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Die Sache mit diesem Selbstbewusstsein

Neulich fuhr ich mit dem Auto zu einem Termin in die Eifel und war schon etwas spät dran. Noch in Bonn etwa 150 Meter vor dem Kreisverkehr zur Autobahnauffahrt hatte sich ein kleiner Stau gebildet. Die Müllabfuhr war da am Werk, direkt dahinter ein weiterer LKW, daneben: eine Verkehrsinsel.

Ich hatte die Wahl: Mich dahinter einordnen, warten, bis die Müllabfuhr so weit war, gegebenenfalls auf meine Chance zum Überholen warten, bestimmt 5 Minuten verlieren und damit zu spät zum Termin kommen. Oder in einem bold move ohne Anzuhalten direkt links daran vorbeiziehen.

Ich dachte nicht lange nach und entschied mich für Letzteres. Die Schlange hinter der Müllabfuhr bewegte sich ohnehin gerade nicht, das Personal war auf der Straßenseite mit der Arbeit beschäftigt, es kam kein Gegenverkehr, ich überholte die ganze Baggage links von der Verkehrsinsel. Erst bei Überholen sah ich, dass zwischen Müllabfuhr und dem LKW dahinter noch ein PKW eingeschlossen war, der da nicht herauskam. Vielleicht hat der Fahrer sich in dem Moment über mich geärgert, rausgekommen wäre er dort aber ohnehin nicht.

Ein weiteres Erlebnis heute beim Edeka an der Kasse. Der Kassierer checkte die Packung Eier, die ich kaufen wollte und stellte fest: eins davon kaputt. „Wollen Sie sich grad eine neue Packung holen. Wir rechnen die hier schonmal ab, Sie zahlen, lassen Ihren Einkauf hier und kommen dann einfach wieder an die Kasse.“ Und ich, mit Blick auf die Schlange hinter mir: „Äh, einfach wieder durch den Laden hierhin und an der Schlange vorbei?“ Der Kassierer, schon etwas genervt: „Jaja, einfach wieder an diese Kasse kommen. Ihren Einkauf können Sie solange hier stehen lassen.“

In meinem Hinterkopf sangen bereits die Urängste Kanon: Du wirst Aufsehen erregen, wenn du an der Schlange vorbeirennen willst, die anderen werden dich dafür anhassen, werden dich gar nicht durchlassen, dich beschimpfen, der Kassierer wird dich nicht mehr erkennen. Besser, du stellst dich einfach nochmal hinter allen an, wartest die 5 Minuten in Ruhe ab, bis du wieder dran bist und hoffst, dass der Kassierer sich dann noch an dich erinnert.

Time for a bold move again: Ich ging durch den Eingang wieder rein, nahm die Packung Eier aus dem Regal, sah auf dem Weg zur Kasse, dass bei meinem Kassierer zwar eine recht lange Schlange war, an der Nachbarkasse aber gerade keiner stand. Ich überholte auf den letzten Metern noch einen Dude, der sich dort anstellen wollte, zog an der anderen Schlange vorbei, wedelte mit der Packung gegenüber meinem Kassierer, der mich sofort erkannte, nahm meinen Einkauf mit und verschwand mit einem „danke, schönen Abend noch!“.

Und ich glaube sogar, außer ihm ist das nirgendwem großartig aufgefallen. Niemand hat mich böse angeguckt, niemand hat sich beschwert, wahrscheinlich hatten die meisten in der Kürze der Zeit nicht einmal die Möglichkeit zu denken: Was macht der denn da!

Story #3, ebenfalls heute: Ich musste in den Obi, um Alleskleber zu kaufen (siehe Beitrag von gestern). Direkt vor dem Eingang wollte ich meine FFP2-Maske aufsetzen – worauf die Gummihalterung an der linken Seite an einem Punkt abriss. Shit, und jetzt? Eine andere hatte ich nicht dabei. Irgendwie wieder festknoten? Nicht möglich. Ich wollte die Halterung um mein Ohr wickeln und so tun, als wäre sie noch intakt. Dabei riss die linke Halterung auch an der anderen Stelle ab. Na toll! Was nun? Jetzt nach Hause gehen und morgen wiederkommen?

Ich entschied mich, die Maske um das rechte Ohr gespannt zu lassen und sie an der der linken Seite mit der Hand festzuhalten, damit zum Infostand am Eingang zu gehen und die Leute dort zu bitten, mir eine neue Maske zu verkaufen, die ich dann sofort anziehen würde. Aber wie das bei Obi immer so ist: Der Infostand ist längst auch gleichzeitig Kasse und dort hatte sich bei der einzigen verfügbaren Mitarbeiterin bereits eine Schlange gebildet. Also doch aufgeben und zurück nach Hause?

Nein, auch hier time for a bold move: Ich ging einfach in den Laden rein, meine Maske an der einen Seite festhaltend, sah, dass sie Klebstoff direkt an einem Stand hinter Eingang und Infostand haben, schnappte mir schnell die bestaussehende Packung, marschierte direkt damit zur Infostand-Kasse und griff dort in der Auslage noch nach einem Doppelpack FFP2-Masken.

Die Kassiererin sah mich verblüfft an. Aber bevor sie etwas sagen konnte, erklärte ich: „Die Maske ist mir gerade kaputt gegangen. Ich kauf schnell eine neue.“ Sie nickte und hatte keine Fragen.

Mein altes Ich hatte kein Selbstbewusstsein und hätte sich alle drei Male wohl brav hinten angestellt oder wäre nach Hause gegangen, hätte dadurch viel Zeit verloren, sich irgendwie unbeholfen benommen und hinterher geärgert.

Mein neues Ich hat so etwas wie Selbstbewusstsein entwickelt. Und das fühlt sich nicht nur besser an und erleichtert im Alltag viele Dinge. Der viel wichtigere Punkt ist: Es hat auch niemand irgendeinen Nachteil dadurch. Mir geht es besser, den anderen nicht schlechter. Vielleicht freut es sie sogar, dass da jemand ist, mit dem sie klar kommunizieren können und wissen woran sie sind.

Oder anders gesagt: Wenn ich mich unbeholfen zweimal in jede Schlange stelle, weil ich mich nicht traue, ist niemandem damit geholfen. Ist für Menschen mit wenig Selbstbewusstsein leicht gesagt, weiß wohl niemand besser als ich selbst, aber mein Rat muss trotzdem lauten: Macht einfach! Traut euch! Nicht in einer Art und Weise, dass ihr andere dabei zur Seite drängt. Aber schon so, dass ihr klar für euch selbst einsteht. Traut euch!

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