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Wild Campen (Etappe 12)

Soso, der Herr Aventurer will sich immer nur ins gemachte Nest legen. So läuft das aber nicht!

Ich stehe spät auf und packe dann erstaunlich schnell zusammen. Trotzdem: Vom Moment des Aufwachens bis zum Moment des Losfahrens liegt bei mir immer etwa 1:10h.

Was ich heute auch tue, ich komme nicht so richtig in den Tritt. Ich schleppe mich durch, mache viele Pausen, genieße aber auch die Landschaft entlang der Saale. Sie ist teils herrlich grün, teils komme ich mir vor wie in der Steppe des Mittleren Westens. Es hat seit Wochen kaum geregnet, Autos auf Feldwegen wirbeln Staub auf, die Gegend ist völlig ausgetrocknet. Zwar ungewohnt aber auch irgendwie interessant.

Würde hier ein Strauch durch die Gegend wehen – man wäre auch nicht überrascht.

Und dann beschließe ich, wild zu campen.

Eigentlich wollte ich das schon die ganze Reise über mal tun, vor allem in Bayern, aber da haben die ein besonderes Auge drauf, letztendlich hat sich die Gelegenheit nicht ergeben und vielleicht war auch einfach die Zeit noch nicht reif. Jetzt ist sie es irgendwie schon.

Klar wird mir das Ganze eigentlich erst, als ich nach 125 km Tour heute um 1930 Uhr vor dem geplanten Zeltplatz an einem See nahe Staßfurt stehe. Eine ältere Dame ist so nett, mich auf dem Rad dahin zu begleiten, auch wenn ich sie kaum verstehe. Sie nuschelt noch mehr als ich. Es ist eine ganze Seenplatte hier, und ich denke mir: wäre doch gelacht, wenn sich da kein Plätzchen fände. Und falls nicht, gehst du halt zurück zum Zeltplatz.

Aber das Umrunden der Seenplatte ist weniger ergiebig als gedacht. Überall sind Fußgänger, Angler, es stehen Zelten-verboten-Schilder, die ich natürlich beachte. Oder die Seen sind Tümpel, an denen es von Mücken wimmelt. Nee, dann lieber nicht.

Als ich endlich nahe einem Feld plötzlich einen Fleck entdecke, der sich ziemlich gut zum Zelten eignen würde, habe ich meinen Schwung längst verloren und beschlossen, zum offiziellen Campingplatz zurückzukehren.

Der Weg dahin führt aber plötzlich 2 Meter recht steil runter in einen ausgetrockneten Graben und auf der anderen Seite mindestens genauso steil wieder hoch. Runter geht es einfach, aber mit meinem schwer beladenen Rad und über den staubigen Boden komme ich auf der anderen Seite nicht mehr rauf. Ich stecke schließlich im Graben und komme weder vor noch zurück. Fluchend lade ich meine schwere Reisetasche ab. Vorwärts ist es aber immer noch zu steil. Ich schaffe es nur noch zurück, und komme wieder an das Fleckchen, das sich ideal zum Zelten eignen würde. Na, wenn das mal kein Zeichen ist!

Also beschließe ich kurzerhand da zu bleiben und es zu tun: wild campen! Es ist noch etwa eine Stunde bis Sonnenuntergang. Der Trampelpfad, neben dem ich zelten möchte, ist abgelegen und doch recht ausgelatscht. Aber in der Nacht wird hier keiner mehr vorbei kommen, da bin ich mir sicher. Dann eher früh morgens ein paar Frühsportler, Gassigeher oder ein Bauer. Ich sollte also nicht zu spät wieder aufbrechen.

