und Spurenelementen gelegen haben, von denen ich mangels Nahrung dann natürlich auch zu wenig aufnahm.
  • Wichtig war dennoch 1 Kaffee vor dem Start, durfte aber auch gerne ein schwarzer sein.
  • Rank und schlank bin ich übrigens trotzdem nicht geworden. Das scheint alles nichts damit zu tun zu haben.
  • Anfangs führte ich Smalltalks mit anderen Radreisenden noch enthusiastischer als am Ende, das stimmt schon. Aber alles in allem habe ich diese kurzen Kontakte und Erfahrungsaustausche sehr genossen. Einsam habe ich mich tatsächlich nur einmal kurzzeitig gefühlt, als ich in einer AirBnB-Wohnung untergekommen war.
  • Ich konnte es mir zwar anfangs nicht vorstellen, aber ich überlege jetzt, das E-Bike doch zu behalten. Berge und andere anspruchsvolle Strecken haben ihren Schrecken dadurch verloren. Das Weniger an Anstrengung im Vergleich zum nicht-motorisierten Radfahren dürfte sich damit ausgleichen, dass man doch eher geneigt ist, überhaupt mal eine Spritztour einzulegen und dann gleich etwas weiter zu fahren.
  • Schwiitzerdüütsch. Anfangs habe ich kein Wort verstanden, was meist kein Problem war. Die meisten Schweizer schalten sofort auf Schriftsprache um, sobald klar ist dass der Gesprächspartner der norddeutschen Tiefebene entstammt. Zum Schluss häuften sich die Fälle, wo die Schweizer einfach trotzdem weiter Schwiizerdüütsch mit mir sprachen. Sicher auch, weil sie dann merkten, dass ich das meiste verstand. Nehme ich mal als Kompliment.

Noch 300km oder drei Etappen, sagt Google Maps, dann hätte ich den ganzen Rhein abgefahren:

Mal sehen, wie am Wochenende so das Wetter wird. 😉

Was Deutschland von der Schweiz lernen könnte:

  • Trinkbrunnen überall. Eine wunderbare Infrastruktur für Reisende, aber auch für Einheimische. Mal eben schnell sein Wässerchen wieder auffüllen. Für einen Deutschen ungewohnt: Solche Trinkbrunnen sind in der Schweiz für gewöhnlich von Schmierereien, Fäkalien und Vandalismus verschont.
  • Überhaupt erlebt man zumindest als Reisender wenig Vandalismus, Graffiti oder Schmierereien in den meisten Orten. Klar, der Deutschschweizer gilt gemeinhin als etwas konservativer, Graffiti ist eher ein Ausdruck des linken Spektrums. Oder es fehlt den Leuten einfach der in Deutschland offenkundige Hass auf den Staat. Warum zerstören, womit man im Großen und Ganzen zufrieden ist?
  • Der Umgang mit Geld. In der Schweiz ist eigentlich alles teurer als in Deutschland, teilweise sogar erheblich. Der Gegenwert ist allerdings auch eigentlich immer höher. Ich gebe zwar 25-30 Franken für ein Abendessen aus, aber ich kann mir dann sicher sein, dass es auch gut ist. Lange Zeit hatten die Schweizer bei den Supermärkten fast nur die Wahl zwischen Migros und Coop (vergleichbar mit Edeka vs. Rewe minus der Billig-Hausmarken), mittlerweile haben auch Aldi und Lidl dort Fuß gefasst. Gut gefiel mir die Mentalität, dass – anders als in Deutschland – nicht alles immer möglichst billig sein muss. Der Deutsche ist dann glücklich, wenn er für 10 Euro ein möglichst großes Essen bekommt, Geschmack erstmal zweitrangig. In der Schweiz schien es für mein Gefühl anders herum zu sein.
  • Das setzt sich auch in anderen Bereichen fort. Mir fielen zum Beispiel in der Schweiz gerade sehr viele modisch gekleidete Männer auf. Trendige Frisuren, elegante aber nicht angeberische Kleidung und sogar Tattoos, die irgendwie in das jeweilige Konzept passten. Und das sage ich, der Tattoos gemeinhein nichts abgewinnen kann. Deutsche gehen nach dem Motto vor: Alle haben ein Tattoo, also muss ich auch eins haben. Tattoostudio, zeig mal Katalog, was wird gerade viel genommen? Bunte Blumenvase mit Totenkopf drauf? Okay, dann nehm ich so eins, aber möglichst groß, damit es jeder sieht. Wo ist am meisten Platz? Die Wade ist noch frei, dann los…
    Bei 95% aller Tattoos, die ich an Deutschen so sehe, bin ich peinlich berührt. Du wolltest halt unbedingt eins haben und in 5 Jahren wird das ungefähr noch so cool sein wie heute ein Arschgeweih. In der Schweiz sah ich sehr oft, dass Tattoos der einen oder anderen Person richtig gut standen und im Gesamtkonzept des jeweiligen Stils aufgingen. Fand ich überraschend ansehnlich.

Vielleicht werde ich doch noch zum Radnarr. Seit ich wieder hier bin, fahre ich täglich Rad, was auch sehr gut gegen die Hitze ist. Direkt vor der Haustür is‘ nämlich auch ganz hübsch:

Und es gibt überrascht guckende Bäume:

Mehr als 1 Jahr vor der nächsten Bundestagswahl und damit viel zu früh nominiert die SPD einen lieben, netten Onkel zum Kanzlerkandidaten. Das erinnert mich irgendwie an etwas von vor ein paar Jahren, weiß nicht mehr genau was, aber es hat bestimmt gut funktioniert…

Problem ist aber hauptsächlich, dass die SPD noch immer nicht verinnerlicht hat, was vor drei Jahren schon der Fall war: Dass sie bloß noch eine etwas zu groß geratene Splitterpartei ist, die eine eigene Opposition gleich eingebaut hat und sich ständig selbst sabotiert. Die hat das Recht einen Kanzlerkandidaten zu stellen und darf es auch versuchen, wird aber mit der Taktik niemals gewinnen. In Bayern reibt sich gerade ein gewisser Landesfürst die Hände.

Demokratie nervt. Wie die Sau. Ja, alles andere bereits Existierende ist mindestens genauso schlecht, sagte schon Winston Churchill. Aber dann wird es langsam mal Zeit, etwas Besseres zu erfinden. Jemand ne Idee?

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.69: Back in Bonn

Das Frühaufstehen ist im Urlaub zur Gewohnheit geworden. Um 0630 komme ich heute raus und dusche erst einmal ausgiebig. Direkt nach dem Zusammenpacken fahre ich die letzten 10km nach Basel rein. Es ist ein herrlich lauer Morgen, nicht zu warm, nicht zu kalt. Eigentlich ideal zum Radfahren.

Alles klappt. Auf einer Wiese ziehe ich mich noch einmal um, am Badischen Bahnhof ist ein Schließfach für mich frei und um Punkt 1000 Uhr bin ich der erste an der Kasse des Basler Kunstmuseums. Die Auswahl der Arbeiten ist Schweizerisch: Gar nicht mal so übermäßig viel, dabei aber teils the best of the best. Das Selbstporträt von Vincent Van Gogh, viele Werke von Paul Klee, Picasso, Franz Marc, Andy Warhol, ein schönes, fotoartiges Gemälde von Gerhard Richter. Schon toll.

Zurück am Bahnhof begebe ich mich in die Hände der Deutschen Bahn. Und die Probleme fangen an. Die meisten der Gleise am Badischen Bahnhof haben eine Aufgehrampe. Gleis 9 hat: nichts, keine Rolltreppe, keine Rampe, keinen Fahrstuhl. Ich muss meine Taschen absatteln, sie separat hochtragen, dann noch das E-Bike und dann alles noch einmal rein in den RE, der wenigstens schon da steht und wo immerhin noch Platz ist. Dann die FPP2-Maske auf und das alles bei 30 Grad. So bin ich bereits vor Fahrtantritt verschwitzt. Na prima.

Die Masken sind übrigens Mist. Sie passen nicht und sind undicht. Ich kann von oben meinen Mund sehen. Rücke ich sie zurecht, drückt das Plastikventil derart stark auf meine Nase, dass es weh tut. Mir scheint, die Dinger sind nur für Menschen mit kleinen Nasen gemacht.

Zweieinhalb Stunden im RE ziehe ich unter der Maske durch, kein Schluck zu trinken in der Zeit. Von den Leuten um mich herum tragen nur einige ihre Maske vorschriftsgemäß. Einige haben sie unter die Nase gezogen, andere unters Kinn, wieder andere haben gar keine auf. Es gibt keine Kontrollen, keine Durchsagen, keine Hinweise. Niemanden interessiert’s. Corona gibt es im Regionalverkehr der Deutschen Bahn nicht.

Die 2,5 Stunden von Karlsruhe bis Bonn schaffe ich dann schließlich auch noch. Der Wagen ist deutlich leerer, die Leute tragen mehr Masken, und auch wenn’s lange dauert: Wenigstens die Klimaanlage läuft.

Raus aus der kühlen Schweiz und mitten rein in die Bonner Hitzewelle. Als ich abends ankomme, sind noch weit über 30 Grad. Die Stadt kommt mir wie eine Wüste vor. Eigentlich das ideale Wetter, um an die kühle Nordsee oder die Berge zu fahren, aber, nun ja.

Das war es mit dem Urlaub, wobei ich gleich wahrscheinlich noch einmal das Zelt im Garten aufbauen werde. Zum Trocknen. Ob ich mich nochmal reinlegen soll? Na, mal sehen. 😉

Nach 6 Stunden FPP2-Maske. Aber ihr hättet mal den Anderen sehen sollen…

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.68: Basel one last time

Am Ziel. Sozusagen. Die letzte Etappe ist relativ leicht und ohne besondere Ereignisse. Weil der Zeltplatz am Vorabend bei genauerer Betrachtung an einer Schnellstraße liegt und sich immer wieder einzelne Autos auch in unsere Straße verirren, mache ich kaum ein Auge zu. Um 0530 gebe ich auf, schäle mich aus dem nassen Schlafsack und packe in Rekordzeit alles fertig. Inklusive des Kaffees an der Tanke gegenüber, bin ich um 0700 startklar.

Ich komme gut voran, höre Musik, ziehe die 70km fast in einem durch und mache nur eine Frühstückspause in Bad Säckingen.

Am Ende wartet ein Zeltplatz 10 km vor Basel. In der Stadt selbst gibt es keinen. Die Rezeptionistin ist gar nicht mal so verwundert, dass da um 1100 schon einer für die kommende Nacht einchecken will. Aber einen Vorteil hat meine frühe Ankunft: Ich bekomme einen Platz im Schatten direkt am Fluss (Rhein) zugewiesen. In den Bäumen darüber brüten Klapperstörche. Sieht man auch nicht alle Tage.

Eigentlich wäre mir ein Platz in der Sonne fast lieber gewesen, um mein klatschnasses Zelt noch einmal zu trocknen und meine Powerbank noch einmal aufzuladen. Neben einem Wohnwagen finde ich aber ein kleines sonniges Plätzchen, wo ich die Solarzelle auslegen kann. Wenig später kommt eine liebevolle, alte Frau aus dem Wohnwagen, mit meiner Solarzelle in der Hand: „Ich leg das mal in den Schatten. Ist ja nicht gut, wenn das die ganze Zeit Sonne bekommt.“ 😅

Morgentau, du verdammter Spielverderber!

Später fahre ich mit dem E-Bike nach Basel rein. Damit habe ich meine Tour dann offiziell beendet. Ich bin den ganzen Rhein von der Rheinquelle bis nach Bonn abgefahren, wenn auch in verschiedene Richtungen.

Am Bahnhof möchte ich herauskriegen, warum das mit meiner Fahrradreservierung gestern nicht geklappt hat. Der simple Grund, wie sich herausstellt: alle Fahrradplätze sind ausgebucht. Hättest du das nicht wissen und mir schon sagen können, bevor ich die Fahrt buche, DB Navigator? Stornieren kann ich das Ticket natürlich nicht, das sei bei der gewählten Ticketart nicht möglich. (Ihr Säcke, darüber reden wir noch, wenn ich wieder da bin!)

Dafür gerate ich an eine höchst hilfsbereite Dame bei der SBB, die sich eine halbe Stunde ins Zeug legt, um mir eine Alternative herauszusuchen (RE bis Karlsruhe, ab da den IC zum Sparpreis), mir danach noch ein Ticket nach Bern verkauft (habe spontan beschlossen, da noch hinzufahren) und mir den Weg zu einer Apotheke um die Ecke weist.

