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Zufällige Gespräche (Etappe 15)

Britta und Markus kredenzen ein tolles Frühstück, und ich lasse mir extra viel Zeit damit, so, als würde sich dann der Fahrradschlauch von selbst auswechseln.

Das passiert natürlich nicht, dafür schaffen wir es mit vereinten Kräften. Die ganze Familie, Britta, Markus und Mika, hilft, und der Nachbar ist so nett, uns seinen Fahrradhalter auszuleihen. Das E-Bike befestigen wir daran. Einer muss aber trotzdem noch festhalten, denn das E-Bike ist zu schwer, ein anderer den Reifen, den wir dazu auf einen Stuhl ablegen, bei dem wieder einer gegenhalten muss.

Der Vierte, ich, friemelt schließlich den alten Schlauch heraus und den neuen wieder rein. Dann wieder mit vereinten Kräften das Rad dranmoniertieren, nochmal neu justieren, weil es sich in der Bremse verfangen hat, anschrauben, gucken, ob es sich gerade dreht, festschrauben, aufpumpen, ablassen. Puh! Was ein Act!

Alleine hätte ich das ganz sicher nicht geschafft. Als Kind sollte ich mein Fahrrad immer selbst reparieren, und sehr oft ging das auch. Fahrräder heute sind hochkomplexe Maschinen geworden, bei denen du haargenau wissen musst, was du da tust, sonst machst du es alles nur noch schlimmer.

Als ich das Ventil herausoperiere, kommt es mir übrigens fast schon entgegen. Scheint, als wäre der Riss gleich da unten gewesen, und wir hatten den Schlauch gestern Morgen bei unserer Aufpumpaktion unsanft geköpft:

Als Belohnung gehen wir hinterher auf meine Kosten noch ein Eis essen. Dann muss ich auch los. Wieder ein Ort, an dem ich gerne länger geblieben wäre.

Die Fahrt wird dann wenig ereignisreich. Es geht kilometerweit am Truppenübungsplatz Munster/Bergen vorbei:

Und an der Gedenkstätte Bergen-Belsen. Aber mir ist einfach irgendwie nicht danach, da reinzugehen. Hab heute einfach mal keine Lust auf Betroffenheit:

Die Landschaft ist aber schön. Sie erinnert mich an meine Heimat. Bewaldet, viel Grün, kaum Steigungen, aber durchaus windig. Ich bin heute nicht so richtig munter, mache einige Pausen und benutze viel den Motor.

Als ich an einer Tankstelle mit eingebautem Café vorbeikomme, gönne ich mir noch einen Kaffee und setze mich draußen hin, wo gerade noch eine andere Dame verweilt, die mich anspricht.

Sie käme aus der Nordheide, aber wäre durch Zufälle hier gelandet (auf halbem Wege zwischen Hannover und der Lüneburger Heide), 48 Jahre alt, seit einigen Jahren dort im Altersheim – und es wäre dort furchtbar.

Ich bin überrascht: „Das geht? Sie sind doch kaum älter als ich!“ Genauer geht sie nicht auf die Gründe ein, aber sie sagt, dass ein Altersheimaufenthalt ab 40 möglich sei. Sie kenne dort aber niemanden, die Pflege sei schlecht, die Bewohner hätten zwar immerhin Internet, aber würden alles alleine machen, sich gegenseitig misstrauen und sich regelmäßig anschreien.

Ich frage sie, warum sie da bleibe, wenn es ihr nicht gefalle und es ihr in der Nordheide kurz vor Hamburg – wie ich heraushöre – besser gefallen habe. Das wäre nicht so einfach sagt sie. Das habe mit Geld, Verträgen und der Frührente zu tun. Aber hier wären die Menschen schon sehr verschlossen.

Es entwickelt sich noch ein sehr nettes Gespräch. Sie fragt, wohin ich reise, wie das Wetter in den nächsten Tagen noch werde (gar nicht mal so gut!) und dass sie sich Sorgen um die Zukunft der Gesellschaft mache.

Das haben mir schon viele Menschen auf meiner Reise gesagt. Man sorgt sich um die Zukunft, und man spürt ein tiefes Misstrauen gegenüber den Anderen. Die meisten, mit denen ich sprach, waren aber eigentlich sehr nett und aufgeschlossen. Es muss die schweigende Masse sein, die zu Hause sitzt, auf Facebook andere Menschen anhasst, die Deutschland-Flagge hisst und AfD wählt.

Solche Gespräche mit Wildfremden sind auf meiner Reise mittlerweile das Salz in der Suppe. Es soll ja Leute geben, die nur wegen so etwas Journalisten werden. Ich habe lange Zeit genau dieses Reden-mit-Menschen immer vermeiden wollen. Aber ich spüre, dass das langsam ein Ende hat.

Meine Tour heute endet nach 95 km in Bispingen am Fuße der Lüneburger Heide am Zeltplatz. Mein Nebenzelter arbeitet zufällig als Vertriebler für E-Bike-Motor-Teile und plaudert ein wenig aus dem Nähkästchen. Er schlägt mir einen Ölwechsel der Nabe vor. Der wäre notwendig und könnte bei meiner vermurksten Schaltung noch was retten. Ja, da wäre tatsächlich Öl drin.

Ölwechsel der Nabe… Was kommt als Nächstes? Bordentertainment-Konsole im Tacho? Wie oben schon erwähnt: die Zeiten, in denen man alles mit ein paar Handgriffen selbst reparieren konnte, sind dann wohl auch vorbei.

Was seid ihr?

Habe irgendwie das Bedürfnis., nochmal alle deutschen Kurzgeschichten zu lesen, die ich damals im Deutschunterricht nicht verstanden habe. Also alle. Passt ja irgendwie auch zu einer Deutschlandreise. Lese gleich im Zelt mal „Nachts schlafen die Ratten doch“ von Wolfgang Borchert.

Morgen dann Hamburg via die Lüneburger Heide, die gerade blühen soll. Wird bestimmt schön.

Notizen

Note to self: Merino-T-Shirt nicht mehr von Hand im Waschbecken waschen. Das stinkt jetzt irgendwie wie Hulle und das hat es vorher nicht.

Übrigens stimmt es nicht, dass nasse T-Shirts am Körper in einer Stunde von selbst trocknen. Das dauert viel länger. Abends zumindest. Ich probiere es gerade aus (und stinke 20 Meter gegen den Wind).

Mika (9) hat ein Fußballspiel mit Lego authentisch nachgestellt. Inklusive selbst geklebten Werbebanden, selbst gemachter Spielfeldmarkierung, Pressefotografen, Spielertunnel, Fallrückzieher und und und. Sehr, sehr geil!

In Bispingen steht ein Haus verkehrt herum:

5 Antworten auf „Zufällige Gespräche (Etappe 15)“

Ich erinnere mich an die Gegend, da bin ich den Heidschnuckenweg gelaufen. Ich fand es schrecklich weil alles voller Militär war und dauernd geschossen wurde während ich friedlich vor mich hin spazierte….

Wir haben mal alle nahe des umgedrehten Hauses gepieselt, als wir auf dem Weg nach Sankt Peter Ording waren. Ich weiß also auch, wo du bist 😅

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