Bevor ich mein Zelt aufschlage, gehe ich den Weg zu Ende, den ich mit dem Rad nicht geschafft hatte. Etwa 200 Meter hinter meinem Platz liegt ein See. Es ist die Rückseite desselben Sees, auf dem sich der Campingplatz befindet. Eine Senke führt hinab, das Wasser ist klar. Da ist niemand weit und breit. Ich hätte nicht übel Lust, mich auszuziehen und spontan reinzuspringen. Und dann tue ich das einfach:

Ich habe schon mal wild gecampt. Als Teenager mit zwei Freunden oder vor ein paar Jahren im Autocamper in Schweden und Nordnorwegen. Aber noch nie alleine im Zelt, geschweige denn allein im Wald.

„Wenn du ein ganzer Mann werden willst, ist eine gute Übung, einmal eine Nacht alleine im Wald zu verbringen!“

Fragt mich nicht mehr, in welchem YouTube-Video oder Lebenshilfe-Buch ich den Spruch aufgeschnappt habe. Aber er ging mir nicht mehr aus dem Kopf.

Tja, was definiert einen ganzen Mann? Was davon bin ich nicht, und muss ich überhaupt einer sein? An mir aufgefallen ist mir, dass ich schon oft den bequemen Weg gehe, deutlich harmoniebedürftiger bin als andere Männer, häufig unsicher bin und alles, was ich tue sehr oft hinterfrage. Das sind Dinge, die mich selber auch stören. Kuriert man das mit einer Nacht im Wald? Na ja, das alleine wird wohl nicht reichen. Aber schaden kann es schon nicht und ausprobieren wollte ich es schon immer mal. Also jetzt.

Ich baue mein Zelt auf und stelle es so hin, dass es zumindest nicht auf den allerersten Blick erkannt werden kann. Der Platz liegt am Waldesrand neben einem Feld. In etwa einem Kilometer Entfernung liegt eine kleine Behausung. Vor Sonnenuntergang checke ich noch einmal die Zufahrtswege. Ich treffe niemanden an, nur am See höre ich in einigen hundert Metern Entfernung noch eine andere Gruppe. Aber sie und mich trennt der Graben. Sie haben eigentlich keinerlei Grund, hierhin zu kommen.

Bevor ich mich zum Schreiben dieser Zeilen vors Zelt setze, drehe ich noch eine Runde. Es ist wunderschön hier, dazu ein traumhafter Sonnenuntergang. Ein Schwarm Vögel zieht über mir her. Als sie eine Kurve fliegen, klingt es, als würde ein Pfeil abgeschossen. Zwei Rehe hoppeln kreuz und quer über den Weg und scheinen mich gar nicht wahrzunehmen. Ansonsten bin ich alleine mit mir und meinen Gedanken.

Mein Vater war ein großer Naturfreund, mehr noch als ich. Meine Eltern waren mit uns Kindern immer in Bayern oder in Österreich – während meine Freunde mir Postkarten von Mallorca, Rhodos oder Teneriffa geschickt haben. Wir sind durch Wälder gewandert und haben aus Gebirgsbächen getrunken, gar nicht weit von der Stelle, an der ich neulich im Fichtelgebirge entlang geradelt bin.

Damals fand ich das schrecklich uncool und eintönig. Heute denke ich: war doch eigentlich sehr schön und sowieso viel mehr mein Ding. Das merke ich jetzt. Als ich dann Jahre später mal mit Freunden einen Strandurlaub auf Mallorca gemacht habe, habe ich mich schrecklich gelangweilt, mir am dritten Tag ein Fahrrad gemietet und bin damit nach Palma gefahren. Tja….

Kristine war die letzte Frau, die ich wirklich geliebt habe. Mir fallen gleich auf Anhieb 20 gute Gründe ein, warum wir nicht gut zusammen passen und es gut war, dass wir uns getrennt haben. Aber es ändert nichts daran. Liebe muss nicht logisch sein, ich vermisse sie immer noch. Und es tut gut, dieses Eingeständnis hier aufzuschreiben. 🙂

Während ich diese Zeilen schreibe, ist es Nacht geworden. Aber ganz dunkel ist es nicht, es ist Vollmond. Die Sicherheitsleuchten der zahlreichen Windräder in der Gegend (der moderne Ersatz für Kohleschornsteine) leuchten in der Ferne. Es hat bestimmt noch 22 Grad; es ist deutlich wärmer als in den Nächten davor. Grillen zirpen, es duftet nach Heu. Im Gebüsch raschelt es. Gerade kam ein lautes Brummen aus dem Wald, das wie von einem Wildschwein klang. Aber nur ein vorbeigehender Mensch würde mir gerade wirklich einen Schrecken einjagen.