Und da bekomme ich sie endlich: Die letzte Packung FPP2-Masken, die nicht nur die anderen schützen, sondern auch mich selbst. Auf der Fahrt nach Bern probiere ich sie gleich mal aus.

Und fühle mich gar nicht so toll darunter. Sie sitzt sehr eng, es riecht nach Chemie, ich bekomme kaum Luft und werde so müde, dass ich ein paarmal einnicke. Es wird eine verdammt lange Stunde. Auf der Rückfahrt geht’s dann aber. Vielleicht ist jede Maske anders? Die Idee, darauf zu setzen, scheint mir zumindest gar nicht so dumm. Der Waggon ist relativ voll, in jedem Vierer sitzt mindestens einer. Und das Mädel neben mir trägt anfangs gar keine Maske, weil sie sich noch schminken muss.

Bern ist toll! Die Zeit reicht nicht für viel mehr als einen Kaffee, um mich wieder aufzuwecken, einen Stadtbummel mit paar Fotos und einem Abschlussessen. Es werden Militärkäseschnitten. Sehr deftig, sehr lecker!

Letzter Programmpunkt morgen vor der Abfahrt: noch einmal ins Kunstmuseum. Und dann bin ich hier fertig, sehe der Fahrt nicht unbedingt mit Vorfreude entgegen. Einmal wegen 6 Stunden Maskentragens (mit wenigstens 1h Pause dazwischen), einmal weil ich die Schweiz vermissen werde. Es war wirklich schön hier! 🥺

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.67: Bad Zurzach

Ich bin genug geradelt. Ich mag nicht mehr. Ich fahre morgen die letzte Etappe bis Basel, dann geht’s mit dem Zug zurück.

So zumindest der Plan. Aber mal eben schnell ein Fahrrad mitnehmen im Zug – dann wird es eine lange Fahrt mit etlichen Malen umsteigen:

Nicky kam dann mit der goldenen Idee, Bonn-Beuel als Ziel anzugeben. Und siehe: da fährt nachmittags ein EuroCity von Basel durch. Ich fahre lieber am Samstag, weil weniger los. Die Karte buche ich direkt, Fahrradmitnahme reservierungspflichtig. Ja, aber ätschbätsch. Lässt sich in der App nicht buchen wegen is nich. Lustig.

In der Warteschleife der Service-Hotline komme ich nicht durch. Ich schicke eine E-Mail hin, werde in Basel morgen vor Ort noch einmal an einen Schalter gehen. Irgendwie muss es klappen. Auch nach sichereren Masken werde ich mich noch einmal umschauen.

Mein Zeltnachbar, der heute die Gegenrichtung gefahren ist, spricht schon noch von einer anspruchsvollen Etappe. Aus meinem Ursprungsplan, morgen noch mit dem Zug nach Bern und Interlaken zu fahren, wird wohl eher nichts. Schade. Aber es wird auf jeden Fall ein Schweizer Abschlussessen geben. Das lasse ich mir nicht nehmen. 🙂

Die Strecke heute war eher unspektakulär, hatte aber ein großes Highlight für mich (nachdem es den Rheinfall nur von hinten zu sehen gab), und das ist: Stein am Rhein! Von allen mittelalterlich anmutenden Städten ist das mit Abstand die best erhaltendste Kulisse, die ich je gesehen habe:

Fahrt da unbedingt mal hin!

Morgentau, du alter Drecksack!

Kondensation und Kälte sind zwei Dinge, die beim Zelten zusammen genauso lästig wie Regen sind. Es wird eisig kalt im Zelt, und morgens ist alles nass, und meist musst du alles zusammenpacken, bevor die Sonne es trocknen kann.

Ohnehin machen sich langsam die ersten Auflösungserscheinungen bemerkbar. Eine Fiberglasstange ist zersplittert:

Für euch ausprobiert: Man kann Zelt, Luma und Schlafsack in einem zusammenrollen. Das sieht dann so aus, spart aber kaum Platz, allenfalls etwas Zeit:

Morgen ein hoffentlich vorerst letztes Mal an den schönen, grünen Rhein. Wünscht mir Glück!

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.66: Konstanz und Kreuzlingen

Muss es heute mal kurz machen, bin mit Nicky und Juan in Konstanz unterwegs.

Der Weg dahin war anstrengend, ging praktisch bis zum 1. Frühstück gar nicht vorbei.

Als ich beim 2. Kaffee plötzlich in Euro bezahlen musste, wunderte ich mich: „Sind wir in Deutschland?“ – „Nein, in Österreich.“ Ah! Vier Länder an einem Tag.

Heute nur noch ein paar Bilder. Mehr morgen.

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.65: Liechtenstein und Heidi-Land

Es ist immer gut, am Morgen nach vernichtenden Wetterprognosen noch einmal den Bericht zu checken. Und siehe da: Regenwahrscheinlichkeit erheblich gefallen. Es sind nur noch ein paar Schauer angekündigt und tatsächlich – das sei vorweg genommen, komme ich in keinen mehr davon. Aus dem Bett komme ich dafür auch kaum. Nachdem ich meine ganze Ausrüstung verstaut, im Fahrradgeschäft nebenan vergeblich um eine Pumpe gebeten, mir ein Buch gekauft und mir im Hipster-Café einen schwarzen Kaffee genehmigt habe, ist es auch schon fast 11, als es endlich losgeht.

Ich komme äußerst langsam voran. Heute scheint irgendwie nicht der Tag zu sein, um gut Strecke zu machen. Ist aber auch nicht schlimm, denn zunächst lockt der Swiss Grand Canyon (Rheinschlucht), dann kleine Alpendörfer mit historischen Filmkulissen. In einem kaufe ich mir einen Alpkäse und zwei Semmeln, was mein Mittagessen wird.

Chur und ich werden keine Freunde. Zum einen bin ich irgendwie genervt von allem und jedem (Ermüdungserscheinungen?), die Beschilderung führt voll in die Irre, fast eine Stunde suche ich nach der Altstadt, gönne mir auf dem Weg eine Ovi zur Stärkung, und dann ist die Stadt noch nicht einmal besonders umhauend. Bitte, das soll eine Kathedrale sein?!

Nee sorry Chur, es liegt sicher an mir, aber heute wird das nichts mit uns, ich fahre weiter.

Es ist schon 1515, gerade mal eine halbe Etappe ist geschafft, und ich wollte doch noch ins Heidi-Dorf. Was ist denn los, warum schleppe ich mich heute so durch? Ich werfe mir zwei Energiepakete ein (30g-Tüte Studentenfutter von Penny, immer für den Notfall dabei) und checke Google Maps. Maps sagt: Heidi-Dorf schließt um 1700, noch gut 1h Fahrt.

Wie der Teufel trete ich anschließend in die Pedale. Bergauf, bergab, ist egal. Die Aussicht auf Kitsch verleiht mir Flügel (oder ist es das Studentenfutter?). Das Heidi-Dorf muss ich sehen.

Der Weg dahin ist schon wunderschön, ich frage mich, ob ich nicht längst da bin.

Aber nein, das eigentliche Heidi-Dorf ist noch einmal 5km den Berg hinauf. Dort angekommen – entpuppt es sich als Tourifalle. Ein paar lebensgroße Figuren aus der Geschichte, ein paar Holzhütten, ein Streichelzoo, wo ich einen neuen Freund gewinne, das ist es.

Den Eintritt spare ich mir, ein paar Hütten kann ich auch so besichtigen, alles von außen fotografieren. Dafür stürme ich den Gift Shop für ein paar Souvenirs.

Es ist zwar nicht nass, aber kalt heute. Ich hätte am meisten Lust, mich einfach ins Zelt zu legen, mich dick in meinen Schlafsack einzupacken und das neue Buch zu lesen. Google Maps schlägt einige Campingplätze vor. Der nächste und best bewertete ist in Liechtenstein, direkt auf der anderen Rheinseite. Warum nicht! Ich sehe also ein paar Straßen und Dörfer von noch einem anderen Land. Und komme in einem sehr ruhigen, urig gelegenen Campingplatz unter. Ideal für eine entspannte Nacht.

Morgen soll es dann nach Konstanz gehen, eventuell schon die letzte Schweiz-Etappe. Mal sehen, auf wen man dort vielleicht noch so trifft. 🙂

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.64: Ilanz, nass aber glücklich.

Die Frage, ob ich in der Pension auch essen wolle, bejahe ich spontan, ohne groß darüber nachzudenken. Möglichst früh, um andere Gäste zu umgehen, begebe ich mich in den kleinen Speisesaal. Die Luft steht, nur ein Fenster ist auf kipp. Im Saal sind das Gastgeberehepaar (okay, mit denen beiden hatte ich schon Kontakt) und noch ein Dude aus dem Dorf. Ich bestelle und ein weiterer Gast kommt rein, direkt nach ihm eine vierköpfige Familie.

Und ich werde immer unruhiger auf meinem Stuhl. Hier in der Schweiz gilt in einigen Kantonen nur das Abstandsgebot, drinnen wie draußen. Motto: Halte 1,50 Abstand zu anderen Gästen, desinfizier das meiste, lass nicht zu viele Leute gleichzeitig in den Shop, dann ist alles gut. Ich gehe immer mit Maske rein und werde manchmal nett darauf hingewiesen, dass ich das nicht müsse. Worauf ich dann entgegne, dass ich aber möchte, und mich immer, wo möglich, draußen zum Essen hinsetze. In Luzern vor einer Woche waren Innenräume noch komplett gesperrt, hier in Uri und Graubünden herrscht abends (Aerosol)Party in Kneipen und Restaurants.

Mir wird das hier zu heiß. Ich frage direkt in den Raum, ob ich auch draußen auf der Gästeterrasse essen könne. Eigentlich nicht, entgegnet die Besitzerin. Sie sei nicht mehr so gut zu Fuß. Also schlage ich vor, das Essen selber rauszutragen. Das geht in Ordnung, aber ich habe das Gefühl, dass die Stimmung im Saal danach gedämpft ist. Dieser komische Deutsche mit seinem Corona-Spleen…

Auf der Gästeterrasse treffe ich Holger, ein ebenfalls Radreisender aus Chemnitz und ein sehr netter Kerl. Wir unterhalten uns für gut eine Stunde in bitterer Kälte, aber genießen die frische Luft und ein wenig Gesellschaft. Er ist Fotograf und war früher Mitglied der Band „Die blauen Engel“, die 1992 im deutschen Vorentscheid zum Eurovision knapp gegen Ralph Siegels Vorschlag „Wind“ gescheitert sind. Holger zeigt mir das Video auf YouTube. Er ist der Typ in der Mitte mit rotem Jackett und weißer Hose.

Am nächsten Morgen beim Frühstück bekomme ich den Platz direkt an der offenen Eingangstür zugewiesen. Auch das Fenster hinter mir ist offen. 😄 Als Holger runter kommt, fragt er, ob er sich, auf Abstand, dazu setzen darf. Als ich bejahe, guckt die Besitzerin ziemlich irritiert. Dieser verrückte Deutsche…

Es steht fest, dass es die nächsten zwei Tage regnen wird. Was tun? Ich stehe um 0630 auf und schaue in die Wetter-App. Der Morgen sieht noch ganz gut aus, Disentis ist laut Google Maps zwei Stunden entfernt. Ich beschließe, es zu versuchen. Meine Regenklamotten müssen auch mal ausprobiert werden.

In Andermatt beginnt der Rheinradwanderweg, die Eurovelo 15 – und schickt den Reisenden gleich als allererstes den Oberalppass hinauf. 600 Höhenmeter auf 10 Kilometern, wie um gleich ganz klar zu machen: Du bist hier in der Schweiz, Junge! Kindergeburtstag kannst du in Deutschland feiern.

Nach gestern haut mich der Aufstieg nicht mehr um, zumal ich mir diesmal beinahe durchgehend Stufe 2/4 gönne, er ist aber doch länger als gedacht. Unterwegs werden die Tropfen auch langsam zu Regen. Da macht der Tag heute keinen Bogen herum.

Oben am Oberalppass ist der offizielle Startpunkt des Rheins. Ein Leuchtturm steht Pate. Sein eigentlicher Ursprung ist etwas weiter unten am Tomasee. Den Abstecher erspare ich mir aber aufgrund von Kälte und Regen.

