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.39: Wir machen das

Erste Tour mit Gepäck, bei (ein wenig) Regen und bergauf. Iiiirgendwas ist komisch mit dem Ding, aber nachdem es, zumindest mit E-Unterstützung, problemlos den Petersberg hinauf kommt und die Fahrt auch so eigentlich Spaß gemacht hat, denke ich: Wir machen das. Ich behalte das E-Bike und dann wird es irgendwann in nicht mehr all zu ferner Zukunft damit in die Schweiz gehen.

Mit lauter Zeugs. Vor drei Jahren bin ich mehr oder weniger Hals über Kopf mit einem Auto, das ich gerade erst gekauft hatte, durch Skandinavien und zurück über Russland ans Nordkap gefahren. Eins der größten Aventures meines Lebens, aber irgendwas hat da auch nicht gestimmt. Ich hatte es etwa vor Beginn der Reise nicht mehr geschafft, die extra gekauften Vorhänge ins Auto einzubauen. Motto: Machste unterwegs. Als einige Wochen später der russische Grenzbeamte, der meinen Wagen durchsuchte, eben jene Vorhangsstangen in die Hand bekam, auf die Fenster zeigte und wissend nickte, da erst wusste ich: das ging alles zu schnell irgendwie.

Diesmal ist es anders, und ich merke, wie viel Zeit für das alles drauf geht. Was man an Zeug braucht, wie jedes einzelne Item (Fahrrad, Schloss, Akku, Seitentasche, Display, Regenjacke, Radhosen, Trikots, Handyhalter, Fahrradbrille, Zelt, Schlafsack, Handtücher, Isomatte… erst einmal aufwändig ausgesucht, bestellt, empfangen, begutachtet, verstanden, aufgesetzt, ausprobiert werden will. Gestern Abend im Dunkeln nach der anstrengenden Tour nach Köln stand ich etwa verzweifelt vor dem Akku, den ich einfach nicht ausgebaut bekam. Erst der Blick ins Handbuch heute verriet: Du musst ihn nicht nach oben herausziehen, sondern zur Seite wegschieben. Ah…

Diesmal habe ich mehr Zeit für alles, und vielleicht wird’s damit später auch entspannter, wenn es erstmal losgeht. Wobei man immer das Gefühl hat, dass Andere so eine Vorbereitung irgendwie aus dem Ärmel schütteln und unsere Eltern früher mit uns einfach losgefahren sind in den Urlaub. Ist gar nicht so?

Putin möglicherweise bis 2036 russischer Präsident, neues Sicherheitsgesetz in Hongkong – keine gute Zeit für die Demokratie gerade, die ganzen letzten Jahre schon nicht. Was mich zu zwei steilen Thesen veranlasst:

  1. Die Demokratie ist ein Auslaufmodell. Ist kein Wunsch, ist eine Beobachtung. Beliebt war sie noch nie, und man muss nicht erst Winston Churchill zitieren, um zu wissen: es gab nur noch nichts Besseres. Was die Leute eher zu wollen scheinen, ist einen starken Mann (USA, Brasilien, Russland, Türkei, China… Deutschland?).
  2. Die Demokratie ist in der Maslowschen Bedürfnispyramide sehr nah an der Spitze angesiedelt. These: Wenn es mir wirtschaftlich gut geht, ich einen okayen Job mit Aufstiegschancen habe, der genug Geld bringt, so dass ich mir jeden Morgen den Cappuccino und danach den neuen SUV kaufen, mit meiner schönen Frau und meinen zwei Kindern damit in den Urlaub fahren kann, dann ist mir die Staatsform herzlich egal.

Ideal ist das nicht. Vor allem dann nicht, wenn in Ländern wie Hongkong oder der Türkei ein Rückbau der Demokratie stattfindet. Weil die Leute hier Errungenschaften, die wichtig aber nur schwer greifbar sind, achtlos wegwerfen. Vielleicht müssen wir uns aber auch mal nach Nachfolgern, wenn möglich: Verbesserungen, der Demokratie umschauen. Gibt es da eigentlich was?

Das erste Halbjahr ist um, kurzes Kulturfazit.

Beste gesehene Serie: The Morning Show, mit weitem Abstand. Schlicht genial, vor allem die unerwartete Dynamik, die die Serie mit jeder Folge aufnimmt, und die sich im furiosen Finale entlädt. Ein Glanzstück.

Bild: Apple

Ohnehin finde ich die handverlesene Auswahl von Apple TV+ gar nicht schlecht. Auch See und Little America waren teils erwartet, teils überraschend gut.

