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Epilog

Ich packe recht früh zusammen, heute muss ja alles nur noch zusammengestopft werden. Die Verkäuferin im Campingplatzkiosk erkennt mit geübtem Auge, dass ich mein Schokobrötchen vor Ort essen möchte und hat noch ein Lächeln dabei auf dem Lippen. Das unterstreicht zwei Erkenntnisse meiner Reise: Servicepersonal leistet Unglaubliches für dieses Land, und: ich habe mich abscheulich schlecht ernährt, die letzten drei Wochen. Aber jetzt wieder Gemüse.

In Westerland komme ich überraschend problemlos mit dem Rad in die gut besetzte Bahn nach Hamburg. Dort angekommen, kaufe ich ein Brötchen, um Wechselgeld für ein Schließfach zu bekommen. Sie habe kaum noch Münzgeld, bedauert die Verkäuferin. Jeder wolle welches für das uralte Bahnschließfach. „Oh“, sage ich, und wir schauen uns eine Weile lauernd und mit verschmitztem Lächeln an. „Ich bekomme vielleicht doch noch was zusammen“, antwortet sie dann nach einem Blick in die Kasse.

Servicepersonal. Unglaubliches!

Als ich das Brötchen für später wegpacke und dann erst einmal beim Inder was esse, belausche ich ein Gespräch am Nachbartisch. Er sei Journalist, sagt der Wortführer, und der Journalismus in diesem Land werde eigentlich nur noch von Idealismus getragen. Das Gehaltsgefälle wäre die typische Schere zwischen Arm und Reich. Er hatte bei einem öffentlich-rechtlichen Sender für Drei gearbeitet, damit es mit dem Geld reiche. Die Kostenschubser im Sender hätten dann nur gesehen: der verdient zu viel und muss eingespart werden. Auf der anderen Seite lief der Fall der mittlerweile zurückgetretenen RBB-Intendantin Patricia Schlesinger die letzten Wochen durch die – nun ja – Medien. Ihre 300.000 im Jahr hatten ihr offenbar immer noch nicht gereicht. Wird der Mensch gierig, sobald er viel hat?

Weil ich nichts Besseres vorhabe, trinke ich danach einen Kaffee und gehe an der Reeperbahn ein Set Craftbeer testen. Ich müsste an einem Tisch alleine sitzen, aber Gesellschaft wäre mir lieber. Ich frage ein Pärchen aus Berlin, ob ich mich dazu setzen darf. Darf ich. Das Bier wirkt dann derart stark, dass ich mein Fahrrad erst einmal runter zum Wasser schiebe. Ich lande vor einem Museums-Uboot, interessiere mich dafür, wie es darin aussieht, buche eine Tour, nehme sie, fahre zurück zum Bahnhof Altona und kaufe mir noch ein Filet-o-Fish beim McDonalds. In Hamburg muss Fischbrötchen! Aber es gibt dort im Bahnhof tatsächlich keine Fischbude. Ich hole mein Gepäck wieder aus dem Schließfach und schiebe mein Fahrrad in den IC.

In Bremen kommt die Durchsage, dass wir 100 (!) Minuten auf neues Zugpersonal warten müssten. Alle um mich herum sind verärgert. Ich bin völlig ruhig – ist das die Urlaubsentspannung? Ich steige nach einer Weile aus, genieße die maskenfreie Frischluft am Gleis, spaziere durch den Bremer Bahnhof und setze mich eine Weile vor die Messe am Hinterausgang.

Als ich wiederkomme, ist Chaos am Gleis. Zusätzlich zum verspäteten Zugpersonal gibt es jetzt auch noch eine Gleisstörung; alle Regionalzüge sind gestrichen. Ich versuche, Infos bei einem Bahnmitarbeiter am Gleis einzuholen, aber der weiß auch nichts. Ein Mann, der nur gebrochen Deutsch spricht, fragt mich nach seinem Zug. Ich kann ihm nur auf Deutsch und Englisch das Dilemma erklären.

Ein Anderer in einem Liegefahrrad muss noch ins Rheinland. Er hat nur einen Schwerbehinderten-Ticket. Wir kommen ins Gespräch. Er hat auch Zelt und Luma dabei, ist auf Tour, campt manchmal wild. Der Bahnmitarbeiter hat keine neuen Infos.