Als es abschließend kilometerweit bergab geht, wird mir direkt etwas kalt und mir fällt noch etwas ein, was ich hätte mitbringen können: Handschuhe. Vielleicht wäre es auch klüger gewesen, das verschwitzte Hemd noch vor der Abfahrt zu wechseln. Das erledige ich leider erst am Bahnhof Disentis. Der Milchkaffee, den ich dort an der Raststätte trinke, und den ich zum Erstaunen des Baristas draußen zu mir nehmen will, wärmt wie ein Kachelofen. Danach bin ich wie neu und beschließe noch weiter bis Ilanz zu fahren. Chur wäre zu weit und mit 1.000 weiteren Höhenmetern vor allem zu hoch.

Auf dem Weg steht plötzlich eine Absperrung, die etwas von einer Schlammlawine erzählt. Man solle sonstwohin fahren und dort einen Umweg nehmen. Aber was ein echter Aventurer ist, der fährt natürlich trotzdem weiter. (Ich war auch nicht der erste oder sehe es als Verbot an. Die Absperrung ist gut umfahrbar.

Was ein echter Aventurer ist, der macht auch nicht Halt vor einem offensichtlichen Matschhaufen mit dahinter rauschenden Gebirgsbach, der ridert da easy durch. Einfach die sicherste Stelle ausgucken und das Rad drüberschieben.

Was ein echter Aventurer ist, der gibt auch nicht auf, wenn der Reifen im Schlamm einsackt. Oha, doch deutlich weicher der Boden, als ich dachte. Egal, schnell weiter, auch wenn mittlerweile das halbe Vorderrad feststeckt, das hintere auch, und ich selbst bis zu den Knieen. Und der Motor und die Naben drohen darin zu versinken. Ohauaha!

Ich habe das 35-Kilopaket mitten in den Morast navigiert, und ich selber stecke auch fest. Ich ziehe und drücke, schiebe und hieve, es bewegt sich nichts, sorgt nur dafür dass ich immer weiter einsacke. Wie so oft mal wieder die Frage: was jetzt? Die Bergwacht rufen, damit sie einem Ebike das Leben retten? Ihnen dann erklären, dass ich das Warnschild einfach in den Wind geschlagen habe? Warten, bis einer zur Hilfe kommt, auf einer abgesperrten Straße? Ich habe keine Wahl, ich muss mich (im wahrsten Sinne des Wortes) aus meinem eigenen Schlamassel befreien.

Aber wie? Zunächst versuche ich, das 35-Kilopaket auf 20 Kilo zu erleichtern. Ich nehme die Taschen ab und werfe sie auf den Geröllhaufen 1 Meter hinter mir. Meine völlig verschlammten Schuhe und Socken ziehe ich aus, damit sie mich nicht noch tiefer reinziehen. Wie ich aussehe, ist mir mittlerweile längst egal. Und dann ziehe und ziehe ich. Zunächst das Vorderrad. Es kommt ein Stück raus. Der Hinterrad – versinkt noch tiefer dabei.

Ich fluche und kreische und irgendwann singe und lache ich. Ich stelle mir vor, wie ich mir selbst dabei zusehe, voller Schlamm und völlig verzweifelt. Ich brülle mit Motivationen zu, als wäre ich mein eigener Fitnesstrainer. Ich versuche es noch einmal. Erst das Hinterrad, das ich gleichzeitig vom Schlick befreie. Beim fünften Versuch kommt es ein Stück weit heraus. Jetzt das Vorderrad. Ich ziehe und ziehe, bis es endlich nachgibt.

Wie genau, weiß ich nicht mehr, aber nach einer guten halben Stunde im Morast sind Rad und Fahrer endlich da raus:

Just in diesem Moment kommt natürlich doch noch jemand vorbei. Es ist das Pärchenein, das ich ein paar Kilometer vorher überholt habe. Ich zeige auf mich als warnendes Beispiel und rate beiden zur Umkehr. Die Frau steigt ab und schlägt vor, über die andere Seite am Morast vorbeizugehen. Das könnte in der Tat gelingen… Verschlammt wie ich eh schon bin, schlage ich vor, den Weg auszuloten. Es klappt (erschreckend) problemlos. Gemeinsam schieben wir drüber. Ich muss meine Sachen noch nachholen. Netterweise warten die beiden solange, bis ich alles sicher rübergeschafft habe.

Die nächste Stunde verbringe ich damit, mir mit der Trinkflasche Wasser aus dem keinesfalls klaren Gebirgsbach zu holen und die Schlacke damit abzuspülen. Die Sache ist vertrackt. Ein Gemisch aus feinem Sand und kleinen Kieselsteinen steckt auf der ganzen Unterseite des Fahrrads. Auch der Antribesriemen ist verschlammt, treten lässt sich nicht mehr und das Rad kaum noch bewegen. Und sollte das Zeug in die Kugellager oder den Motor gekommen sein, dann ist eh Feierabend.

Wohl 20x renne ich an den Bach und hole neues Wasser. Es geht. Es spült den größten Mist weg. Aber wie kriege ich das Gemisch aus den Zacken des Riemens? Diesmal überlege ich vorher, bevor ich zur Zahnbürste greife. 😄 Ich hole mein Schraubenset und schiebe die Steine, Nut für Nut, aus dem Riemen heraus, bevor ich mit Wasser nachspüle. So geht es schließlich. Ich mache eine Probefahrt. Nichts knirscht mehr, das Ding bewegt sich. Yee-hah!

Und der Motor? Lässt sich einschalten. Habe ich ein Glück gehabt! Alles geht noch, Motor, Schaltung, Naben, Bremsen. Auch die Räder sind nicht verzogen. Ich fahre erleichtert weiter – um 100 Meter weiter vor dem nächsten Schlammloch zu stehen. !@##$^&

Aber diesmal habe ich Glück. Ein Typ kommt mir entgegen, der das Hindernis gerade gemeistert hat und mir erklärt, wie ich es auch nehme. Ich warne ihn meinerseits vor dem anderen. Und er hat Recht. Ich schiebe sicher am Rande drüber und bin im null komma nichts auf der anderen Seite.

Wenige Kilometer später komme ich an einer Tränke mit klarem Wasser vorbei. Ich nehme wieder meine Trinkflasche und gieße das Wasser großzügig über Rad, Taschen und mich selbst. Am Ende sind wir alle sauberer als vorher… Was aber nicht lange anhält, denn die nächsten, letzten 20 Kilometer über Stock und Stein sind schlammig. Am Ende sind wir fast genauso verdreckt wie vorher.

So lässt mich keiner in sein Hotel, das ist klar. Im Regen am Dorfbrunnen von Ilanz spüle ich deswegen Rad, Taschen und mich selbst noch einmal großzügig sauber. Niemand nimmt davon Notiz. Das mag ich an der Schweiz. Es ist eine Nation von Outdoorsportlern, wo jeder weiß, dass Dreck anfällt. Aber in der Armee gelernt und mich heute auf einmam wieder daran erinnert: Egal ob du vorher im Schlamm gerobbt bist, sieh immer präsentabel aus, wenn du danach vor den Offizier trittst.

Und so bekomme ich, präsentabel aber patschnass, das letzte freie Einzelzimmer im Gästehaus für 58 Franken. Tropfend bringe ich alles nach oben um dann festzustellen, dass meine rote Tasche nicht dicht gehalten hat. (War ich das mit meinen zahlreichen Abspülaktionen?) Alles in der Tasche ist nass. Ich muss es aufhängen. Was bin ich froh, dass mein Zimmer geräumig ist und sich irgendwie für alles Platz findet.

Auf dem Weg hinauf sehe ich, dass das Gästehaus eine Waschmaschine hat. Ich überlege nicht lange und beschließe, mein versandetes Zeug schlicht dorthin outzusourcen.

Ich könnte mich ärgern über meine zahlreichen Dummheiten, aber erstaunlicherweise tue ich das Gegenteil. Ich lache, ich bin glücklich, ich freue mich wie ein kleines Kind. Und ich kann es mir nicht genau erklären.

Es ist nur immer wieder so, dass plötzlich coole Sachen passieren, wenn du dich drauf einlässt. Du steckst im Schlamm, du lernst dich selbst da raus zu ziehen. Du willst aufgeben und zurückfahren, dann kommt einer und ihr schafft gemeinsam den Weg. Du bekommst durchnässt an einem völlig verregneten Tag das letzte Zimmer, und es ist toll. Du entdeckst per Zufall die Waschmaschine, als du beim Münzeinwurf feststellst, dass du nicht das richtige Kleingeld hast, kommt im selben Moment die Rezeptionistin vorbei und kann dir wechseln. Deine Sachen sind nass, aber am Abend geht sogar, mitten im Hochsommer, die Heizung an. Morgen wird alles wieder trocken sein.

🙂

Ilanz – hübsch, aber man ist auch schnell damit durch.
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.63: Hospental, oder: von allen guten Geistern verlassen

Auf die Frage, was ich jetzt eigentlich mache, kommt mir nach dem Drüberschlafen heute die Idee, mit dem Fahrrad einfach so weit den Berg hochzufahren, wie ich es schaffe. Der Campingplatz vor Airolo sollte es mindestens sein, Airolo selbst wäre das eigentliche Ziel.

Um 0730 stehe ich abmarschbereit vor der Rezeption. Die Rückreise soll etwas anders laufen als die Hinfahrt. Ich fühle mich noch nicht ausgelastet, würde gerne mehr an meine Grenzen gehen. Käme ich eigentlich auch ohne Motor voran? Ich probiere es heute auf etwa 30 Kilometern gerader Strecke, und es klappt. Nur bei größeren Steigungen schalte ich auf Unterstützung 1/4.

Bergauf klappt das leider nicht so, und irgendwann gebe ich es vorerst auf, nur mit 1/4 zu fahren. Ich muss ja nicht gleich am ersten Tag zum Tier werden.

Überraschend schnell bin ich an dem kleinen Ort, an dem ich mir auf dem Hinweg Sonnencreme gekauft habe und an dem auch der Campingplatz wäre. Aber jetzt kann ich ja noch. Die 17km nach Airolo sind auf jeden Fall auch noch drin, trotz 500 Höhenmetern.

Um kurz vor 1200 bin ich auch tatsächlich in Airolo und am Ziel. Viel habe ich mit Muskelkraft geschafft, vielleicht lässt gerade das mich übermütig werden. Man verwendet andere Muskeln, aber man gewöhnt sich auch schnell daran. Ich gönne mir noch einen Cappucino an einem Straßencafé und sortiere mich.

Etwa 45 Prozent sind noch im Akku, das Wetter soll trotz anderer Aussicht am Morgen erstmal schön bleiben. Knapp 60km und 500 Höhenmeter sind schon geschafft. Bis auf den Gotthardpass hinauf sind es jetzt nur noch 15 Kilometer und 900 Höhenmeter. Das schaffe ich!

Schon die ersten Kilometer überhaupt zur Tremola hin fahre ich bei Stufe 2 und muss ganz schön keuchen. Probehalber versuche ich es mal mit 0 oder 1, aber da geht nichts. Der Akkustand schmilzt schneller dahin als mir lieb ist. Hinzu kommt, dass es mittlerweile nicht mehr nur ein Gefühl ist, dass der Motor mich beim Runterschalten ausbremst. Er tut es auch eindeutig.

Als dann die 12 Kilometer Kopfsteinpflaster der Tremola beginnen, ist der Akkustand schon auf rund 30 Prozent gesunken. Jungejunge, jetzt wird’s aber eng. Das Kopfsteinpflaster war bei der Abfahrt vor ein paar Tagen noch okay, aufwärts kostet mich es bestimmt 3 km/h. Dazu brandet erstaunlich starker und frischer Gegenwind auf. Selbst bei Stufe 2 schaffe ich kaum mehr als 10 km/h. Und der Gipfel kommt und kommt nicht näher.

6 Kilometer davor steht endgültig fest, dass ich mich verspekuliert habe. Der Akkustand ist auf 12% gesunken. Auf Stufe 2 wären noch genau 2km drin. Das wird nicht reichen. Und Stufe 1 kriege ich nicht hin, da fehlt mir die Kraft. Ich probiere zu schieben. Aber das Ding ist schwer wie ein Motorrad. Ich kann es voranbringen, aber es ist eine Tortur und würde Stunden bis zum Gipfel dauern. Was jetzt?

