Kategorien
Allgemein

Perspektive (Etappe 16)

Wir haben noch gar nicht über Juan gesprochen, und das ist schade, denn Juan ist cool. Als Nicky, Juan und ich am Abend vor meiner Abfahrt zusammen sitzen, nachdem wir unser selbst gebrautes Bier in Flaschen gefüllt haben, sprechen wir auch von unseren Perspekiven auf das Leben.

Nach einer Weile sage ich, ich würde mich im Alltag mit zahlreichen Dingen ablenken. Denn wenn ich mal wirklich zum Nachdenken käme, würde ich feststellen, dass mein Leben ganz schön trostlos sei.

Das könnte man aber auch umdrehen, sagte Juan. Einfach sehen, was man schon alles hat und im Leben erreicht hat, wo man lebt, welche Chancen man hat, welche Freunde, welche Familie. Und dann würde man vielleicht feststellen, dass man eigentlich ein tolles Leben hat.

Manchmal nickt Juan auf seinem Stuhl ein, wenn wir uns treffen, ein bisschen was trinken und es später wird. So auch an jenem Abend. Wir scherzen vorher, dass ich noch nie jemand Betrunkenem einen Penis auf die Stirn gemalt hätte. Ich fände sowas eigentlich unangebracht, aber beide finden, dass es sich lohnt, das mal gemacht zu haben. Nicky holt mir einen Kayalstift, ich warte auf eine günstige Gelegenheit, und dann schreibe ich zur Tat.

Als Juan davon wach wird, ist er nicht etwa sauer oder schimpft, sondern lässt mich ein Foto davon aufnehmen und es ihm zuschicken. Er lobt meine Zeichenkünste und die Aktion an sich. Er rennt auch nicht gleich ins Bad, um sich das Gemälde abzuwaschen, sondern hält den Rest des Abends damit durch.

Juan ist toll!

Ich selbst bin leider noch lange nicht so gelassen, auch wenn es besser wird. Und heute ist ein Tag, wo es ohne Gelassenheit auch gar nicht gegangen wäre.

Hier einmal etwas Interaktives für euch: zwei Möglichkeiten zur Auswahl und die Frage, was ihr getan hättet. Anschließend die Auflösung, für was ich mich entschieden habe.

Gegen 0800 wache ich auf, fange schon im Zelt an, zusammenzupacken. Die frühe Morgensonne knalllt drauf, und es ist bereits so heiß, dass ich verschwitzt aus dem Zelt komme.

a) Du würdest dich ärgern, so früh schon verschwitzt zu sein und nicht vorher schonmal die Zeltwände aufgemacht zu haben, damit Luft reinkommen kann.
b) Du wolltest eh in den Waschraum und machst dich da noch mal frisch.

Was ich getan habe: b) Ich musste noch in den Waschraum, um Sonnencreme aufzutragen. Dabei spritze ich mir noch etwas Wasser ins Gesicht. Alles halb so wild.

Danach packe ich zusammen, zahle an der Rezeption, bekomme noch einen schwarzen Kaffee ausgehändigt und mag nicht so recht losfahren. Mir fehlt der Antrieb.

Die Gegend ist toll, aber der Weg ist schlecht. Sand, Kopfsteinpflaster, leichte Steigungen – manchmal auch alles gleichzeitig. Ich komme kaum voran.

a) Was für ein Ärger. Ich drehe durch!
b) Ach, alles nicht so schlimm. Brauche ich halt was länger und kann mehr Gegend sehen.

Was ich getan habe: a). Ich habe mich tatsächlich aufgeregt. Ich bin schlecht drauf und mir geht beinahe jeder auf den Sack, den ich sehe. Ich wollte heute eigentlich über Liebe bloggen, aber das Thema ist zu traurig. Deswegen doch erstmal über Perspektive und Gelassenheit.