Watchmen setzte ich auf Platz 2. Wahrscheinlich die tiefste Superheldengeschichte aller Zeiten.

Bestes gelesenes Buch: Wiener Straße, wenn auch schon was älter. Sven Regener liefert (bis auf Magical Mystery, sorry Fans) alle paar Jahre wunderbare Komödien und steigert sich immer weiter. In Wiener Straße zeichnet er Charaktere für die Ewigkeit und wirft sie Battle-Royale-mäßig in die Manege. Ich habe jede Seite herbeigesehnt und ich will das auf jeden Fall als Theaterstück sehen, wofür es sich wunderbar eignen würde.

Bester gesehener Film: 1917. Ich bin ein Story-Guy, ich brauche eine gute Geschichte. Von daher gibt es für gewöhnlich wenig Filme, die mich in erster Linie visuell begeistern. Aber alle paar Jahre kommt dann doch einer, der das schafft. Das war bei Mad Max: Fury Road der Fall (seitdem kann per Definition nichts Anderes mehr „Spektakel“ heißen), das hat Roma geschafft (wobei hier eine wahnsinnig gute Geschichte noch obendrauf kommt; mir liefen die Tränen, und ich kann nicht einmal sagen warum), das gelingt auf ganze andere Art auch 1917.

Untypisch für einen Kriegsfilm (wenn auch nicht einzigartig, siehe Tigerland, siehe Jarhead, siehe Apocalypse Now, siehe Johnny got his gun) gibt es in 1917 kaum Kriegshandlungen. Der 2-Take-Shot ist mehr ein Abenteuerfilm eines Soldaten, der einen lebenswichtigen Befehl an die Front bringen soll, während sich der Feind scheinbar zurückgezogen hat. Visuelles Highlight für mich: die Nachtszene in der zerstörsten Stadt. Aus irgendeinem Grund (sagt mir welchen) hat mich 1917 an die fantastischen Videospiele Limbo und Inside erinnert. Vielleicht weil es auch da in Einem durchgeht und Szenerie und Aufgaben für den Protagonisten sich trotzdem alle paar Minuten ändern.

Was ist euere Auswahl?

Schön ist es da oben eigentlich immer:

Und auf der anderen Seite auch:

Good riddance, Schwarzrheindorf, you had it coming!

Wie, der’s nicht echt? Klar ist der echt!

/cc Juan. thx 🙂

8 Antworten auf „.39: Wir machen das“

Beim Einkauf des ersten Camping-Sets hatten unsere Eltern weniger Stress. Wenn der lokale Globetrotter halt nur zwei Kühltruhen und drei Zelte hatte, nahm man eben das was die richtige Größe hatte.
Aber das packen und vorbereiten, das haben wir einfach nicht bekommen….
Und für n Pauschalurlaub muss man ja nur eine Zahnbürste und ein paar Klamotten in den Koffer werfen, das ist ja auch überschaubar.
Meine Eltern haben damals teilweise überrraschungsreisen gebucht, da wusste man erst im Bus wo der Urlaub geht, da spart man sich dann auch den Stress mit der Auswahl des perfekten Urlaubsziels

Zu 1917:
Wenn ich mich recht an eine Rezension erinnere (gesehen habe ich den Film nämlich noch nicht), ist der Vergleich mit einem Videospiel gar nicht so falsch, da doch meistens mit Takes aus Sicht des Protagonisten oder zumindest nah an ihm dran gedreht wurde. Und es müsste da auch einen sehr langen One-Take geben, ich meine, als er durch irgendeinen Schürzengraben läuft.
Muss ich mit auf alle Fälle auch ansehen!
Hast Du Dunkirk gesehen? Finde ich auch gut gemacht, mit den verschiedenen Handlungssträngen, die zusammen geführt werden.

Zu Demokratie:
Sollte man mal drüber abstimmen… 😉
Ich frage mich immer, merken die es tatsächlich nicht (also hier Türken und Russen und eigentlich schon immer die USA..), oder wollen sie es nicht merken, dass sie sich davon verabschieden ?!?

Die Leute sehen halt eher die Nachteile. Siehe Europäische Union. Mehr Demokratie geht eigentlich nicht, und das nervt wie die Sau. Dabei ist der Output der EU überhaupt nicht schlecht. Und seien es nur offensichtliche Errungenschaften wie Schengen, überall nutzbares Datenvolumen, Stärkung strukturschwacher Regionen, ein einheitliches Zahlungsmittel (das wirtschaftlich den Einzelstaaten durchaus Nachteile bescheren kann, das sei gar nicht von der Hand gewiesen), Freizügigkeit, freie Warenströme. Und gerade die Nutznießer dieser Politik – wählen rechts.