Vielleicht die Gepäcktasche auf den Rücken schnallen? Das könnte den Schwerpunkt etwas verlagern. Ich schalte das Licht aus. Vielleicht gibt das noch ein paar Meter mehr? Für Stufe 1 zeigt der Akku noch 8 Kilometer an. Würde reichen. Ich beschließe, es zu versuchen, so weit zu kommen, wie ich kann.

Vielleicht werde ich später mal die Geschichte erzählen, wie ich heroisch mit einem 20 Kilo schweren E-Bike mit 11-Gangnabenschaltung und 15 Kilo Gepäck gleich zweimal die Alpen überquert habe.

Aber heroisch ist an diesem Nachmittag gar nichts. Ich schleppe mich Kurve für Kurve voran, alle paar hundert Meter muss ich eine Verschnaufpause einlegen, hin und wieder verlasse ich das Kopfsteinpflaster und fahre ein paar Meter in der asphaltierten Gosse. Ein Geschmier aus Schweiß und Sonnencreme läuft mir die Arme herunter in meine Handflächen und macht es mühselig überhaupt die Griffe festzuhalten. Mein Nacken schmerzt von der Anstrengung, dem eiskalten Gegenwind und dem Schultern der Gepäcktasche.

Es gibt jederzeit die Möglichkeit auszusteigen. Runter geht immer, und in Airolo kam ich an einem hübschen Bed & Bike vorbei. Aber so kurz vor der Ziellinie aufgeben… Willst du ein Leidartikler sein oder ein Aventurer?

Kilometer für Kilometer kämpfe ich mich hoch. Hilfreich ist dabei das Schild, das die Restkilometer zum ospizio anzeigt. In einem entgegenkommenden Auto sitzt hinten bei geöffnetem Fenster ein Mädchen und feuert mich lautstark mit einer Kuhglocke an. Danke für das Alpes d’Huez-Feeling. Ganz so abwegig ist das gar nicht.

Ich kann nicht mehr, ich mag nicht mehr. Aber irgendwie schleppe ich mich weiter den Berg rauf. Noch 5 Kilometer, noch 4… Bei 3km weiß ich: ich werde es schaffen, auf die eine oder die andere Weise. Bei 2km weiß ich, es wird mit dem Motor (vor allem aber Muskelkraft gehen).

Noch 1km… Ich sehe bereits das Refugio, in dem ich vor ein paar Tagen einen Kaffee trank. Aber mein Körper streikt. Mein linkes Bein krampft ein wenig. Ich mache noch eine Verschnaufpause, es wird die längste. Dann nehme ich die letzten Ecken in Angriff. 50 Meter vor dem Ziel geht der Motor aus. Der Akku ist leer. Aber egal, ich kann den Rest schieben.

Ich bin am Ziel. Meine Güte war das eine Aktion! Völlig irre eigentlich, aber irgendwie hat’s geklappt. Ich stelle mein E-Bike ab und lasse mich auf eine Bank fallen – noch dreimal glücklicher als beim ersten Mal hier oben. Die eiskalte Rivella, die ich mir jetzt gönne, könnte nirgendwo anders besser schmecken.

Dafür endet die Solar Challenge leider heute nach etwas mehr als 7 Monaten. 🙁 Es gab einfach zu wenig Sonne die letzten Tage. Das Handy lädt hier in der Pension gerade an der Steckdose auf. Egal, immerhin zwei Wochen länger als geplant habe ich sie durchgezogen, und das im Urlaub.

Morgen dann das gleiche Spiel wie immer: was jetzt? Eigentlich wollte ich den Rheinradwanderweg bis zum Bodensee fahren, der zufällig im Nachbarort beginnt. Aber jetzt soll es noch zwei Tage mindestens durchregnen. Übrigens fast überall in der Schweiz. Hm…

Spider Mofa Gang:

Nette Gegend hier:

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.62: Bellinzona und Italien

Die Nacht verläuft halbwegs ruhig, außer dass mindestens zwei Typen in den anderen Zelten schnarchen wie die Sägen. Und einmal meine ich, von meinem eigenen Schnarchen aufzuwachen. Ein Zeltplatz ist wie eine Bundeswehrstube, nur mit vorgegaukelter Privatsphäre und ohne Geschrei.

Der Tag beginnt wieder mit der Frage: Was mache ich eigentlich jetzt? Mein „Pflicht“programm, in und durch die Schweiz zu fahren, habe ich erfüllt, was würde ich jetzt gerne noch sehen? Erst einmal packe ich zusammen, gönne mir einen Kaffee im Resto des Zeltplatzes, zücke meinen Reiseführer und sortiere mich. Am Ende weiß ich, dass ich es noch nicht weiß, also könnte ich genauso gut mein geplantes Bonusprogramm durchziehen: Italien.

Nur etwa 5-10km hinter Ascona liegt die Grenze, nicht weit dahinter ist ein kleiner Ort. Eigentlich will ich da nur kurz hin, um sagen zu können, ich wäre mit dem (elektrischen) Fahrrad nach Italien (zumindest den äußersten Norden) gefahren.

Aber kaum bin ich über der Grenze, umschwärmt Italien mich. Gleich das erste Landhaus mit davor parkendem Fiat 500 und Seepanorama laden mich ein. Dazu ist die Straße frisch asphaltiert. 😉 Ich fahre weiter.

Der erste große Ort hinter der Grenze heißt Cannobio und ist genauso hübsch wie eine Kleinstadt am Mittelmeer: verwinkelte Gassen, eine Promenade mit Cafés und Ristorantes, buntes Treiben auf den Straßen. Zumindest eins ist klar: Ich gehe hier nicht eher wieder, als bis ich eine gescheite Pizza bekommen habe!

Gleich im erstbesten Ristorante, das schon geöffnet hat, bekomme ich sie, und eine leckere Zitronenlimo gleich dazu. Die Pizza dürfte für italienische Standards bestenfalls Mittelmaß sein, aber sie schmeckt Welten besser als die von gestern Abend. Wie machen die Italiener das bloß?

Nach dem Essen setze ich mich auf eine Bank am See und sortiere mich erneut. Ich blicke auf die Segelboote, die Cafés, das bunte Treiben… Warum bleibe ich nicht einfach hier und mache einen Tag dolce vita?

Ja, warum eigentlich nicht! Ich fahre spontan zum bestgelegenen Campingplatz des Ortes, um mich da einzuquartieren. Leider macht die Rezeption gerade 2,5 Stunden Mittagspause. Aber der Pförtner ist da und bittet mich, solange im Restaurant des Platzes zu warten.

Bleibt mir wohl nichts anderes übrig. Gegessen habe ich gerade, es ist superheiß. Warum nicht direkt einen Aperol Spritz?

Der Kellner bringt mir einen, aber irgendwie scheint es ihm so gar nicht zu gefallen, dass ich nach einem Buongiorno erst auf Englisch und dann auf Deutsch wechsle. Er ignoriert mich betont eine halbe Stunde lang, bis schließlich seine freundliche Kollegin einspringt und mir ein alkoholfreies Bier serviert.

Deutsche Großfamilien sitzen an den Nebentischen und reden darüber wie sie alles daransetzen wollen, um 1430 die ersten in der Schlange für die Rezeption zu sein. Sie gehen mir unfassbar auf die Nerven, indem sie einfach nur so sind, wie sie sind (gestern waren es noch die Schweizer).

Will ich hier überhaupt sein, passe ich hierhin, reichen mir die Pizza und der Aperol Spritz nicht schon für Dolce Vita? Überhaupt habe ich die letzten Tage ganz schön reingehauen und getrunken. Die nächste Fastenkur könnte jetzt auch noch einen Tag warten, das ist nicht das Problem. Aber mir fehlt weiterhin das eigentliche Ziel.

Ich beschließe, den Campingplatz noch ein wenig warten zu lassen und weiter die Straße runter zu fahren. Sie ist wunderschön und auch der nächste Ort ist es. Dabei merke ich: Es ist das Fahren, das mir Spaß macht, weniger das Irgendwosein.

Ich bwschließe, zurück in die Schweiz zu fahren, und mehr noch: zurück nach Hause. Durchaus mit dem Fahrrad, ich habe ja eigentlich gerade erst die Hälfte des Urlaubs hinter mir.

Dass ich gerade Joey Kellys Buch lese, wie er in der Wildnis campt, und Jessi hier neulich kommentierte, dass das auch in der Schweiz legal ist, könnten sich da noch ganz spannende Möglichkeiten ergeben. Mal sehen.

Ich lande am Ende in Bellinzona, wo ich früher schonmal durchgehechtet bin. Das Schloss ist wahrlich eine Wucht!

Die Schweizer haben schön dekoriert zum Nationalfeiertag. Ab und an hört man Feuerwerk und Musik, sie hängen bunte Lampions auf. Könnte eine kurze Nacht werden. Wenn man irgendwo Corona-sicher mit dem Zug hinkommen möchte, dann wohl am besten morgen früh um 0600. Mal sehen…

Währenddessen marschieren die Rechten wieder durch Berlin… Ich hoffe, ihr verreckt an Corona, ihr dämlichen Wichser!

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.61: Gotthard, Locarno und Ascona

Der Wecker klingelt um 0600, ich stelle noch einmal auf Schlummern, aber um 0610 stehe ich dann wirklich auf der Matte. Heute steht die Königsetappe an, und ich möchte sie lieber möglichst früh geschafft haben. Ich finde zwar sonderbarerweise meine Sonnencreme nicht wieder. Aber das ist mir jetzt egal, ist ja noch kaum Sonne da. Um 0630 ist alles gepackt, und es geht los.

Es ist bitterkalt, außer mir ist kaum ein Mensch unterwegs. Ein paar Kühe stehen und grasen schon. Ein paar Bauarbeiter werkeln an der Straße, hin und wieder fährt ein Auto vorbei. Das war’s. Warum nochmal musste ich unbedingt schon im Morgengrauen aufbrechen?

2 Kilometer später weiß ich es. Es geht bergauf und mir geht sofort die Pumpe. Kalt ist mir augenblicklich auch nicht mehr. So früh zu fahren hat den Vorteil, dass es noch nicht so heiß ist und kaum jemand unterwegs ist. Bei Hitze im Feierabendverkehr würde die Tour zur Tortour.

So strampel ich beinahe alleine den Berg hinauf und fühle mich gut dabei. 600 Meter auf 9 Kilometern beschreibt ein Schild die Steigung. Aber die Straße ist gut ausgebaut, asphaltiert. Die Aussicht ist die Wucht. Ich habe Stufe 2/4 am Ebike eingestellt, manchmal 3. Aber die Steigung ist überschaubar, anfangs sogar weniger steil als die 10 Kilometer davor. Aber die 9 Kilometer zum Gotthard hinauf ziehen sich. Ich muss mich richtig anstrengen, und das E-Bike auch. Später werden schon 40% des Akkus verbraucht sein.

Es ist 0742 Uhr, als ich plötzlich ein Plateau erreiche: eine Statue, eine Kapelle, ein See, viele, viele Campingwagen. Das ist die höchste Stelle, der Gotthardpass. Ich habe es geschafft. Ich habe die Alpen überquert.

Ich mache ein Selfie, wechsle das Shirt (das unterste ist durch) und gönne mir jetzt einen schwarzen Kaffee im Restaurant. Die Leute strahlen mich an. Ich muss grinsen wie ein Honigkuchenpferd, so freue ich mich. Es fällt ziemlich genau mit km 800 meiner Fahrt zusammen. 800km von Bonn bis zum Gotthard. Ich bin zufrieden mit mir und fühle mich unverwundbar.

Doch jetzt wartet der eigentlich schönste Teil der Strecke, und es stellt sich heraus: die Gerüchte stimmen. Die Tremola, den alten Pass, etwa 12 Kilometer größtenteils auf Kopfsteinpflaster geht es nun hinunter. Die Strecke ist atemberaubend. Obwohl alles von selbst geht, komme ich kaum voran. Ich muss alle paar hundert Meter anhalten, um ein Foto zu machen.

Die Straße führt vorbei an Wasserfällen, geht durch Serpentinen, andere Radfahrer hecheln sie hoch und grüßen mich mit ciao. Bauarbeiter verbessern die Strecke unterwegs. Ich sehe einen Steinmetz, wie er passend einen Kopfstein zurechtklopft.