Irgendwann erreiche ich Hamburg-Harburg. Es ist heiß, ich muss an vielen Ampeln ohne Schatten warten, ich werde überholt, ich fahre Ewigkeiten durch die Stadt. Als ich beim Elbtunnel im Aufzug kurz warten muss, tropft mir die Soße von der Stirn.

a) Es nervt, diese Hitze! Und wie ich dabei aussehe. Ich schäme mich zu Tode.
b) Ach, was soll’s. Ich sehe aus wie ein Radreisender, da ist das gesellschaftlich akzeptiert.

Ich mache mir tatsächlich wenig draus und fahre einfach weiter.

Als ich dann endlich nach 70 km Fahrt den geplanten Zeltplatz in Hamburg-Zentrum erreiche, ist der voll. Der Besitzer weist mich freundlich zum nächsten.

a) Ich könnte alles zusammentreten. Der Arsch!
b) Ach, was soll der Ärger. Damit war zu rechnen.

War es in der Tat. Der Platz hat keine Zeltwiese, sondern nur Parzellen und die sind alle weg. Zudem ist der Betreiber nett. Nur kurz bekomme ich aber ein wenig Angst, keine Unterkunft mehr zu bekommen, zumal es auf Booking.com kaum noch ein Zimmer unter 80 Euro als Alternative gäbe.

Ich rufe den nöchsten Zeltplatz an – es geht niemand ans Telefon. Ich rufe einen anderen am Elbstrand an. Nach 3 Minuten in der Warteschlange: „Klar, ich nehme Sie auf. Aber wir haben einen Strand, keine Wiese.“

Und diese Information hätte ich mir besser genau durch den Kopf gehen lassen, denn sie wird spöter noch wichtig werden.

Es sind noch einmal 16 (!) km quer durch Hamburg zu fahren. Und wie jede Großstadt auf der Tour überfordert sie mich im Moment der Durchreise. Viele Menschen, heißer Asphalt, lange Rotphasen ohne Schatten. Immerhin sehe ich durch den Umweg heute mehr von der Stadt als jemals zuvor. Auf dem Weg brauen sich Wolken zusammen. Es könnte bald regnen.

Ich erreiche gegen 1620 Uhr endlich die Rezeption, und es donnert schon im Hintergrund. Meine Pläne, heute mal ein wenig gechillt durch Hamburg zu flanieren, sind längst zerschellt. Und zu allem Überfluss haben der Vater und sein adoleszierender Sohn vor mir am Schalter alle Zeit der Welt. Sie sind mit einem Camper da, flachsen, scherzen und flachsimpeln mit dem Betreiber.

a) Diese Wichser! Keine Empathie!
b) Ach, darauf kommt es jetzt auch nicht mehr an.

Ich kann mir nicht helfen: ich bin genervt. Als ich dann endlich dran bin, gibt mir der Mitarbeiter noch als Rat: besser schnell Zelt aufbauen, da kommt jetzt was!

Dem würde ich ja gerne Folge leisten, aber ich bekomme mein schwer beladenes Rad kaum durch den Sand geschoben. Meine smarte Armbanduhr verabschiedet sich mit einem Piepen (Akku leer). Und als ich mir schnell einen Platz ausgesucht habe, geht es auch sofort los. Es kommen Sturzbäche vom Himmel. Und alles über mir ist ein kleiner Baum, der kaum Regen abhält.

Jetzt schnell handeln! Das Zelt aus den Satteltaschen geholt, aufgemacht, auf den Schlamm gestellt, der sich längst gebildet hat. Das Aluminiumgestänge hat diesen Schlamm längst abbekommen. Ich muss eigentlich höllisch aufpassen, dass da kein Sand zwischen die einzelnen Glieder kommt, sonst ist das Gestänge hin. Aber ich muss so schnell machen wie ich kann, damit das Innenzelt nicht nass wird.

Und der Plan geht vollkommen schief. Am Ende ist das Innenzelt durchnässt, es bilden sich Pfützen auf dem Boden. Das Gestänge und die Enden sind verdreckt und versandet. Ich bin nass, mein Handy ist nass, mein Handtuch ist nass – alles ist nass. Meine Schuhe: total verschlammt.

a) Cool bleiben, Nerven bewahren, produktiv handeln!
b) FUUUUUUÜUUUUCK!