Dann mal ab ins Zelt jetzt, irgendwie mit Gottvertrauen die Nacht durchstehen und als ganzer, entschlussfreudiger Kerl wieder aufwachen.. 🙂 Wird schon werden.

Mittlerweile weiß ich, was mich gestern getriggert hat. Manu und ich saßen in einem Straßencafe und wollten Neuigkeiten austauschen, als der Typ, der neben uns saß, einen alten Freund erspäht hatte, der gerade vorbei ging. Die beiden sind sich lautstark in die Arme gefallen und haben minutenlang ihr Wiedersehen gefeiert – keinen halben Meter von meinem Kopf entfernt.

Was macht man in so einem Moment? Ich hätte sie bitten sollen, sich einfach kurz hinzusetzen und am Tisch weiter zu reden. Aber ich wollte auch ihren Moment nicht zerstören. Statt dessen habe ich versucht, dagegen anzureden und bin irgendwie in eine Tonlage geraten, die mir gar nicht liegt, die ich aber ab da nicht mehr abgestellt bekommen habe. Und das hat dann diesen unguten Automatismus in mir ins Rollen gebracht. Interessant und gruselig zu gleich, wie so etwas entstehen kann.

Bin ich auf einer Tour angekommen, verlaufen die Tage meist ähnlich. Wenn auch anders als bei den letzten Malen. Ich hole mir morgens irgendwo einen Kaffee, esse meist 1x in einer Dönerbude oder, wie heute, beim Thailänder eine kleine Mahlzeit und falle am Nachmittag irgendwann in einen Supermarkt ein, Discounter bevorzugt. Denn die haben ein Regal mit frischen Backwaren, die ideal für eine Mahlzeit sind. Dazu kaufe ich Snacks, oft Eiskaffee aus dem Kühlregal oder einen to go, Und in letzter Zeit viel Mineralwasser, denn hier im Osten haben sehr viele Friedhofsbrunnen (wo ich sonst normal Wasser wieder auffülle) kein Trinkwasser.

Es ist auf jeden Fall praktisch, wie gut das Netz von Lebensmittelmärkten beinahe überall in Deutschland ist. Klar hast du nur die Wahl zwischen Penny, Netto, Aldi, Lidl, Edeka, Rewe und vielleicht mal Norma. Aber du bekommst darin zum günstigen Preis alles, was du an Lebensmitteln brauchst. Man mag den alten Tante-Emma-Läden hinterhertrauern, aber ich halte das durchaus für eine echte Errungenschaft.

Morgen soll es eigentlich „nur“ schnell die 80 km zu Gottfried (meinem Onkel) in Schöppenstedt gehen. Die würde ich am liebsten schon morgens abreißen, den Nachmittag im Pool verbringen und wenigstens mal 1/2 Tag Pause machen. Aber jetzt spricht Komoot plötzlich von einer schweren Tour. 🙄

So, die Mücken fallen über mich her, die Geräusche nehmen zu, ich fange an Gespenster zu sehen. Schnell ins Zelt! 🙂 Gute Nacht!

3 Antworten auf „Wild Campen (Etappe 12)“

Bin sehr gespannt, was du morgen zu berichten hast!
Sang nicht schon Peter Maffay „… und als Mann wachte ich wieder auf…“. 🎼🎸

„Und als Mann sah ich die Sonne aufgehen. Und es war Sommer.“

Stimmt, passt gut, der Text. Ach, wäre ich noch mal 17. Dann hätte ich jetzt…

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