Ich muss kein einziges Mal treten auf dem Weg. Ich rolle und rolle und plötzlich bin ich in – Italien. Zumindest sieht es so aus. Die Häuser sehen anders aus, die Autos fahren rasanter, die Manschen reden plötzlich italienisch. Ich bin im Tessin. Kann es noch ein schöneres Flechchen Erde geben?

Der Weg heute ist dankbar. Es geht sehr lange eigentlich nur bergab. Unterwegs kaufe ich mir in einem Coop neue Sonnencreme, in dem Laden trägt jeder Zweite keine Maske, darunter der Dorfsheriff, der vor mir an der Kasse steht. Als ich gegenüber eine Apotheke sehe, erinnert mich das deswegen an Kristines Rat: Wenn du da wirklich Bahn fahren musst, warum dann nicht mit der krassestmöglichen Maske, unter der du kaum noch atmen kannst?

Die gibt es in der Dorfapotheke leider nicht. Die Verkäuferinnen verstehen erst nicht ganz, was ich da von ihnen will, warum ich den Aufstand probe. Möcjte ich FFP2-Masken? Nein, FFP3 sogar. Aber warum denn? In Bussen und Bahnen würden doch ganz einfache reichen, FFP3 bräuchten nur Ärzte und Krankenhauspersonal. Ja, aber über Stunden im Zug mit lauter anderen Leuten, große Aerosolparty. Das mit den Aerosolen wäre ja noch gar nicht bewiesen…

Fangt an zu preppen, Leute! Die 2. Welle wird kommen, und sie wird härter werden als die erste. Weil die Leute wieder reingehen, Aerosolpartys feiern und sich dann wundern, dass alle angesteckt sind.

Ich fahre und fahre, ver-fahre mich auch einmal ziemlich krass, und stehe um Punkt 1300 in Bellinzona vor dem Campingplatz. Ich könnte einfach hier bleiben, es soll ein hübsches Städtchen mit einem Game-of-Thrones-mäßigen Schloss sein. Aber mir fehlt etwas. Ich schaue aufs Navi. Und der Gedanke, ich könnte in gut einer Stunde am Lago Maggiore sein, meine Füße ins Wasser halten und auf Dolce Vita machen, klingt verlockender.

Ich denke die ganze Zeit, ich bin in Italien. Es sieht genauso aus, die Leute reden und wirken auch wie Italiener. Lediglich die roten Flaggen mit weißem Kreut irritieren. Langsam mag mein Körper nicht mehr. Mein Nacken meldet sich (Zeichen dafür, dass es zu viel ist), ich werde zunehmend gereizter und trotz LSF 50 bekomme ich Sonnwnbrand auf meinen Beinen. Und so kommt sie bei 35 Grad, direkt von oben brennender Sonne und keiner Wolke am Himmel doch noch zum Einsatz: meine Regenhose. Als Sonnenschutz.

Ich hatte mir nicht viele Ziele in der Schweiz notiert, die ich unbedingt sehen will, aber eins der wenigen davon ist Ascona. Hier wirke die Schweiz wie am Mittelmeer, schreibt mein (bislang selten benutzter) Reiseführer. Und es stimmt. Ein richtig mediterraner Ort, dazu über 30 Grad, Italienisch an allen Ecken und Enden und ein See, der so groß wirkt wie das Mittelmeer. Traumhaft.

Ich gehe zur Osteria, die der Reiseführer vorschlägt, ich bin früh da, nach mir ist die Schlange lang, es ist brütendheiß, die Stimmung ist gechillt, die Kellner reden italienisch, die Pizza ist – möh. Leider Welten von einer guten italienischen entfernt. Es wirkt hier fast alles so, aber die Schweiz ist halt doch nicht Italien. Es bleibt dabei.

Eins ist aber klar: Hier kann ich nicht bleiben. Der Campingplatz will unglaubliche 64 Euro für mich für eine Übernachtung – das ist fast dreimal so viel, wie ich bisher für den teuersten bezahlt habe. Morgen ist Schweizer Nationalfeiertag. Bedeute das geschlossene Geschäfte, frage ich meinen Sankt Galler Nebenzelter? Eigentlich nicht, sagt der, nur leicht geänderte Öffnungszeiten, alle Schweizer auf den Beinen und auf jeden Fall Feuerwerk am Abend. Sicher auch über dem Lago.

Tja, aber wo soll ich hin? Wo kann ich sicher hin, wenn alle Schweizer auf den Beinen und sicher auch in den Zügen sind?

Es ist so heiß, dass ich gar nicht weiß, ob ich überhaupt im Zelt schlafen kann heute. Warum nicht draußen? Weil hier irgendwie alles kreucht und fleucht, was die Tierwelt hergibt. Aber wenn nicht heute, wann dann? Es soll nicht kälter als 23 Grad werden.

Ich trinke noch zwei Bier im angeschlossenen Biergarten, denke an Bonn und vermisse meine Freunde. Ich mag die Menschen hier, aber sie sind doch etwas reservierter.

Und was ich morgen mache – ich habe noch nicht die geringste Ahnung. Ich bin fast fertig mit meinem Wunschprogramm. Was kommt jetzt?

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.60: Andermatt II

Der freie Tag tut mir gut. Ich schlendere einmal durch die Stadt und trinke gemütlich einen Kaffee, lese was, plane die Weiterreise. Auch mit der Seilbahn möchte ich einmal hinauf fahren. Gehört ja irgendwie auch zur Schweiz dazu. Der Tagespass soll am Automaten 38 Franken kosten. Ja, nee, nur die Fahrt einmal rauf und runter. Ja doch, das sei der günstigste Preis, bestätigt man mir am Schalter. Zähneknirschend kaufe ich das Ticket. Immerhin: Die Aussicht ist toll:

Die Preise in der Schweiz sind seltsam. In Luzern sollte ein Käsefondue 33 Franken kosten, im Vergleich dazu kommt mir ein Rösti hier in Andermatt für 20F fast günstig vor. Als ich gestern ein Abschluss-Craftbeer trinken gehe, will der Kellner am Ende nur 6F von mir (für 1/2 Liter IPA). Das ist in Deutschland auch nicht billiger. Auch Backwaren kosten kaum mehr als in D. Dafür dann jetzt diese Seilbahnfahrt zum Preis einer Jahres-Autobahnvignette. Es ist komisch.

Alles in allem halten sich meine Ausgaben aber in Grenzen. Ich habe nie Hunger und esse eigentlich nur, um leckere Dinge zu probieren. Gerade das wohl beste Rösti meines Lebens:

Oder heute Morgen (!) nach dem Kaffee der „Saft vom Fass“ mit 4% Alkohol, den ich auf der Karte entdecke. Er stellt sich dann als simpler Apfelwein aus der Flasche heraus, aber schmeckte nicht schlecht:

Als ich danach ein Schild für den Glacier Express sehe, der in Andermatt hält, kommt mir spontan die Idee, mich danach zu erkundigen. Heute würde sogar noch einer fahren, die Preise sind nicht exorbitant. Aber etwas Anderes stört mich. Es gibt nur Panoramawagen. Das ist optisch für die Fahrt genau das richtige, aber eben auch ein Großraumabteil und für Corona verdammt schlecht.

Die Seite der SBB schreibt, ähnlich wie die Deutsche Bahn, dass man alles für die Sicherheit der Passagiere tue usw. Abstand halten, Maskenpflicht. Aber gsnz ehlich: Das hilft im Supermarkt, wo jeder nur kurz ist. Über Stunden mit Maske im Zug bringt null komma nichts und ist die feinste Aerosol-Party. Das einzige, was Corona-technisch bei Bahnreisen etwas bringen würde, wäre ein Abteil für jeden Fahrgast mit leicht geöffnetem Fenster während der Fahrt.

Ich schaue nach anderen Zügen, aber auch da: nur Panoramawagen. Mich beschleicht das Gefühl: die haben nichts Anderes. Und um den Bahnverkehr nicht gänzlich einstellen zu müssen, ignorieren sie das bekannte Risiko oder nehmen es in Kauf. 1x werde ich leider mit der SBB fahren müssen (Tessin bis Basel), da werde ich es nicht vermeiden können. Ab da muss ich versuchen, im EC oder ICE der Deutschen Bahn für mich alleine zu reservieren.

Andermatt ist nett, ein richtig lebendiges Dorf, durch das täglich hunderte Wanderer, Radtouristen und verrückte Motorradfahrer fließen. Dafür gibt es auf der Hauptstraße, der Gotthardstraße, eigentlich alles, was das Herz begehrt. Eine Art Knotenpunkt direkt vor den Alpen mit gleich vier Möglichkeiten (Pässen), sie zu überqueren. Ein wirklich schönes Örtchen:

Am Nachmittag habe ich von dem kleinen Ort aber auch schon alles mehrfach gesehen, mir wird langweilig. Soll ich nicht vielleicht doch heute noch über den Gotthard? Unangenehm würde es so oder so, ein bisschen Workout am Ende des ruhigen Tages. Aber irgendwie sehe ich mich mehr am frühen Morgen dorthin fahren.

Ich belasse es bei meinen Ursprungsplänen, mache heute einen kulinarischen, packe alles und lese. Es gäb schließlich weit unangenehmere Orte, um sich mal zu langweilen.

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.59: Andermatt

Es hat die ganze Nacht durch geregnet, gewittert und einmal auch gehagelt. Das Zelt hat so lange dichtgehalten, bis ich die gleiche Stelle zu oft berührt hatte. Aber im Großen und Ganzen alles gut. Ich ersehne mir einen entspannten Tag herbei. Aber so viel sei vorweggenommen: dazu kommt es nicht.

Ich nutze die Checkout-Zeit bis 1200 Uhr voll aus, um meine Sachen zu trocknen. Wenigstens am Morgen ist es trocken. Aber es dauert und einige meiner Sachen stinken, weil sie über Nacht nicht richtig getrocknet sind. Mist.

Anyway. Um 1200 breche ich auf und nehme die Tour um den Vierwäldstätter See. Eine weise Entscheidung. Hier wird die Schweiz langsam zu dem, woran man denkt, wenn man an die Schweiz denkt. Ein unglaubliches See- und Bergpanorama.

Der Tourguide empfiehlt dringendst, die 11km von Brunnen nach Fluelen nicht auf der unabgesicherten Schnellstraße, sondern auf dem Boot zurückzulegen. Dem komme ich gerne nach, und auch das ist, wenn auch vielleicht sonst nichts, dann auf jeden Fall optisch, eine weise Entscheidung.

Ich komme kaum voran heute, es liegt schlicht daran, dass ich alle paar Meter anhalten und Fotos der wahnsinnig hübschen Landschaft schießen muss. In Fluelen, nach gerade mal 30 km heute und um etwa 1600 Uhr, habe ich dann auch schon genug. Ich sehne mich danach, alle Viere von mir zu strecken, zu lesen, vielleicht sogar schwimmen zu gehen. Das alte Spiel beginnt: Nach einem Campingplatz in der Nähe suchen, kurz die Bewertungen checken, und dann los. Einer ganz in der Nähe hat gute Bewertungen, er sei toll gelegen und die Besitzerin sei sehr hilfsbereit, heißt es da. Hin!

Als ich ankomme, sieht die Dame wenig begeistert aus. Leider alles voll und ausgebucht und wegen Corona könne man auch nicht mal eben ein Zelt dazwischen schieben. Ich deute auf eine noch fast leere Wiese am Ende des Platzes. Nein. Leider nichts mehr zu machen. Oha. Klar, musste ich damit rechnen, irgendwann mal einen vollen Campingplatz zu erwischen, aber dass ausgerechnet sie mich so undiplomatisch abweist… Hätte ich nicht mit gerechnet.

Was mache ich denn jetzt? Andere Campingplätze am Ort sind 5km in der Richtung, aus der ich komme, und zurückfahren… Der nächste ist erst wieder in Andermatt und das wäre laut dem Tourguide eine ganze weite Etappe von 40km und vor allem 1000 Höhenmetern. 3h Fahrt laut Google Maps. Die Alternative wäre, sich an Ort und Stelle (Flüelen) n einem Hotel einzuquartieren. Wäre nicht billig aber könnte ich mir im Notfall leisten. Wollte ich mir auch dafür aufheben. Aber ist das jetzt wirklich ein Notfall? Und wenn nicht heute, dann müsste ich halt morgen da oben hoch.

