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Im Fichtelgebirge (Etappe 9)

Ich wollte eigentlich mal ausschlafen, werde dann aber doch um 0830 durch die ersten Sonnenstrahlen wach, die auf mein Zelt fallen. Mein Nebencamper aus Hannover will seinen Camper von der Steckdose losmachen, wofür der Betreiber eine Kabeltrommel auf dem Grundstück der Dauercamperin von gestern deponiert hat. Der folgende Dialog ist zum Schießen:

„Guten Morgen, entschuldigen Sie, wenn ich eben auf Ihr Gelände komme…“

„Morche, dös o koi Problem ned.:

„Na ja, ich muss den Stecker für mein Wohnmobil ausstecken.“

„Wos ist do mit däm Roadler?“

Sie meint mich. Sie hatte gesehen, dass ich gestern an der gleichen Kabeltrommel herumfuhrwerkt habe, um meinen E-Bike-Akku und mein Smartphone daran aufzuladen, beides aber inzwischen längst wieder abmontiert.

„Was? Aber der hängt da ja schon gar nicht mehr dran. Ich denke, das geht schon.“

„Se könne des Glump grod doarlorn.“

„Was?“

„Wos?“

„Nein nein, wir können die Trommel hier stehen lassen, hat der Betreiber gesagt.“

Ich höre das alles in meinem Zelt und lache mich dabei heimlich kaputt. Sie meinen beide dasselbe, aber reden völlig aneinander vorbei.

Als ich alles gepackt habe und der Dame zum Abschied zuwinke, ruft sie „Mogst noch a Koffee“ rüber.

Verdammt, die sind wirklich super herzlich, gastfreundlich – und wissen immer genau, was ich gerade brauche! 🙄 Wie machen die das nur?

Und so packe ich zusammen und gehe dann noch einmal zu der herzlichen Dauercamperin auf die Veranda. Uns gelingt ein bisschen Smalltalk. Ihr Mann ist schon arbeiten, des fängt schon um 0600 in der Früh an. Sie geht gleich noch arbeiten, als Reinigungskraft. Sie ist Dortmund-Fan, ihr Mann Bayern-Fan. Da wird’s wohl samstags nie langweilig werden. Der Kaffee ist erstaunlich gut. „Die Bohnen san frisch gemolen“, sagt sie. Vielleicht hinterfragt sie die Dinge doch etwas mehr, als ich gestern noch dachte…

Die Gegend ist wieder einmal schön, aber es geht heute 100 km über Stock und Stein. Immer wieder steil hoch, dann wieder runter, steil hoch, runter und dann gleich noch einmal steil hoch. Es gibt kaum mal eine Atempause, der Motor röllert wie besessen, einige Hügel haben über 10 Prozent Steigung, und selbst auf Stufe 2 komme ich manchmal kaum vorwärts. Traue ich den Schildern, scheine ich im Fichtelgebirge gelandet zu sein. Meine Geografiekenntnisse sind wirklich ausbaufähig. Ich dachte immer, das wäre irgendwo in Hessen gewesen. Und ich segne die Erfindung des Automobils – und des E-Bikes.

Aus dem letzten Loch pfeifend und mit fast leerem Akku komme ich ein paar Kilometer hinter Hof am Zeltplatz an.

Ich will eigentlich nur mein Zelt aufbauen, im Liegestuhl auf den See hinaus schauen, alle Viere von mir strecken und dabei ein gutes Buch lesen. Aber dazu komme ich natürlich nicht. Denn ich lerne Peter und Beate im Waschraum kennen.

Die erste Waschmaschine hat meine dreckigen Klamotten nur geschleudert, na toll. Die zweite Maschine wäscht wirklich, gibt aber danach die Tür nicht mehr frei. Sofort scharen sich die Umstehenden, die gerade beim Spülen sind, zusammen, um mir zu helfen. „Vielleicht mal mit Gewalt“, schlägt einer vor. „Nee, wirf lieber noch mal 50 Cent nach“, sagt eine Frau. „Die war vielleicht noch nicht fertig“. „Okay“, sage ich, „aber ich habe kein 50-Cent-Stück mehr“. „Och, wir haben noch viele davon“, sagt ein Mann, dessen Frau gleich neben ihm steht. „Kommste eben mit. Unser Camper steht gleich da vorne.“

