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Mein Glück-im-Unglück-Tag (Etappe 5)

Ich ersteige der Luma mit einem ganz anderen Gefühl als zuletzt. Bin voller Energie, gut drauf und weiß instinktiv: heute wird alles klappen. Zumindest irgendwie.

Noch irgendwo zwischen Toilette, Rezeption (wo ich ohne Schlange einen Morgenkaffee bekomme) und meinem Platz buche ich ein Ticket für Neuschwanstein. Es gibt noch eine Tour um 1600 Uhr. Wird schon klappen!

Aber dafür muss ich binnen 1 Stunde in Göppingen sein, unbedingt den RE um 0929 erwischen und mich auf dem Rad sputen.

In Rekordzeit packe ich alles zusammen und sitze um 0840 auf dem Rad. Google Maps sagt: 45 Minuten bis Göppingen, Komoot sagt: 1 Stunde. Oha, das wird knapp!

Zumal es steil bergauf geht. Und ich meinen E-Bike-Akku nicht aufladen konnte, also sparsam sein muss. Aber hier habe ich Glück im Unglück: Die Bahn-App zeigt eine Verspätung von 10 Minuten an. Und so komme ich verschwitzt aber überpünktlich in Göppingen an. Und kann sogar noch zwei Leute am Fahrstuhl vorlassen, darunter eine ältere Frau auf einem Rollator. Und dann unterhalten wir uns später auf dem Gleis völlig unverkrampft für eine halbe Stunde. Weil die Bahn immer mehr Verspätung aufnimmt. Meinen Anschlusszug werde ich verpassen.

Ich zücke das Handy und reserviere noch eine Neuschwanstein-Führung um 1655 nach – für Presseleute, was deutlich billiger ist. Jan hat mir dazu geraten. Wenn das mal gut geht!

Als meine Bahn dann eine halbe Stunde später endlich kommt, ruft der Schaffner gleich hinaus: „keine Fahrräder mehr, keine Fahrräder“. Oha. Doch Glück im Unglück: direkt gegenüber steht eine RB, die auch nach Ulm fährt. Ich mache auf dem Absatz kehrt und schiebe mein Fahrrad in Richtung des erdtbesten Abteils. Die Schaffnerin, die dort steht, macht mir sogar die Tür auf.

Der Anschlusstug Richtung Kempten steht am gleichen Gleis. Der Zug steht 1/2 Stunde vor Abfahrt da, ist noch relativ leer, aber im Fahrradabteil lehnen schon zwei Fahrräder. Ich lehne meins kurzerhand an eins der beiden anderen. Ob die Besitzer das wohl okay finden? Die Frau, der das Rad gehört, kommt im gleichen Moment aus dem WC nebenan und winkt ab: „Machen Sie nur“.

Ich sichere mir einen Platz mit guter Sicht auf mein Fahrrad, freue mich dass ich sogar eine Steckdose am Vierersitz habe und gehe noch einmal zurück zu meinem Rad, um in der Tasche nach der Powerbank zu fischen. Im gleichen Moment setzt sich eine ältere Frau auf den Platz gegenüber und legt ihr Smartphone auf den Minitisch. Als ich wiederkomme, kramt sie in ihrer Tasche nach etwas. Sie wird doch nicht… doch sie wird. Die alte Frau schlägt mich im Schlussspurt um die einzige Steckdose. 🤨

Aber auch hier wieder Glück im Unglück. Ich komme im Laufe der Fahrt auch mit ihr ins Gespräch (das dürfte mir auch gerne mal bei jüngeren Frauen passieren, nicht immer nur älteren 🤨🤨) und sie bietet mir an, dass ich die Steckdose ab der Hälfte der Fahrt noch benutzen könne, um meine Powerbank aufzuladen.

Ich komme erst um 1230 in Kempten an, gebe einem Musiker, der vor dem Eingang sitzt und sich in einem kurzen Gespräch als Aussteiger vorstellt, mein letztes Kleingeld und fahre los, verfahre mich, hetze durch diese gar nicht einmal so hübsche Stadt und werde danach erst einmal kilometerweit bergauf geschickt. Komoot spricht von 4 Stunden, Google Maps immerhin noch von 3. Wie soll das bloß klappen?

Die Steigungen sind teils immens. Ich komme selbst mit Motor kaum voran. Wenn das jetzt bis Füssen so weiter geht, haben wir 1 Problem!

Tut es zum Glück nicht. Es wird nach und nach was flacher. Und als ich einen Wegweiser sehe, auf dem „Füssen 23 km“ steht, gebe ich nochmal Stoff. Wegweiser können Lahme zum Gehen bringen.

Als eine Baustelle meine Abfahrt versperrt und ich kurz halte, kommt ein kleiner Junge auf mich zu. „Man kann da rechts rum fahren, dann den Berg rauf und dann kommt man zum Rathaus“, hilft er mir, ohne zu fragen, wohin ich eigentlich will. „Aber ich muss nach Füssen!“, entgegne ich. „Ich glaube, ich fahre da rum, und dann passt das schon.“ – „Ja, das geht auch. Und wenn nicht, kann man ja irgendwo klingeln und nach dem Weg fragen.“

Sicher kann man das. 😄

Ich fliege nach Füssen oder eher Brunnen, einem Vorort, checke auf dem Campingplatz ein und bin tatsächlich um 1510 da. Die Sonne brennt, ich triefe, baue in Rekordzeit mein Zelt wieder auf und weiß: das wird nichts mehr mit 1600. Glück im Unglück dennoch: 1655 müsste ich schaffen, und tue ich dann auch. Man lässt mich rein, will keinen Presseausweis sehen (Kudos, Jan!) und dann: Neuschwanstein! Yeah!

Die Gegend ist wunderwunderschön. Schade, dass ich nicht länger bleiben kann und so durchhetzen muss. Aber irgendwie geht es auch nicht anders. Vielleicht ist die Tour aber auch dazu gut, um mal zu sehen, wo man eigentlich noch so Urlaub machen könnte. Im Allgäu wäre ich sofort dabei!

A propos Allgäu: Auf dem Rückweg komme ich an einem Biergarten vorbei, auf dem eine Blaskapelle spielt (siehe WhatsApp und Instagram Stories). Es ist ein bizarres Schauspiel, aber die Bayern scheinen ihre Traditionen zu lieben. Ich komme ins Grübeln: welche Traditionen habe ich eigentlich? Man kann das sonderbar finden mit den Bayern, ihren Bergen, Bier und Blasmusik. Aber es verordnet einen Bayern klar auf der Landkarte. Ich bin ein bisschen neidisch und nachdenklich – oder vielleicht einfach nur platt.

Telefoniere danach noch kurz mit (dem Original-Rheinländer) Jan. Fühle mich besser danach.

Ich wollte eigentlich früh schlafen gehen. Bin total entkräftet und hab ein leichtes Schlafdefizit. Und morgen soll es in einer echten Gewaltetappe bei Hitze, Regen und Gewitter nach München gehen, wo ich Caro und Kerstin wiedersehe (freue mich). Die erste echte Etappe der Süd-Nord-Reise. Wünscht mir Glück!

2 Antworten auf „Mein Glück-im-Unglück-Tag (Etappe 5)“

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