1917 ist sogar als Single Take konzipiert (wenn auch nicht ganz so aufgenommen). Der einzige sichtbare Schnitt ist dramaturgisch gewollt. Und das ist schon beeindruckend. Dunkirk fand ich komisch, das sprang mir zu sehr. Visuell natürlich auch opulent, aber 1917 ist imho viel eindrücklicher, weil man auch den Hauptcharakteren näher ist (wer die in Dunkirk überhaupt waren, bleibt bis zuletzt ungeklärt, das ist jede Viertelstunde ein anderer).

Hallo Rainer, nein, die merken es nicht, bzw. wollen es sogar so, es ein hiesiger Irrglaube dass die Demokratie überall gleich funktioniert, es hängt sehr viel an sehr vielen, an sich meist keinen, Besonderheiten in versch. Ländern zusammen. Siehe z.B. Finnland, Griechenland und Kroatien, alle gänzlich unterschiedlich in deren Demokratie.
Bei den Russen ist es so dass das Land noch nie eine richtige Demokratie hatte, das Volk der Demokratie in den 90er entgegengefiebert hat, bekommen hat man aber ein quasidemokratisches, korruptes und durch und durch neoliberales System.
Für viele Russen ist Demokratie ein Schimpfwort, was man nur verstehen kann wenn man die 90er dort erlebt hat, bzw. Leute kennt die das selbst haben und aus erster Quelle berichten. Man kann es denen nicht verübeln, die kennen es eben nicht richtig und verbinden Neoliberalismus mit Demokratie. Auch wenn man die „Demokratischen“ Bewegungen in Moskau in den Nachrichten sieht (die nicht alle wirklich demokratisch und gut sind, aber wer will das sachlich und distanziert beurteilen), ist das nur ein Tropfen im Vergleich mit dem was das ganze Land, und vor allem die ländlichen Gebiete, denkt und fühlt.
Natürlich ist das heutige System mit Putin an der Spitze korrupt und für die EU unvorstellbar, aber für den gemeinen Russen ist es viel-viel besser als das was noch vor 20 Jahren herrschte, die Stabilität ist hier viel wichtiger als alles andere.
Zu der Türkei kann ich nichts sagen, kenne das Land und Leute dort viel zu wenig, aber ich denke auch da wird es vielleicht ähnliche Gründe haben, Stabilität ist wichtig, die Leute haben die „nachbarschaftlichen“ Umbrüche in Libyen und Irak vor Augen, die für vermeintliche Verbesserung und Demokratie gedacht waren, und am Ende die Länder im Chaos und Verderben versinken ließen.
Demnach, wir sollten auch den anderen Standpunkt als den unseren berücksichtigen, auch wenn man diesen irrational findet.

Der Westen muss sich wohl langsam von dem Gedanken lösen, dass Demokratie die richtige Staatsform für jedes Land ist. Russland ist ohnehin schwer regierbar, ob da eine Demokratie nach unserer Vorstellung überhaupt möglich ist… Ich bin der gleichen Meinung wie du: Wichtiger als eine lupenreine Demokratie zu haben, sind erst einmal Gesundheit, Wohlstand, Sicherheit und eine gewisse Freiheit. In Singapur sehe ich das zum Beispiel immer: keine Demokratie, aber materieller Wohlstand, und die Leute sagen und äußern auch auf Social Media immer gerne, was sie über die Herrschenden denken. Jetzt kam wegen Corona leider ein neues „Sicherheits“gesetz, das die ohnehin geringe Pressefreiheit weiter einschränkt. Ich hoffe, das wird nicht zu viel verändern. Was ich im Falle von Hongkong halt so tragisch finde, ist, dass da gerade eine gut funktionierende Demokratie zu Grabe getragen wird. Ist ja nochmal was Anderes, wenn man merkt, es geht nicht, die Leute wollen keine Demokratie, der Laden ist korrupt und trotzdem in tiefstem Maße ungerecht. Aber in Hongkong war das meines Wissens nicht der Fall. Und China hat bei allem Aufschwung der letzten Jahrzehnte immer „gerne“ gezeigt, was es mit Andersdenkenden macht. Hätte ich mir anders gewünscht.

Jawohl, bzgl. Honkong bin ich ganz deiner Meinung (obwohl man sicher auch nicht alle Details kennt), dort gab es eine funktionierende Demokratie, diese wird derzeit ausgehöhlt, was schlecht ist. Hier stehen aber gewaltige wirtschaftliche Interessen im Raum, das merkt man leider an der politischen Resonanz im Westen (so gut wie nicht vorhanden)…

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