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Reading in Public

Macht man auch nicht oft. Sich mitten ins Nadelöhr der Innenstadt setzen und dort ein Buch lesen. Habe ich heute Abend aber für eine halbe Stunde gemacht.

Weil ich im öffentlichen Bücherschrank am Stadthaus „Modern English Short Stories“ sah und es erst mitnehmen wollte, und dann dachte: Warum nicht gleich hier jetzt spontan on spot eine Kurzgeschichte lesen und das Buch dann wieder zurücklegen? Das tat ich dann.

Leute gingen vorbei, ich sah nur Beine und Füße, hörte vorbeisausende Fahrräder, Gesprächsfetzen, Busse, Straßenbahnen. Anfangs fiel es mir schwer, mich deswegen auf die Geschichte zu konzentrieren, eine von John Steinbeck. Je mehr ich las, desto besser gelang es mir aber.

Ich kam mir komisch vor, ein bisschen unkonventionell. Normal sitzt an der Stelle keiner, außer wenn er um Geld bettelt oder Crepes verkaufen will. Oder wenn da einer sitzt, schaut er aufs Handy, aber nicht in ein Buch. Nach einiger Zeit war es mir aber egal, was die Leute denken.

Ein Bekannter hielt an, grüßte und gab mir die Hand, erzählte von seinem geplanten Urlaub, und dass er jetzt zum ersten Mal im Leben fliegen würde. „Tatsächlich?“, fragte ich. „Ja“, sagte er, und er wäre ein bisschen aufgeregt. Müsse er aber nicht sein, sagte ich, da passiert nichts, aber das erste Mal ist wirklich ein wenig aufregend.

Ein Typ sprach uns beide an, er sah nicht aus wie jemand, der um Geld bettelt, zu gut gekleidet, zu gepflegt der Bart, zu cool die Sonnenbrille. Ob er uns was fragen dürfe. Was denn, fragte mein Kumpel. Kokain, sagte er. Nee, wir hätten keins, sagte ich. Erst später dämmerte mir, dass er vermutlich keins schnorren, sondern uns eher etwas anbieten wollte. Ist mir auch noch nicht passiert. Wobei, einmal doch. Vor Jahren im Nyx kam ich mit meinem Thekennachbarn ins Gespräch und irgendwann fragte er mich unverblümt, ob ich „was da“ hätte, ich wäre da der Typ für. Vielleicht eine neue Karrierechance, aber was mit Internet ist ja auch nicht schlecht und weniger gefährlich.

Der Typ jedenfalls verabschiedete sich, mein Kumpel wenig später auch. Ich las die Geschichte noch fertig – am Ende wird geschossen! – und ging dann auch. Hat sich beinahe wie ein Sozialexperiment angefühlt. Dabei hatte ich einfach nur öffentlich ein paar Seiten im Buch gelesen.

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(dient nur Illustrationszwecken)

Geschichten erzählen

Das ist bisher das, was ich mit meiner Betreuungsperson mache. Ich frage ihn über sein Leben – er hat einiges erlebt – und hab die beiden Male, die wir uns bisher trafen, erstmal ein bisschen was von mir erzählt, um das Eis zu brechen. Und das ging. Ich dachte immer, ich könnte keine Geschichten erzählen. Aber oft liegt’s daran, dass mir die Ideen erst beim Erzählen kommen – oder vielleicht, dass nie einer zuhört, wenn ich was Spannendes zu erzählen hätte.

Zum Beispiel, wie ich damals vom Nordkap kam, nach Russland reinfuhr, alle 20km kontrolliert wurde, aber nichts verstand und den bewaffneten Streckenposten deswegen immer nur meinen Pass mit Visum unter die Nase hielt, wie ich Fotos von einem Panzerfriedhof machte und plötzlich ein grimmiger Soldat angelaufen kam, wie ich mit einem 100.000-Rubel-Schein die Supermarktkasse sprengte, weil ich mit dem Geld durcheinander kam und in Russland alle längst bargeldlos bezahlen. Oder wie mich in Singapur, in dem Wohnblock, wo ich mit meiner damaligen Freundin und ihren Eltern wohnte, die Leute für einen Mönch hielten.

