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Krankheit, Religion und Kapitalismus

Wie ich da am Freitag auf dem Zahnarztstuhl lag, der (angehende) Arzt fragte: „Wollen Sie Anästhesie?“, es klang wie „brauchen wir hier nicht“ und ich auch abwinkte und mir dann dachte: oha. Jetzt brauchst du echt eine Menge Gottvertrauen, damit das hier gut geht.

Es sind die wenigen Momente, in denen man als moderner Mensch in der reichen Welt überhaupt noch mal an Gott denkt. Und so machte ich mir da so meine Gedanken: Waren die Menschen vor >100 Jahren einfach religiöser, weil sie gewisse Probleme noch hatten, die wir nicht mehr in dem Maße haben?

  • Schmerz -> Durch bessere Behandlungsmethoden, vor allem aber Medikamente in vielen Bereichen schlicht abgeschafft. Wir müssen immer weniger Schmerz erdulden.
  • Schwere Krankheiten -> deutlich seltener geworden als vor 100 Jahren vor allem dank besserer hygienischer Zustände und besserer Medizin.
  • Hunger -> in Deutschland für die breite Masse mehr oder weniger abgeschafft durch Hartz IV, Mindestlohn, vor allem aber durch lächerlich billige Lebensmittelpreise und ein fantastisches Netz aus Supermärkten.
  • Sicherheit und Stabilität -> Vor allem erreicht durch internationale Bündnisse, niedrige Korruption und eine funktionierende Justiz.

Wozu braucht man noch Gott, wenn man kaum noch Schmerzen, schwere Krankheiten, Hunger oder Angst davor erdulden muss, sein Leben durch etwas Anderes als ein hohes Alter zu verlieren? Wenn man zu niemandem beten muss, dass alles gut wird. Weil ja im Grunde alles schon gut ist.

Dann braucht man Gott eigentlich nur noch für die Sinnsuche.

Ich will natürlich nichts schönerreden, als es ist. Die Inflation frisst gerade die guten Lebensmittelpreise auf, auch in Deutschland gibt es arme Menschen, die Hunger leiden, es gibt natürlich noch schlimme Krankheiten, viele Menschen leiden Schmerzen und sterben viel zu früh daran; politische Weltlagen können sich schnell ändern, wie man in diesem Jahr sieht. Nur alles nicht mehr in dem Maße wie vor 100 Jahren oder davor. Man macht sich sehr selten mal ein Bild davon, wie gut man es eigentlich hat.

Ich glaube übrigens trotzdem. 🤷🏻‍♂️

Neues iPhone 14 Pro ist da, 1.429 Euro. Hab mich jetzt genug darüber beschwert. Macht einen guten ersten Eindruck. Fühlt sich wie die richtige Wahl an.

Die Sache ist nur: Es war so gut wie keine Vorfreude da. In dem neuen iPhone ist nichts Innovatives, eigentlich nichts, was den hohen Preis rechtfertigt. Ich habe es mir gekauft, weil es mein eins für alles sein soll (Kamera, Fernseher, E-Book-Reader …) und um für die Arbeit darüber zu schreiben. Es wird ein gutes Ding sein, vielleicht sogar nach Mittelung aller Werte das beste Smartphone da draußen. Wäre da jetzt wenigstens irgendwas drin gewesen, was irgendwie innovativ gewesen wäre, wie, ich sag mal: eine Kamera mit variabler Blende wie im Huawei Mate 50 Pro, dann hätte ich das Geld auch, na ja, nicht gerne gezahlt. Aber ich hätte gewusst, warum es so teuer ist.

Aber so funktioniert Kapitalismus doch eigentlich nicht. Kapitalismus funktioniert doch so, dass die Wirtschaft uns mit innovativen, spannenden Produkten mit Want-Faktor zu Konsumopfern macht. Nicht mit überteuerten Dingen, die halt noch nicht schlecht genug sind, um gegenüber Konkurrenzprodukten zurückzufallen. Aber wenn man dann am Ende 1.429 Euro ausgibt für etwas, das man meint, haben zu müssen, das einem dann aber nur ein Achselzucken entlockt… Dann ist der Kapitalismus wirklich in einer ernsten Krise. Oder man selbst. Oder beides.

Shantaram, einer der Romane, bei denen ich nach ein paar Kapiteln ausgestiegen bin, weil es einfach nicht „gehookt“ hat. Habe ich dann auch keine Probleme mit, mir stattdessen die Serie anzuschauen, die bald auf Apple TV+ anläuft:

Umtrunk. Kann man gut machen dort im Vulkan-Brauhaus in Mendig!

Junip: Without you (2011):

2 Antworten auf „Krankheit, Religion und Kapitalismus“

Nur als Anmerkung zu verstehen: Die Dinge, die du im ersten Teil als positive Errungenschaften herausstellst, gäbe es nicht ohne Kapitalismus. Wobei ich den Begriff Kapitalismus nicht mag, da das ein Kampfbegriff der Gegner oder der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung ist, der durch Marx eingeführt wurde, wenn ich mich nicht irre. Ich bevorzuge den Begriff, der die Wirtschaftsordung hierzulande seit 1945 bezeichnet: soziale Marktwirtschaft.

Ja, unterschreib ich. Also die soziale Marktwirtschaft, die wir in Teilen hatten oder haben, hat hierzulande besser funktioniert als anderswo, und sie hat den technischen Fortschritt erlaubt, der Jahrtausende alte Probleme beseitigt hat. Für uns, die meisten von uns und teils auf Kosten anderer. Ihre Schattenseiten sind aber auch seit längerem spürbar. Das Gesundheitssystem erstickt an seinen Kosten, das Kapital ist da, aber ungleich verteilt, vor allem kommt zu wenig davon bei der öffentlichen Hand an. Alles in allem ein Erfolg, aber mehr so ein 3:2-Sieg statt einem 4:0, wenn du versteht, was ich meine. 😉

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