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Liebe (Etappe 20)

Nackt plansche ich auf dem einsamen Strand, hüpfe wie ein kleines Kind im Wasser herum. Zum Glück muss sich das unwürdige Schauspiel niemand anssehen. Die Game-of-Thrones-mäßige Stadt in Bayern und jetzt dieser einsame Strand auf Sylt. Es gibt sie also doch noch, die Orte, die von der Instacommunity noch nicht überrannt werden.

Ich bin mutterseelenallein an diesem Strand – bis ich es plötzlich nicht mehr bin. Ein anderer Typ kommt durch die Dünen und sucht etwas, vermutlich auch den nördlichsten Punkt Deutschlands. Nachdem er eine Weile gesucht hat, sieht er ihn, läuft dorthin und tanzt wie ein Irrer darum herum. So ähnlich wie das, was ich auch gerade gemacht habe. Ich bin zwar nicht alleine, aber irgendwie sind wir doch alle verbunden.

So, wie ich es viele Jahre nicht war. Immer auf der Suche nach etwas, meistens einem Seelenpartner, den ich, nach langer Suche gefunden, dann meist ebenso schnell wieder in die Wüste geschickt habe. Nicht die Richtige, passt irgendwie doch nicht, nicht die, mit der ich gerne alt werden würde oder irgendwelche anderen vorgeschobenen Gründe. Und am Ende beiderseits gebrochene Herzen, weil man verliebter war, als man es sich eingestanden hatte.

Beziehungsvermeider nennen Psychologen so etwas. Solche Menschen sehnen sich mehr als andere nach einer glücklichen Beziehung, finden lange keine und wenn dann doch endlich, dann fürchten sie um ihre Freiheit, beginnen, der Sache nicht zu trauen und tun schließlich alles dafür, die Beziehung zu sabotieren. Bis es schließlich gelingt, man sich einsam fühlt, dazu ein gebrochenes Herz hat, der Sache hinterhertrauert und der ganze Mist wieder von vorne beginnt.

Was ist die Lösung da raus? Mir hilft es zu wandern, radzufahren, meine Gedanken dabei zu sortieren, ganz bei mir zu sein, hin und wieder mit fremden Menschen zu reden und dabei einfach nur mal zuzuhören. Mich nicht darum zu kümmern, was irgendjemand von mir denkt, öfter mal einfach zu tun, wonach mir gerade ist und alles ein Stück weit weniger zu durchdenken.

Vielleicht hat mir die Reise mir ein wenig dabei geholfen, unvoreingenommener und liebevoller zu sein, mir selbst, aber auch anderen gegenüber.

Ich ziehe mich wieder an, schiebe mein Rad durch den Sand und bin schon bald wieder in den Dünen, in denen die Heide blüht. Das Allgäu und Sylt – die südlichste und die nördlichste Region sind auch gleichzeitig die beiden schönsten Gegenden, die ich auf meiner Reise gesehen habe. Aber all das hätte ich nicht erkannt, hätte ich nicht auch das Land dazwischen gesehen und tolle Menschen unterwegs getroffen.

Bei dem Wind ist mir in kurzer Hose und T-Shirt langsam bitterkalt. Aber die Aussicht auf ein letztes Abendessen und ein leckeres Bier in Westerland helfen mir durchzuhalten. Ich muss mich nicht unter die Reichen und Schönen dort mischen; die sollen ihr Ding machen, ich meins. Aber ein kleiner Abschluss der Reise wäre toll.

Ich habe Glück. Der Gosch am Strand verkauft mir noch ein Schollenfilet und ein Pils. Dicht in eine Decke gehüllt, schreibe ich die Gedanken des Tages nieder, packe dann aber bald zusammen, spende mein restliches Münzgeld einer Gruppe der Westerland-Punks, die nebenan zu „Griechischer Wein“ eine Tanzparodie auf den Asphalt bringen. Sie glauben, sie wären frei, aber sie sind es auch nicht.

Zurück am Zelt ziehe ich mich warm an, setze mich auf meinen Campingstuhl und blicke für eine Zeit nur in den milchigen Nachthimmel, und es ist richtig schön. Es ist weit nach Mitternacht. In dem einen oder anderen Zelt brennt noch Licht, jemand schnarcht. Ich bin alleine und bin es doch nicht. Endlich ein wenig Zeit für Gedanken, schöne Gedanken.

2 Antworten auf „Liebe (Etappe 20)“

Irgendwie der schönste, weil vielleicht philosopheste und persönlichste Teil, deiner Odyssee.
Danke einfach fürs „Dich Begleiten Dürfen“!

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