Aber ja, angestachelt durch meine Geschichten kam er dann auch ins Erzählen von Kenia, von Portugal, von Spanien, von seinen zwei Ehen. Ich musste immer mal wieder nachhaken, weil er seit seinem Schlaganfall schnell abdriftet. Aber das soll man als Journalist ja. Jetzt muss ich noch bisschen was erleben, um noch mehr erzählen zu können – und so auch ihn zum Reden zu bekommen.

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(dto.)

Urban Chicken Aventure

Montags mache ich Bodypump im Fitnessstudio und danach war ich jetzt schon ein paarmal in einem Grill am Bahnhof ein halbes Hähnchen essen. Weil man nach dem Kraftsport ja Eiweiß und ein halbes Hähnchen davon ganz viel…

Der Grill, in dem ich das immer tat, ist jetzt umgezogen, dahin, wo bis vor ein paar Wochen noch ein erstaunlich ähnlicher Laden mit erstaunlich ähnlichen Leuten war. Egal, ohnehin eine etwas zwielichtige Gegend – aber dat Hähnsche war top! Nur dass sie jetzt die Preise angezogen haben: 12,50 Euro statt vorher 8,50.

Ich frag den Kellner, ob Salat dabei wäre, er sagt nein, nur Pommes und Brot. Ich sage, okay, dann bitte halbes Hähnchen mit Brot und Salat statt Pommes. Er sagt: okay, und wenig später stellt er mir einen Teller Pommes und einen großen Teller Salat dahin. Ich so: Aber ich wollte doch ein halbes Hähnchen. „Halbes Hähnchen! Ist okay, bestelle ich noch.“ Wenig später kommt das halbe Hähnchen, eingepackt in Brot und mit Pommes. Hm. Da ist offenbar was schief gelaufen.

Als die Rechnung kommt, steht da: 24,50. Ich sag dem Kellner, ich wollte doch nur ein halbes Hähnchen. Ja, aber ich hätte noch Pommes und Salat bestellt. Nee, hätte ich nicht, ich wollte Salat statt den Pommes. Hätte ich aber nicht gesagt. Der Typ bleibt stur, sagt: Das ist die Rechnung. Ich sag: nee, war ein Missverständnis, bleibe auch stur, sehe unzufrieden aus. Der Typ beschwichtigt, sagt: okay, und holt seinen Chef.

Chef sieht aus wie ein Türsteher, volltätowiert und Stiernacken. Sie mussten ihn ein paar Minuten vorher zurückhalten, damit er nicht auf einen aus der Szene losgeht, der sich aufs Klo geschlichen hatte. (Vielleicht war auch bisschen Show dabei, nein Chef, nicht schon wieder…). Chef kommt an meinen Tisch, schaut grimmig und ich erinnere mich gerade noch: Lächeln kann helfen. Ich erklär ihm die Angelegenheit, lächle dabei. Er, supernett: „Kein Problem, nehmen wir den Salat raus! ❤️“

Dass ich den ganz aufgegessen hatte, habe ich da nicht noch mal erwähnt…

Der Kellner bringt die neue Rechnung. Da stehen nun 16,50 (wir einigten uns drauf, dass ich die Extra-Pommes übernehme). Ich schiebe ihm einen 20-Euro-Schein rüber. Er, begeistert. „Stimmt so?“ und zwinkert mir zu. Ich verdrehe die Augen, muss dann aber auch lachen. „Ja, stimmt so.“

Eine Antwort auf „Reading in Public“

Der Jürgen mal wieder!
Wenn einer „keine Geschichten erzählen kann“ dann er! 🙄
ALTER!? Hättest dein altes Blog nicht gelöscht, hätte ich einige Beispiele verlinkt…
Außer der Geschichte mit „Trilliarden“ 😉 Rubel – die stimmt nicht, evtl. sind 5.000₽ gemeint, tatsächlich so geläufig wie 500€-Scheine in Deutschland…
Und ja, bargeldlos/digitalisiert sind die dort, entgegen der geläufig Meinung.
Beste Grüße aus Slowenien!

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