Wir fragen ihn, ob es in Ordnung wäre, mit dem Schwerbehindertenausweis ausnahmsweise einen IC zu benutzen. Der Bahnmitarbeiter ist unsicher, sagt, das läge im Ermessen des neuen Zugpersonals. Aber das sei noch nicht eingetroffen.

Als es da ist, fangen wir den Zugchef ab, aber der stellt sich quer. „Mit dem Fahrrad? Ausgeschlossen!“ Das wäre viel zu groß und passe nicht in den Stellplatz. Aber das Abteil wäre noch fast leer und das Rad ließe sich anders sichern, argumentieren wir. Nein, nichts zu machen, sagt der Zugchef.

Im gleichen Moment spricht mich eine Afrikanerin an, ob der ICE gegenüber nach Köln fahre. Warum fragen alle mich? Ich helfe. Wir kriegen sie gerade noch rechtzeitig in den richtigen Zug. Den Rest des Gesprächs zwischen dem Mann im Liegefahrrad und dem Zugchef bekomme ich deswegen nicht mehr mit. Aber er ist offenbar bei seinem Nein geblieben. Dem sei es darum gegangen, dass alles seine Ordnung habe, sagt der Mann im Liegefahrrad resigniert.

Ich ärgere mich, mir fällt nichts ein, wie ich ihn noch helfen könnte. Wäre schon okay, sagt er, er würde schon irgendwas finden zum wild Campen. Es klingt wie: unter der Brücke schlafen. Er bedankt sich bei mir und nennt mich einen guten Menschen. Er sei in der Partei „Die Basis“ und habe da unheimlich nette Leute kennengelernt. Dass es Menschen wie mich gäbe, helfe ihm auch darüber hinaus, die Hoffnung nicht zu verlieren.

Seine politische Gesinnung ist mir in dem Moment egal. Er ist mir sympathisch, und ich hätte gerne mehr für ihn getan. Vielleicht darf man sich auch nicht wundern, wenn der eine oder andere, der „wild campen“ muss, damit die Ordnung aufrecht erhalten wird, in eine ungute politische Ecke abdriftet.

Aber ich ein guter Mensch? Ich habe unterwegs viele getroffen, die mir und anderen vorbehaltlos geholfen haben, selbst als sie eigentlich gerade etwas Dringenderes zu tun hatten. Die würde ich als solche bezeichnen. Für mich selbst ist es dahin noch ein weiter Weg.

Drei Wochen lang war ich unterwegs. Die Nachrichten habe ich in dieser Zeit nur am Rande verfolgt. Immer wenn ich doch mal tagesschau.de besucht oder in einem Kiosk die Titelseiten der Zeitungen gesehen habe, ging es um Gaspreise. Und wenig bis gar nicht um den grausamen Krieg, der die Ursache dafür ist. So ist der Deutsche eben auch: er kreist in erster Linie um sich selbst – und kann unendlich hilfsbereit, reflektiert und freundlich sein, wenn man es dann doch aus ihm herauskitzelt.

Wir stehen vor einer ungewissen Zukunft und leben in einem Land, das seine Rolle in der Welt immer noch nicht ganz gefunden hat. Es könnte schlimmer sein, es könnte besser. Sollte es hart auf hart kommen, wird Deutschland wohl als eins der letzten Länder untergehen.

Als ich nachts um 0200 endlich Bonn erreiche und mein Rad aus dem Fahrstuhl schiebe, glaube ich meinen Augen kaum zu trauen: Es regnet leicht. So werde ich auf den letzten Metern meiner Tour zum ersten Mal ein wenig nass.

Ich lasse die Regenjacke in der Tasche und fahre los.

8 Antworten auf „Epilog“

Was für ein toller Reisebericht! Vielen Dank fürs Mitnehmen auf dein Abenteuer. Ich habe die Beiträge sehr gerne gelesen. Nicht nur wegen den Fotos, den Erlebnissen, die solch eine Reise mit sich bringt und den verschiedenen Details zu den Orten. Sondern insbesondere auch wegen deiner feinen Beobachtungen der Welt um dich herum, Erkenntnisse zu Menschen und deswegen natürlich letztlich zu dir selbst.
Jetzt aber erst einmal gute Erholung!

Das war eine schöne, inspirierende Reihe. Ich bin leider viel zu faul dafür, so faul, dass ich es nicht einmal per Auto oder Vespa nachmachen würde ^^ Insofern: Respekt, hab Deine Berichte gerne gelesen.

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