Es wird b). Ich schimpfe, fluche, weine beinahe vor mich hin. Aber es nützt nichts. Es bleibt mir nur die Flucht nach vorne. Ich schnappe schnell meine Waschtasche, mein Handy, mein nasses Handtuch und eine noch trockene Unterhose und springe in den Waschraum und da unter die Dusche. Nass bin ich ja schon.

Als ich wieder ins Zelt komme, tröpfelt es zum Glück nur noch ein wenig. Ich nehme einen Lappen, wische die größten Pfützen weg, passe auf, dass kein weiterer Sand ins Zelt kommt, ziehe mich schnell an und nutze die Regenpause, um alles dicht zu machen und zum Bus zu laufen. Und immerhin das gelingt. Eine Stunde später bin ich in Hamburg-City und gehe mit Mario Fisch essen.

Ich kenne Mario seit der 1. Klasse. Wir waren eigentlich all die Jahre befreundet, hatten uns nur eine Zeitlang mal aus den Augen verloren. Und in so guter Verfassung habe ich ihn noch nie gesehen. Er startet in Kürze in ein neues Leben in der Schweiz und er blüht gerade richtig auf.

Aber nicht nur dadurch. Er hat die meisten seiner Dämonen besiegt, würde ich es mal nennen. Wir reden immer, wenn wir uns – alle paar Jahre mal – treffen auch darüber, woher wir kommen und welche Baustellen wir noch haben. Wir haben beide noch welche, aber es werden weniger.

So wird es ein tolles Wiedersehen. Und auch der Fisch ist klasse. 😉

Nach dem Treffen nehme ich die S-Bahn zurück in Richtung Campingplatz. Aber weil kein Bus mehr fährt, soll ich zu Fuß gehen. 30 Minuten!

a) Bodenlose Frechheit! Eine 2-Millionen-Stadt und dann so ein Nahverkehr!
b) Endlich mal wieder ein bisschen Spazierengehen.

Es wird b). Denn so paradox es klingt, da ich täglich draußen bin und viel Zeit zum Nachdenken habe: mir fehlt das Spazierengehen und das Gedankensortieren dabei. Es ist eine himmlich angenehm-warme Luft, und es wird ein wunderschöner Abendspaziergang.

Morgen geht es Richtung Husum. Ob schon ganz dahin (140km) muss ich mir noch überlegen. 😉 Ich komme in den letzten Tagen kaum noch vorwärts. So schön die Tour ist: ich bin dann auch ganz froh, wenn ich bald am Ziel bin und dann mal ein paar Tage kein Rad fahren muss.

Notizen

Kurzgeschichten aus der Schule, hier wiederholt:

„Nachts schlafen die Ratten doch“ (Wolfgang Borchert) -> schon nice, sehr subtil und mehrdeutig.

„Jenö war mein Freund“ (Wolfdietrich Schnurre): deutlich direkter – und herzergreifend, glänzende, kurze Erzählung.

Lese gleich zum Einschlafen mal „Die Nacht im Hotel“ von Siegfried Lenz.

Die Ladestation auf dem Campingplatz und 1 ziemlich nices Ladekabel!

4 Antworten auf „Perspektive (Etappe 16)“

Erkenntnisse, Höhen und Tiefen einer Reise (und des Lebens!), präsentiert im typisch-unterhaltsamen Vielmeier-Stil – man fiebert förmlich mit!

Perspektive und Gelassenheit. Für beides braucht man den Frontallappen oder wie der heißt. Wird bei dem Juan genauso sein denk ich. Die negativen Impulse kommen doch aus dem Stammhirn, das viel schneller reagiert als der Frontallappen. Also hadere nicht zu sehr mit deiner noch unzureichenden Gelassenheit. Die muss man sich im zweiten Schritt sehr oft gedanklich immer erst zurechtlegen. Aber genau das tust du doch fast durchgehend.

Ich schließe mich an: ein toller Urlaub, wie immer sehr gut erzählt! Man meint fast, dabei zu sein.

Vielen Dank, Jens, das hört man sehr gerne! Und an der Gelassenheit arbeite ich. Das wird schon irgendwann. Bei dir auch?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.