Ich beschließe, die Höllentour nach Andermatt zu machen. Vorher rufe ich den einzigen Campingplatz am Ort an um mich zu vergewissern, dass die Fahrt auch nicht umsonst sind. Neinein, wäre kein Ptoblem, sagt der erstaunlich entspannt klingende Schweizer am anderen Ende. Die Rezeption wäre bis 2000 Uhr besetzt und Platz wäre auch noch. Alles klar, ich fahre los.

Die ersten 20km sind beinahe flach. Was ist denn das, stimmte das Höhenprofil nicht? Das zeigte eine langsam gleichmäßig ansteigende Linie an. Steige ich schon und merke das gar nicht?

Ich gebe Gas, ich will nicht zu spät kommen. Etwa 20km vor Andermatt wird es doch langsam steil. Es ist heiß, heute scheint praktisch nur die Sonne. Ich schwitze aus allen Poren. Schaffe ich es noch rechtzeitig?

Da plötzlich sehe ich einen Wandersmann mit Campingausrüstung an der Straße gehen. Wo kommt der denn jetzt her? Es ist 1730, mich kann man auswringen, er sieht aus wie aus dem Ei gepellt. Ich spreche ihn an.

Wo er hingehe? – Wisse er noch nicht genau.

Wo er übernachte? – Auch nicht, mal sehen.

Ob er wisse, dass der nächste Campingplatz 20km in alle Richtungen weg sei? – Nein, aber das wäre kein Problem, er schlafe meist unter freiem Himmel.

Oh, und das gäbe keinen Ärger mit der Polizei oder so? – Nein, bisher nicht.

Er sagt, er sei aus Polen, seit 30 Tagen unterwegs und er gehe den Jakobsweg von Polen nach Santiago.

30 Tage?! Und schon in der Zentralschweiz? – Ja, er gehe so 30 km am Tag.

Ich weiß nicht. Entweder er ist der tiefenentspannteste Dude, den ich jemals getroffen habe oder er bindet mir gerade einen ganzen Grizzly auf die Schulter. Etwa eine Stunde später rast ein Motorradfahrer an mir vorbei, der einen ziemlich ähnlichen und ähnlich bepackten Rucksack trägt wie er. Der wird doch nicht…

Auf jeden Fall gibt mir die kurze Begegnung Hoffnung: Das wird schon alles irgendwie, und wenn nicht, dann geht im Notfall immer noch heimlich wild campen.

Die Straßen werden steiler. 1500 Höhenmeter auf den nächsten 34km sagt das Schild. 20 davon habe ich noch vor mir. Und jetzt geht es wirklich bergauf. Nicht Alpes d’Hues-mäßig nur noch bergauf, es geht zwischendurch auch mal wieder ein bisschen bergab, aber schon deutlich nach oben. Der Akkustand geht dabei ganz schön schnell in die Knie.

An jedem Ort auf dem Weg, der mit einer schönen Holzfassade, Bergpamorama und „Zimmer frei“ wirbt, bin ich kurz davor schwach zu werden. Warum nicht einfach hier bleiben, so, für immer?

Göschenen wirbt am Ortsschild mit „Willkommen im Paradies“ und das ist gar nicht mal so falsch. Die Gegend entschädigt für die Strapazen. Die Sonne scheint auf kilometerhohe, grasbewachsene Berge, auf denen Almhütten stehen, Wasserfälle rauschen herunter, die Sonne taucht blutrot hinter Bergen auf, sogar Ziegen tragen Glocken, alte Kirchen mit großen Uhren säumen das Panorama. Es ist wunderschön hier.

Aber jetzt schaffe ich den Rest auch noch. „6km“ heißt es am Ortsausgang von Göschenen bis Andermatt. Nen Klacks.

Am Ende des Ortes macht die steile Straße plötzlich einen Bogen, und dann noch einen. Im Hintergrund sehe ich die Autos in ziemlicher Höhe in Serpentinen den Berg hochfahren. Aber das ist ja nur der Weg für die Autos, oder? Oder??

Nein, ich soll da irgendwie auch hoch. Die Straße schlängelt und schlängelt sich, und ein Andermatt ist nicht in Sicht. Ich quäle mich rauf, so gut ich kann. Aber bald ist der Akku im roten Bereich, und ich auch. Wo ist dieses Dreckskaff? Warum kommt da nichts? Ich müsste doch schon längst… Oder nicht.

Am Ende meiner Kräfte und mit fast leerem Akku beschließe ich so weit zu fahren, wie es geht. Und dann zur Not zu schieben. Mehr als 3km können es eigentlich nicht mehr sein. Und dass ich nach all den Eindrücken und Strapazen irgendwie so gar keine Lust mehr auf Campingplatz habe. Lieber nach Almhütte.

Irgendwie erreiche ich den Ortseingang von Andermatt. Und endlich wird es was flacher. Im Ort suche ich auf Booking.com nach Hotels oder Hütten, aber es ist tatsächlich fast alles ausgebucht. Bis auf eine Ferienwohnung im Skiclub für 140 Franken die Nacht (billig für Schweizer Verhältnisse). Ich rufe an und stehe 3 Minuten später an der Rezeption.

1 oder 2 Nächte, fragt die Rezeptionistin, die sich liebevoll um mich kümmert. Ganz ehrlich, ich weiß es noch nicht. Denn vor mir steht der Gotthard, der hat 20km, die sind wie heute die letzten 6 sind.

Und da graut mir jetzt schon ein bisschen vor…

(Hab heute keine Kilometerangaben. Weiß nicht mehr genau was wo, aber müssten so 70km (gefühlt 200) gewesen sein. War halt alles hübsch, seht ihr ja.)

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.58: Luzern

Es gibt Städte, bei denen man sich denkt: Wow, schön, und jetzt alles geseheb, lass‘ ma weiter fahren. Und es gibt Städte, wo man sich direkt sagt: ja! Hier gefällt es mir, hier bleibe ich. Zur letzten Kategorie gehört Luzern.

Auch wenn das hier eine reiche, superchice Stadt ist und ich sie praktisch nur im Regen erlebe. Ich mag Luzern.

Der Weg dahin kommt dann am Ende gar nicht mal so krass wie gedacht. Ich erinnere mich an drei sehr heftige Aufstiege und anschließend imposante Abfahrten (Höchstgeschwindigkeit heute: 61 km/h), die man gar nicht so richtig genießen kann, weil man weiß: die musst du ja auch noch wieder rauf.

Trotz allem: hart aber machbar. Ich hatte sogar noch Luft für die zweite Etappe Aarau – Luzern. Aarau übrigens auch ganz hübsch, aber kein Vergleich zu Luzern:

Am Anfang verfahre ich mich gleich viermal, die Schweizer Zeichen sind irgendwie anders aufgestellt, aber nicht minder verwirrend als die in Frankreich oder Deutschland. Einer Medizinstudentin aus Mannheim geht es genauso. Wir fahren ein Stück der Strecke zusammen. Auch mal nett, ein wenig Begleitung zu haben.

Wie das oft so ist: Legst du dich um Neun schlafen, um mal früh im Bett zu sein, schläfst du am Ende erst um 2. Ich war dann plötzlich doch nicht mehr müde, es war heiß, laut und die halbe Nacht ist ein Hubschrauber über mich hinweggeflogen. Keine Ahnung genau warum.

Ich fasse mich heute mal wieder kurz, mir fallen die Augen zu. Morgen steht eine entspanntere Etappe an.

Km 600:

Km 610:

Km 620:

Km 630

Km 640:

Km 650:

Km 660:

Km 670:

Km 680:

Km 690:

Km 700:

Km 710:

Gute Nacht und bis morgen. 😉

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.58: Basel II

Heute ein kürzerer Eintrag, bin ja immer noch in Basel. Etwas schade zwar, dass alle Museen einschließlich dem weltberühmten Kunstmuseum heute geschlossen haben. Aber rückblickend ist es wahrscheinlich sogar besser. Muss ich halt noch mal wiederkommen.

So hatte ich einen entspannten Morgen, den ich mit lecker Frühstück, Kaffee aus der Bialetti, Lesen, Solarladen meiner Powerbank auf dem Hausdach (Solar challenge still alive!) und einem Besuch des Fahrradgeschäfts um die Ecke verbracht habe, um den Reifen noch ein bisschen Luft zu gönnen. Mittendrin ruft auch noch meine Steuerberaterin an, um sich zu erkundigen, wie ich so durch die Krise komme.

Es wird ein nachdenklicher Nachmittag. Warum genau, weiß ich gar nicht, denn das anschließende Rheinschwimmen bei Lufttemperaturen um 33 Grad ist göttlich:

In der Hand halte ich da übrigens einen Wickelfisch. Das ist ein wasserdichter Packsack in Fischform, in dem ihr eure Sachen verstaut, von dem ihr dann die Öffnung genau 7 Mal faltet (nur dann ist er dicht) und mit dem ihr euch dann ein paar Kilometer im Rhein treiben lasst. Bei dem Wetter, wie gesagt, herrlisch! (Ich bitte trotzdem zwei erfahrene Locals um Assistenz beim sicheren Wickeln.)

Das abschließende Radler (ich hielt Panaché für eine regionale Biermarke ;), haut mich erstaunlich um.

Zurück zur Nachdenklichkeit. Vielleicht ist es die Erkenntnis, dass morgen der Tag der Wahrheit ansteht. Die Strecke Basel-Aarau hat zwar nur 60km aber 700 Höhenmeter. Jetzt wird sich zeigen, was die Technik und ich wirklich drauf haben.

(Andererseits: Wenn es morgen nicht klappt, dann weiß ich es dann wenigstens. Wäre kein Weltuntergang, dann halt weiter am Rhein entlang.)

Vielleicht ist es das Gespräch mit der Steuerberaterin und die Erkenntnis, dass Corona noch lange nicht vorbei ist, wir sogar wahrscheinlich erst am Anfang des Ganzen stehen, es wieder Lockdowns geben könnte, der Staat irgendwann auch nichts mehr machen kann und es meine Freunde, Kollegen und mich dann irgendwann auch erwischen würde.

Dann wird das so oder so der wohl letzte Urlaub in absehbarer Zeit, und ich sollte quasi (sorry für die Floskel) mehr denn je im Jetzt leben und das Beste daraus machen.

Was auch immer das dann ist.

Rheinschwimmen auf jeden Fall fühlte sich nicht so falsch an…

Finally a use case for these things (am bestmöglichen Einstieg zum Rheinschwimmen, siehe Bild darüber)

Die Schweiz ist teuer, aber das war auch das verdammtnochmal leckerste Hummus mit Brot, das ich je hatte.

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.57: Basel

Es ist geschafft, ich bin in der Schweiz. \○/

Und Basel ist mal richtig schön, vor allem das Großmünster in der Abendsonne, aber nicht nur:

Nur schade, dass morgen Montag ist und irgendwie alles zu hat. Mal sehen ob ich wenigstens ein paar Cafés zum Chillen und mich Sortieren finde. Sonst könnte ich eigentlich auch schon weiterfahren…

Nach 6 Tagen Zelten eine AirBnB-Wohnung kommt mir so seltsam vor… Es hat schon Sinn. Die Wäsche braucht mal eine richtige Maschine und… Na ja, und eigentlich ist es das auch schon. Für nichts Anderes bin ich im Grunde hier, auch weil Basel selbst keinen eigenen Campingplatz hat. Jetzt wo ich hier im Bett liege und das schreibe, denke ich mir: die Luma war fei schon auch bequem und draußen ist es schöner…

Zumindest solange Sommer ist und es nicht regnet. Das hat es gestern Nacht, das Zelt hielt dicht, und die Morgensonne hat dann die letzten Tropfen schon wieder verdampft. Würde es länger regnen, auch noch beim Abbauen, das wäre ätzend, weil die Sachen dann nicht trocknen können.

