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Impfdepp

Laut Jens Spahn sind zwei Drittel der impfwilligen Erwachsenen mittlerweile mindestens einmal geimpft. Bis Mitte Juli sollen es 90 Prozent sein. Das sagte Spahn gestern bei „Anne Will“:

Und hier stehe ich, als Impfgruppe 3, und es ist noch nicht einmal ein Termin in Aussicht. Wem ich das erzähle, der rät mir, meinen Hausarzt und alle Fachärzte durchzuklingeln, bei denen ich jemals war (habe ich größtenteils). Oder er schickt mir einen Link zum Bonner Impfzentrum (den ich längst kenne). „Guck doch mal, ob du da nicht einen Termin bekommst! Bei mir hat das super geklappt“. Na klar doch, einem Termin beim Impfzentrum…

Ich werde morgen tun, was von mir verlangt wird, weil das System es so will. Ich werde noch einmal alle Ärzte abtelefonieren, bei denen ich jemals war und zusätzlich die, die mir empfohlen worden sind, weil sie „unkompliziert impfen“. Ich werde dabei das jeweilige Sprechstundenpersonal, das eh schon im Akkord arbeitet, weiter behelligen. Ich werde kritisch nachfragen müssen, ob denn wirklich kein Impfstoff mehr da ist, ich nicht kurzfristig auf irgendeine Warteliste kann und wer die 500 Leute sein sollen, die noch vor mir auf irgendwelchen Listen stehen und ob das wirklich alles die Gruppen 1, 2 und 3 sind. Ich werde ein wenig Druck machen müssen, um nicht mit einem „jaja, wir melden uns“ abgespeist zu werden. Ich werde die ohnehin schon völlig überlastete 116117 anrufen und dort fragen, zu welchen anderen Impfzentren in der Gegend ich gehen kann, weil das System das so vorsieht. WEIL ES DAS IST, WAS VON MIR VERLANGT WIRD.

Wen ich kenne, der schon geimpft ist, der hat das genauso gemacht. Der kannte jemanden, der hatte Beziehungen, der hat Druck gemacht, der hat sich irgendwie dazwischen gemogelt. (Ach so ja und ganz vereinzelt war auch mal jemand wirklich dran wegen Beruf, Krankheit oder Alter). Und zurück bleiben die „Deppen“, die das eben noch nicht gemacht haben.

Das ist die Ellenbogenmentalität, die wir eigentlich längst hinter uns haben wollten. Wer sich durchzusetzen weiß, gewinnt, kann im Sommer noch in den Süden fliegen und Bilder von sich am Strand auf Instagram posten. Wer brav wartet, bis er an der Reihe ist, wird auch im Herbst noch nicht geimpft sein. Weil das System ihn einfach vergessen wird. Und hier geht es nur um knappen Impfstoff. Wie soll das erst laufen, wenn irgendwann mal das Essen knapp wird?

Mir tut das mal ganz gut, auf etwas zu warten, so ist es nicht. Oder auch mal alle Anderen vorlassen zu müssen – eine sehr lehrreiche Erfahrung. Viele andere machen sie nicht und sind jetzt fein raus. Was mich aber am meisten ärgert, ist, dass diese Ellenbogenmentalität nach wie vor gefördert und gefordert wird. Dass das System so schlecht ist, dass massive Ressourcen bei all dem verschwendet werden. Wir sind als Gesellschaft kein Stück weiter gekommen in den letzten 50 Jahren.

Früher hingen da Party-Plakate und sahen auch so aus. Heute…

Und hier noch wenigstens ein bisschen was Schönes zum Abschluss:

3 Antworten auf „Impfdepp“

Wirklich sehr schöner Text!

„ Und hier geht es nur um knappen Impfstoff. Wie soll das erst laufen, wenn irgendwann mal das Essen knapp wird?“ – denk bei deiner nächsten Wohnung lieber dran Platz für einen größeren Vorrat einzuplanen 🙂

Also warten hilft glaube ich leider nicht wirklich was!
Man muss sich tatsächlich aktiv drum bemühen. Bei uns in der Familie lief es so:
– Frau beim Rettungsdienst (seit einer Weile durch)
– Selbst: Impfberechtigung über Bestätigung der Eltern bekommen. Erste Impfung durch, 2. Ende Juni.
– Sohn 1 (21): Impfberechtigung über Bestätigung der Oma (mütterlicherseits) bekommen. Erste Impfung letzten Samstag.
– Sohn 2 (18): Impfberechtigung über Bestätigung der Oma (mütterlicherseits) bekommen. Erste Impfung kommenden Freitag.
– Freund bei der Hotline (116117) der sehr viel Zeit in die Terminfindung gesteckt hat.

Ohne das wäre ich an der Stelle wie Du…

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