Und das sind Peter aus Beate aus der Nähe von Husum. Wir tauschen ein wenig Kleingeld und reden bei der Gelegenheit ein wenig: „Wenn du auf deiner Tour da oben bist, kannst du bei uns übernachten oder im Garten zelten“, bietet Beate an. Da kennen sie mich seit noch nicht einmal 5 Minuten… „Neinein, das ist zu großzügig, aber ich werde auf jeden Fall klingeln, wenn ich vorbei komme.“

In etwas über einer Woche wäre das wohl der Fall. Wir haben Nummern ausgetauscht, und ich bin sehr, sehr gespannt, ob wir das auch wirklich durchziehen. 🙂

Heute habe ich ein paar Dinge organisiert. Ich habe allen, die ich unterwegs noch besuchen will, ein Ungefähr-Datum genannt und auf dem Klo heute Morgen eine Bahn-Fahrtkarte für kommende Woche Freitag gelöst (ich liebe Mobile Shopping). Dann wäre ich rechtzeitig wieder in Bonn, um die Vereinsmeisterschaften zu gewinnen – oder zumindest daran teilzunehmen. 😉 Auf jeden Fall bin ich jetzt auf einige Termine mehr oder weniger festgelegt.

Die Rückfahrt zu organisieren, ist derweil gar nicht so einfach. Einen Stellplatz fürs Rad habe ich nur ab Hamburg. Von Sylt bis dahin muss ich mich irgendwie mit Regionalexpressen durchschlagen, weil die Bahn nichts Anderes anbietet. Aber wird schon schief gehen. Mit Fahrrädern auf Sylt – was soll man denn damit? Das macht bestimmt keiner außer mir… 🙄

Als ich gerade in den Waschraum komme, beschwert sich ein kleiner Junge in einem bayerischen Dialekt, den ich kaum verstehe, über die beiden Powerbanks, die jemand neben den Waschbecken in eine Steckdose gesteckt hat. Die seien zu unsicher angebracht oder sowas. Ich stimmt ihm zu – und erwähne da erstmal nicht, dass die eine Powerbank von mir ist. 😬

Sie lädt übrigens nicht mehr so richtig gut. Drei Stunden am Strom und erst 2 von 4 Strichen. Das ist zu wenig.

Morgen geht es zu Holger nach Chemnitz, der mich zu sich eingeladen hat, obwohl er morgen eine kleine OP hat. Ich habe ihn vor zwei Jahren auf der Tour durch die Schweiz kennengelernt. Bin nach vier Tagen in Bayern jetzt auch ganz froh, mal wieder ein anderes Bundesland zu sehen. Keine Deutschlandreise ohne den wilden Osten!

Heute war ich einfach nur happy. Bin voll drin im Urlaub und scheine aktuell gar nichts zu verarbeiten zu haben. Da kommt sicher noch was nach. Aber jetzt gehe ich wirklich mal noch eine halbe Stunde was lesen – und mich dabei dick im Schlafsack einmurmeln. Die Nächte hier im Mittelgebirge sind also auch im Hochsommer bitterkalt.

Notizen

Jeder See, jeder Fluss, jede Talsperre in Bayern, an der ich vorbeikomme, hat zu wenig Wasser. Die Gegend ist staubig, die Ernte auf den Feldern sieht vertrocknet aus. Die, die hier wohnen, machen sich echte Sorgen. Man kann die Auswirkungen des Klimawandels direkt an der Landschaft ablesen.

Talsperre führt sehr wenig Wasser.

Da besser nicht als Paar hingehen. ☝️🙄

Hof schreckt mich auf den ersten Blick völlig ab. Die Stadt hat selbst auf Radwegen kaum abgesenkte Bordsteine, Autos dominieren das Stadtbild. Und noch dazu brennt es, Hubschrauber kreisen, es wirkt surreal:

Nachtrag: Als ich neulich die Panne hatte, hat Bene aus meiner Tischtennismannschaft etwas dazu gedichtet (!) und mir geschickt, und ich finde: er kann das! Seht selbst:

Voller ungeahnter Talente, der Mann!

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