Ich vermisse das Campen, jetzt schon. Es ist weniger die Routine als dieses herrliche Improvisieren und die Smalltalks mit anderen Radreisenden… Ja, ausgerechnet ich, der Smalltalks nicht mag, eher kontaktscheu und introvertiert ist. Es ist verrückt…

Aber vielleicht auch nicht. Selbst wenn man mit den anderen Campern nichts zu tun hat (so wie gestern in Rust der Fall), so fühlt man sich doch irgendwie als Teil einer Gemeinschaft. In der AirBnB-Wohnung heute hat mich die Gastgeberin kurz freundlich begrüßt, mir alles gezeigt. Ihr Mann kam dazu und hat mir ein „Grüezi“ spendiert. Und dann waren beide auch schon wieder weg. Und ich habe mich zum ersten Mal auf der Reise ein wenig einsam gefühlt…

Aber auch nicht für lang, gottseidank, denn es galt ja auch noch Basel zu erkunden. Wie oben schon gesagt: sehr schöne Stadt. Was mir vielleicht am besten gefällt: die Innenstadt ist autofrei (was mir erst nach ein paar Stunden wirklich bewusst geworden ist). Ständig brettern Trams durch die Gegend, die meisten sind auf ihrem Velo unterwegs oder zu Fuß. Und das ist verdammt angenehm. Ich habe noch nie so entspannt eine Stadt erkundet und dabei, nun ja, so wenig geschwitzt. Es ist komplett stressfrei, ruhig, fast schon unwirklich. Für mich ist das die Weiterentwicklung der Fußgängerzone. Gerne auch überall anders einführen!

Die Fahrt heute war schon eine Tour de Force. Ich hab mich anfangs verfahren, dabei aber wenigstens schöne Orte gesehen. War es wert. Aber am Ende war ich auch froh als es vorbei war. Ein Tag Pause ist jetzt mal nicht schlecht.

Km 480, immer noch Rust im Hintergrund:

Km 490:

Km 500:

Km 510, dahinten! Der Kaiserstuhl!

Km 520, Breisach, ein unterschätzter Ort:

Km 530, der Rhein wird hier zunehmend laguniger:

Km 540, der Schwarzwald!

Km 550, der Rhein ist hier nur noch ein Flüsschen:

Km 560:

Km 570:

Km 580:

Km 590, Basel Neustadt:

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.56: Europapark Rust

Wie bin ich jetzt bloß hier gelandet? Okay, der Reihe nach.

Ich kann machen, was ich will, ich komme jeden Tag um Punkt 9:48 Uhr los. Heute war ich in Rekordzeit mit dem Packen fertig, habe sogar die beiden Österreicher neben mir überholt (die übrigens den ganzen Rhein abfahren, diese Schlawiner). Ich wollte aber noch eine Unterkunft in Basel buchen (es wird eine kurze Auszeit vom Camping geben).

Um 0930 bin ich an der Rezeption zum Auschecken, und die ziemlich resolute Lady bittet um den Duschtürschlüssel. „Den Duschschlüssel, jaja, klar, den habe ich gleich… Moment mal eben.“

So an Seich! Die Duschen gönnt man doch eh seinen ärgsten Feind nicht. Warum Schlüssel dafür? Nachdem ich in der jetzt schon heißen Sonne mein halbes Zeug auseinandernehme und durchsuche, tauchen sie schließlich in meiner Kulturtasche wieder auf. Klar, wo sonst.

Ich fahre fast in einem bis Strasbourg durch. Ja, es gibt schöne Dörfer unterwegs, aber die meiste Zeit geht es an der Hauptstraße lang. Und ab Strasbourg warten 30km Schnellstraße. Klingt nicht unbedingt reizvoll.

Strasbourg selbst ist toll. Nicht nur die Innenstadt, die aber natürlich auch.

Auch diese moderne Vorstadt, die mich an die Speicherstadt in Hamburg erinnert.

Ich esse einen wirklich sehr leckeren Flammkuchen (der Teig ist irgendie porös-knusprig. Wie auch immer die das auf so wenigen Millimetern hinkriegen.

Nach dem Flammkuchen würde ich gerne weiterfahren. Aber ich weiß gar nicht wohin eigentlich. Ich hatte mich immer an den Schildern für die Veloroute 15 orientiert, aber plötzlich kommen keine mehr. Google Maps und Komoot helfen nicht wirklich weiter. Ich irre eine ganze Zeit durch die Stadt. Bis ich irgendwann feststelle: Das ist die Route schon, ⁰mehr oder weniger, sie ist nur einfach nicht mehr so hübsch.

In der Aussicht auf 30km Schnellstraße wechsle ich doch noch einmal die Rheinseite. Hello again Deutschland.

Die Seite gefällt mir besser. Ich schaue auf die Uhr und den Tacho. Es ist schon fast 1700 Uhr und ich bin bei 100km. Irgwndwie fehlen in meiner Rechnung 20km und 1-2 Stunden. Was haben die Aliens mit mir gemacht? Warum haben sie mich nicht näher an Basel heran gebracht?

Langsam schwinden mir die Kräfte. Es weht warmer, aber starker Gegenwind. Der hintere Reifen wirkt nach all den Strapazen etwas platt. Ich selbst auch. Zeit, es für heute zu beenden. Ich hatte eigentlich einen anderen Platz im Sinn, aber als ich das Hinweisschild „Rust“ sehe und mich erinnere, dass sie da am Europapark einen Campingplatz haben, gefällt mir die Idee plötzlich, mich da einzuquartieren. Ich rufe vorher an, ob das ohne Park-Ticket geht, und der Dude sagt: „Na ja, eigentlich nicht. Aber jetzt kommet se scho noa!“

Guter Mann!

Und so lande ich hier in der Westernstadt, gönne mit ein Teller Bohnen und ein paar Bier im Saloon und genieße den Abend am, nun ja, Teich.

Morgen sollte ich dann wirklich in Basel aufschlagen. Ich hab mir ein AirBnB gegönnt. Glaube, der Pöppes könnte ganz gut mal eine Pause vertragen, meine Klamotten lechzen nach einer echten Waschmaschine, Campingplätze gibt es in Basel selbst gar keine, und zum Stadterkunden ist das so einfacher. Spricht alles dafür!

Km 370, Fischen scheint am Rhein ein dickes Ding zu sein, und irgendwie sieht man auf französischer Seite nur deutsche KFZ-Kennzeichen. 🤔

Km 380, im Hintergrund der schöne Schwarzwald:

Km 390:

Km 400:

Km 410 geht doch!

Km 420, Strasbourg!

Und es geht noch hübscher:

Km 430, Strasbourg-Outskirts:

Km 440, zurück auf die deutsche Seite über die gefühlt höchste Brücke aller Zeiten:

Km 450:

Km 460:

Km 470, da kommen die ersten Berge:

Am Ziel für heute:

Strecke heute: ca. 115 km, Gefühl: ausgezeichnet. Noch 95km bis nach Basel. Kein dünnes Brett, aber bohrbar.

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55: Seltz am Rhein

Der Tag verläuft unspektakulär, aber ich komme weiter, als ich dachte. Mein netter gestriger Nebenzelter legt mir die linksrheinische Route durch Frankreich nahe und die trete ich denn auch an. Dass ich heute schon dort landen würde, hatte ich gar nicht gedacht. Aber ich komme sehr gut vorwärts. Ich habe es mir mal „gemütlich“ gemacht, so gut das auf einem E-Bike überhaupt geht, und meist Stufe 2 von 4 genommen. Muss auch mal erlaubt sein. Zumal der Großteil der Strecke heute überraschend fad war.

Vor der Fahrt schaue ich den anderen beiden Bikepackern, die in die Gegenrichrung unterwegs sind, erstaunt zu, wie sie nach 45 Minuten abmarschbereit sind (ich brauche doppelt so lange). Und dann äußert die holländischische Nebenzelterin ihr großes Gefallen zunächst an meinem Zelt, dann meinem E-Bike, dann meiner Solarzelle.

Nun ja, was man heute halt so dabei hat als Bikepacker. Der vierte Nebenzelter kommt auch noch dazu, begibt sich auf Nabenhöhe und schaut sich 1 Minute lang die Hinterradnabe meines E-Bikes an. Nun ja, nen E-Bike halt.

Aber bisher eigentlich fast alles nette Leute, die man unterwegs so trifft.

Was mich am meisten wundert: Ich esse kaum was während der Fahrt, habe auch kaum Hunger, komme meist mit einer Mahlzeit hin. Mein Pöppes tut immer weniger weh. Ziel wahrscheinlich erreicht: einen Tag aufs Ganze gehen, dann wird es danach immer weniger schlimm. Heute kommt sogar erstmals ein Gefühl von Langeweile auf. Macht mir aber nichts, ich genieße das sogar.

Km 270:

Km 280: Speyer, I like!

Km 290, seufz…

Km 300, jetzt wenigstens mal mit Storch!

Km 310, tja…

Km 320. Immerhin mal ne Autobahn zwischendurch:

Km 330:

Km 340, nahe der Grenze:

Km 350: (Das kann doch nicht wahr sein, dass es in Frankreich ganz genauso aussieht…)

Km 360:

Am Ziel für heute:

Leider nicht mein Bulli. Auf der anderen Seite ist Deutschland:

Und sonst noch:

Und sie hatten beide etwas an, der Mann und das Weib, und sie schämten sich nicht.

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.54: Mannheim

Beim Aufwachen merke ich: Heute geht was! Dass sich die Reissverschlus-Enden vom neuen Schlafsack sich nicht mehr zusammenbringen lassen und er kaum noch zurück in die Hülle passt, das Zelt gefaltet diesmal irgendwie doppelt so groß ist, nichts mehr so wie es soll in die Radtaschen passt. Egal. Heute soll mich nichts aufhalten.

Km 140, der Rhein ist weg:

Km 150, nee, ist nicht das gleiche Foto. Entdeckt die auffälligen Unterschiede rechts und links:

Km 160, langsam vermisse ihn den Rhein ein bisschen:

Km 170, irgendwo im Mainzer Industriegebiet:

Km 180: Schon hübsche Gegend sonst:

Km 190, dafür jetzt Weinberge:

Km 200, da isser endlich wieder:

Wartet, da muss ich kurz runter:

Km 210:

Gönn dir!

Gegönnt:

Km 220:

Km 230, Worms scheint echt hübsch zu sein, aber ich will heute wirklich lieber ein bisschen Strecke gutmachen. Es läuft.

Km 240: Ab jetzt kommt Industrie:

Unser aller BASF:

Km 250, Zeit, die Rheinseite zu wechseln:

Km 260, am Ziel für heute ein Stück hinter der Mannheimer City am Stadtbad. Das ist mal ne Lage:

Zurückgelegte Strecke: ca. 120 km, Akku am Schluss: 27% Urlaubsstimmung: 100%. Fitness: wird so langsam. 🙂

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.53: Bingen

Schon als ich gestern ins Zelt gehe, denke ich mir: Oha, das ist aber jetzt gut dzrchgelüftet, um nicht zu sagen: kalt hier drinnen. Aber im Schlafsack wird mir gleich bestimmt warm werden, oder, oder?

Leider nein. Nach einer halben Stunde ist klar: Das geht so nicht. Es sind 14 Grad, okay, ganz schön kalt für nen Jahrhundertsommer. Aber da ist der Schlafsack einfach nicht warm genug für.

Ich ziehe mir Socken, meine einzige lange Hose und mein Funktions-Oberteil an. Damit ist es gerade so auszuhalten. Und jetzt? Da werden noch andere kalte Nächte kommen, gerade in den Bergen.

Ich liege lange wach, teils wegen des Lärms (praktisch laufend fahren am Deutschen Ecke Güterzüge und Schiffe durch, die ganze Nacht. Im Hintergrund singt ein Opernsänger. Klar). Teils male ich mir aus, was ich jetzt mache. In 1 Stunde mit dem Zug wäre ich zuhause und könnte mir den anderen Schlafsack holen, das vergessene Ladegerät für das Handy und das größere Handtuch gleich mit. 3-4h und ich wäre wieder da. Aber ist der andere Schlafsack überhaupt so viel wärmer?

„Na, gute erste Nacht gehabt“, fragt mich mein Nebenzelter auf der Ligewiese am Morgen. Jaja, allenfalls bisschen frisch geworden, so später. „Ich geb dir einen Tipp“, fügt er an. „Zieh dir Socken an! Dann wird dir nicht so schnell kalt.“ Ah, danke. „Und hol dir so’n Stuhl (zeigt auf seinen), dann musst du nicht immer auf dem Boden rumhocken. „Du meinst so einen?“, entgegne ich und deute auf den gleichen Stuhl selben Fabrikats. Er hat mich offenbar nicht gesehen, wie ich gestern, genau wie er, vor dem Zelt saß. Anderthalb Stunden lang.

Um Punkt 1000 Uhr heute Morgen stehe ich in der „Biwakschachtel“ in Koblenz-Zentrum auf der Matte. „Was habt ihr noch so für Schlafsäcke? Nein, muss gar nicht superwarm sein, nur so 5 Grad rum“.

Warten, Beraten, Aussuchen, zufällig hat der Laden gegenüber Frühstück. Und wo entsorge ich eigentlich den alten Schlafsack, wo ist die Caritas, wenn man sie mal braucht? Ich toure durch halb Koblenz auf der Suche nach einem Altkleidercontainer und komme schon wieder sehr spät los.

Aber was für eine Strecke! Wenn von Rheinromantik die Rede ist, dann kann nur der Teil Koblenz-Bingen gemeint sein. Burg nach Burg nach Schloss nach Schloss, und dazwischen die Loreley und Oberwesel.

Ich bin immer noch nicht so richtig fit. Die Sonne brennt den ganzen Tag, mit brummt der Kopf. Den anderen Schlafsack entsorge ich mangels eines Altkleidercontainers unterwegs in einem passenden Mülleimer (sorry, Welt! 🙁 ). Ich schaffe 75km und schiffe mich auf dem Bingener Zeltplatz mit angeschlossenem Biergarten ein. Was für ein schönes Fleckchen Erde!

Km 70-140. Ich hab die genauen Punkte vergessen, es waren zu viele historische Gebäude, aber die Reihenfolge stimmt.

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.52: Koblenz

Ich wache völlig energielos auf. Oha, und jetzt auf Tour? Eigentlich alles ist gepackt, aber es ist verdammt viel, verdammt schwer, wo lade ich bloß mein E-Bike auf unterwegs und wie soll das eigentlich alles…

Wo ist die Euphorie vom Vortag hin? Ich schwanke den ganzen Morgen zwischen „gleich alles fertig“ und „ich komme hier nie mehr weg“. Was noch unbedingt mitnehmen, was dalassen, was improvisieren?

Irgendwann resigniere ich und gehe unten beim Caféroller einen Milchkaffee trinken, mich sortieren. Jetzt bin ich wach, jetzt kann es gleich losgehen.

Wieder zuhause wird das Aussortieren konkreter. Reicht das kleine Handtuch, muss ein schickes T-Shirt, die Hängematte, ein zweites Paar Schuhe?

Erstmal zum Tuscolo mittagessen. Vielleicht sorgt das ja für Urlaubsfeeling.

Zurück um 1230 fällt mir ein, dass ich nebenbei ein paar Folgen The Handmaid’s Tale für unterwegs herunterladen sollte. Staffel 3 ist leider nur noch bei MagentaTV zu haben. Die App hat eine 2,8 im Schnitt. Was soll schon passieren…

Die Hängematte bleibt da 🙁 Socken und Waschmittel verstaue ich im zweiten Paar Schuhe. Die MagentaTV-App schickt mich zur Anmeldung auf die Telekom-Startseite, wo ich angeblich schon ein Konto hätte. Die Passwortwiederherstellung will den Beruf meines Großvaters wissen.

Ich habe alles zusammen, sogar für die Solarzelle ist noch Platz, zwei volle Taschen trage ich schonmal runter. Ich merke, ich muss noch was für den Nacken tun, sonst hole ich mir bei dem Fahrtwind den Tod. Nichts hat einen wirklichen Kragen, ein Schal ist zu groß. Ich entscheide mich für Kinesio-Tape. Der nächste dm ist bestimmt einen Kilometer entfernt. Und wie da jetzt schnell hinkommen? Das E-Bike hat schon beladene Taschen.

Nach geschaffter Anmeldung darf ich in der MagentaTV-App erneut nach The Handmaid’s Tale suchen, jetzt ist neben jeder Folge sogar ein Download-Button zu sehen. Klicke ich darauf, beginnt die Folge zu laden. Dann die Aufforderung, eine Jugendschutz-Pin einzugeben. Öhö. 0000, wie immer? Nö, leider nicht. Hätte ich noch gar nicht festgelegt. Aber ganz einfach: Kannst du unter Jugendschutz-Pin anlegen. Aha, und wo?

Die Suche am Rechner, den ich eigentlich längst runtergefahren hatte, gibt mir Zeit, nach Kinesio-Tape zu googeln. Soll es auch beim Penny geben. Also los! Finde ich dort tatsächlich. Jetzt wird alles gut!

Mittlerweile ist es 1400 Uhr. Ich finde in den Einstellungen die Möglichkeit, eine Jugendschutz-Pin festzulegen. Möglichkeit 1: Klarna, gib deine Online-Banking-Logindaten ein. (Am Arsch!). Möglichkeit 2: Video-Ident-Verfahren. Na gut, was soll’s. Auf dem Handy passiert: nichts. Und nochmal: nichts. Ich krame den Rechner wieder raus, gebe alles, inklusive Geburtsdatum wieder ein. „Deine Internetverbindung ist zu langsam.“

What the shit? Aber tatsächlich. Auch andere Seiten laden langsam. Es hilft nichts, ich starte den Router neu, warte, packe nebenbei weiter, gehe runter zum Bike und bringe schonmal die Lenkertasche an, starte Ident noch einmal, gebe alles neu ein, ärgere mich schwarz. Da endlich, eine norddeutsche Stimme meldet sich: „Ist da Jürgen?“

Ich hatte eigentlich vor, ihn anzuraunzen, ihm betont sachlich meinen ganzen Frust über die blöde Magenta-App mit auf den Weg zu geben (mit dem Hinweis dass er persönlich nichts dafür kann). Aber keine Chance. Der Mann ist mir auf Anhieb sympathisch. „Ah, Bonn, da war ich neulich auch noch?“ – „Bei der Telekom?“ – „Nein, vor dem Arbeitsgericht, um die Telekom zu verklagen.“ <3

Er schaltet mich frei. Na endlich. Mittlerweile ist es 1430 Uhr. Ich kann eine Pin festlegen. 0000, 1111 oder 1234 gehen nicht. Wie immer, wenn Sicherheit vor Usability geht (Deutschland). Ich gehe wieder in die App, suche wieder nach The Handmaid’s Tale. „Du hast keine Pin vergeben“.

!@#$%^&!!!

Egal, los jetzt. Drei Folgen hat die App rubtergeladen, vielleicht kennt sie die Pin später. Ich bringe die schwere, orange Tasche runter. Vielleicht hätte ich vorher mal ausprobieren sollen, ob sie auch passt und hält. Aber, ja, sie tut es. Sie wird nur später ein wenig verrutschen.

Das Gepäck wiegt gut und gerne 15, das E-Bike an die 20 Kilo. Es ist ein halbes Motorrad, das ich da die Außentreppe hochwuchte. Vielleicht hätte ich vorher… Egal jetzt. Ich schiebe das ganze Paket Stufe für Stufe hoch und übe schonmal für eventuelle Bahnfahrten. Ein letztes Foto noch, dann los. Es ist 1450 Uhr.

Vor dem Römerkran kommt ein LKW den viel zu kleinen Weg hinauf. Ihm folgen drei (!) weitere Sprinter. „Was ist das denn jetzt?“, murmel ich vor mich hin. Was ist da los, was ist das für eine mysteriöse Kraft, die mich unbedingt in Bonn behalten will? Ein Typ, der nebenan mit einer Flasche Bier auf der Bank sitzt, klärt mich auf: „Der Biergarten da unten kann nur so beliefert werden. Dat Schänzchen, kennsse?“

Kenne ich. Und jetzt endlich geht es los. Ich bin am Rhein und die Tour beginnt. Und wenn et eeinmol lööf, dann lööf et. Nach fünf Minuten am Rhein bin ich die Ruhe selbst. Und alle Sorgen (welche Sorgen?) sind vergessen.

65 km später in Koblenz bin ich am Deutschen Eck. Es ist mittlerweile 1830. Ich muss ja noch Zelt und Co. aufbauen und die Muskeln meinen auch: Für den Anfang reicht das.

„1 Mann, 1 Nacht, 1 Zelt“, sagt die Dame am Empfang wissend, ohne dass ich etwas gesagt hätte. Ich nicke nur. „Sollen wir auch Ihren E-Bike-Akku hier aufladen?“ Sie tippt was an ihrem Computer rum, brummt und schüttelt den Kopf. „Ein ganzes Netz von Campingplätzen, aber nur 4 Server, mitten in der Hauptsaison. In Deutschland kriegen sie das mit der IT einfach nicht hin.“

Ich nicke, heftig.

Die Solarzelle lädt das Handy in der Abendsonne gar noch einmal voll. Ich baue nebenbei mein Nachtlager auf und mache mich anschließend in den Waschraum zum Duschen und Klamottenwaschen. Das wird die nächsten Wochen mein Alltag sein.

Egal, das Wetter ist gut, der Typ neben mir könnte auch ich sein: Alleinreisend, E-Bike, 1-Mann-Zelt, Klamotten zum Trocknen aufgehängt. Die Leute hier grüßen freundlich, hinter ein paar Wohnwagen sieht man das Deutsche Eck. Es ist das reinste Spießertum und ich muss gestehen: Ich mag das hier.

Ihr wollt es was kitschiger? Kein Problem!

Gefahrene Kilometer: 65, Akkuladestand: 73%. Persönliches Energielevel, morgens: 1/10, abends: 8/10.

Km 0:

Km 10:

Km 20:

Km 30:

Km 40:

Km 50:

Km 60:

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:)

.51: Meppen

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OK

.50: Erstmal Urlaub

Ab morgen erstmal Urlaub. Ich weiß noch gar nicht genau, wann es eigentlich wann wohin geht. Erstmal anrollen lassen. Gerade auch, weil ich mir gerade den Nacken verzogen habe und es mit Reisen, vor allem auf dem Rad, im Moment eh was schwierig ist. Aber Urlaub kann und muss trotzdem. Ob ich hier was zum Besten gebe in der Zeit, weiß ich noch nicht. Hab im Urlaub selten Lust, irgendwas zu müssen, .50 ist auch schon ein ordentliches Zwischenziel, das man eine Weile so stehen lassen kann, und überhaupt. Auf der anderen Seite bin ich eigentlich viel zu geschwätzig, um hier drei Wochen lang gar nichts zu posten, zumal man ja im Urlaub meist Dinge erlebt. Wir werden sehen…

Meine Ausrüstung, um von hier bis zum Kilimandscharo zu fahren, ist jetzt jedenfalls fast komplett. Braucht es nur noch einen, der fit und motiviert ist, die Reise anzutreten. Wo kriegen wir den her?

Kinder, was freue ich mich über diese Regenjacke! Sparkt schon jetzt am meisten Joy von allen Dingen, die ich mir in diesem Jahr gekauft habe, alles Elektronische inklusive. Sitzt, atmet und hält dicht. Und ist dabei ziemlich orange.

Den ersten Nieselschauer hat sie dann auch erfolgreich bestanden. Jetzt kann nichts mehr schief gehen. 🙂

Im Urlaub wird meine Solar Challenge vorübergehend pausieren müssen. Jepp, ich habe mein Smartphone in diesem Jahr tatsächlich noch keinen Tag an einer Steckdose aufgeladen, und das ist jetzt auch schon immerhin ein halbes Jahr. Darauf bin ich fast ein bisschen Darüber freue ich mich wirklich sehr.

Aber unterwegs solar: Es geht einfach nicht. Es gibt kein Solarladegerät, das mein Smartphone oder gar die Powerbank unterwegs regelmäßig schnell und zuverlässig auflädt. Die Technik ist noch nicht so weit. Ich überlege mir jetzt, die versäumte Zeit hinten dran zu hängen. Aber das Jahr vollzumachen, wäre schon schöner.

Eigentlich wollte ich auch noch was dazu schreiben. Aber wisst ihr was? Mir egal, wie er das nun wirklich genannt hat, es ist rassistische Kackscheiße, bei Tatverdächtigen die Herkunft der Eltern zu recherchieren, ganz einfach. Ein Gesetz, das das verlangt, ist falsch.

Ist das jetzt Werbung, Kunst, Systemstörung oder wieder so eine Guerilla-Aktion? Bei diesen Ströer-Tafeln weiß man nie…

Erstmal Gulusch gegoogelt. Irgendwas mit Poker.

(Nö, wenn ihr so undeutlich schreibt, verstehe ich das absichtlich falsch.)

Ein Bild noch:

Und noch eins:

Dann Urlaub.

Macht’s gut! 🙂