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.63: Hospental, oder: von allen guten Geistern verlassen

Auf die Frage, was ich jetzt eigentlich mache, kommt mir nach dem Drüberschlafen heute die Idee, mit dem Fahrrad einfach so weit den Berg hochzufahren, wie ich es schaffe. Der Campingplatz vor Airolo sollte es mindestens sein, Airolo selbst wäre das eigentliche Ziel.

Um 0730 stehe ich abmarschbereit vor der Rezeption. Die Rückreise soll etwas anders laufen als die Hinfahrt. Ich fühle mich noch nicht ausgelastet, würde gerne mehr an meine Grenzen gehen. Käme ich eigentlich auch ohne Motor voran? Ich probiere es heute auf etwa 30 Kilometern gerader Strecke, und es klappt. Nur bei größeren Steigungen schalte ich auf Unterstützung 1/4.

Bergauf klappt das leider nicht so, und irgendwann gebe ich es vorerst auf, nur mit 1/4 zu fahren. Ich muss ja nicht gleich am ersten Tag zum Tier werden.

Überraschend schnell bin ich an dem kleinen Ort, an dem ich mir auf dem Hinweg Sonnencreme gekauft habe und an dem auch der Campingplatz wäre. Aber jetzt kann ich ja noch. Die 17km nach Airolo sind auf jeden Fall auch noch drin, trotz 500 Höhenmetern.

Um kurz vor 1200 bin ich auch tatsächlich in Airolo und am Ziel. Viel habe ich mit Muskelkraft geschafft, vielleicht lässt gerade das mich übermütig werden. Man verwendet andere Muskeln, aber man gewöhnt sich auch schnell daran. Ich gönne mir noch einen Cappucino an einem Straßencafé und sortiere mich.

Etwa 45 Prozent sind noch im Akku, das Wetter soll trotz anderer Aussicht am Morgen erstmal schön bleiben. Knapp 60km und 500 Höhenmeter sind schon geschafft. Bis auf den Gotthardpass hinauf sind es jetzt nur noch 15 Kilometer und 900 Höhenmeter. Das schaffe ich!

Schon die ersten Kilometer überhaupt zur Tremola hin fahre ich bei Stufe 2 und muss ganz schön keuchen. Probehalber versuche ich es mal mit 0 oder 1, aber da geht nichts. Der Akkustand schmilzt schneller dahin als mir lieb ist. Hinzu kommt, dass es mittlerweile nicht mehr nur ein Gefühl ist, dass der Motor mich beim Runterschalten ausbremst. Er tut es auch eindeutig.

Als dann die 12 Kilometer Kopfsteinpflaster der Tremola beginnen, ist der Akkustand schon auf rund 30 Prozent gesunken. Jungejunge, jetzt wird’s aber eng. Das Kopfsteinpflaster war bei der Abfahrt vor ein paar Tagen noch okay, aufwärts kostet mich es bestimmt 3 km/h. Dazu brandet erstaunlich starker und frischer Gegenwind auf. Selbst bei Stufe 2 schaffe ich kaum mehr als 10 km/h. Und der Gipfel kommt und kommt nicht näher.

6 Kilometer davor steht endgültig fest, dass ich mich verspekuliert habe. Der Akkustand ist auf 12% gesunken. Auf Stufe 2 wären noch genau 2km drin. Das wird nicht reichen. Und Stufe 1 kriege ich nicht hin, da fehlt mir die Kraft. Ich probiere zu schieben. Aber das Ding ist schwer wie ein Motorrad. Ich kann es voranbringen, aber es ist eine Tortur und würde Stunden bis zum Gipfel dauern. Was jetzt?

Vielleicht die Gepäcktasche auf den Rücken schnallen? Das könnte den Schwerpunkt etwas verlagern. Ich schalte das Licht aus. Vielleicht gibt das noch ein paar Meter mehr? Für Stufe 1 zeigt der Akku noch 8 Kilometer an. Würde reichen. Ich beschließe, es zu versuchen, so weit zu kommen, wie ich kann.

Vielleicht werde ich später mal die Geschichte erzählen, wie ich heroisch mit einem 20 Kilo schweren E-Bike mit 11-Gangnabenschaltung und 15 Kilo Gepäck gleich zweimal die Alpen überquert habe.

Aber heroisch ist an diesem Nachmittag gar nichts. Ich schleppe mich Kurve für Kurve voran, alle paar hundert Meter muss ich eine Verschnaufpause einlegen, hin und wieder verlasse ich das Kopfsteinpflaster und fahre ein paar Meter in der asphaltierten Gosse. Ein Geschmier aus Schweiß und Sonnencreme läuft mir die Arme herunter in meine Handflächen und macht es mühselig überhaupt die Griffe festzuhalten. Mein Nacken schmerzt von der Anstrengung, dem eiskalten Gegenwind und dem Schultern der Gepäcktasche.

Es gibt jederzeit die Möglichkeit auszusteigen. Runter geht immer, und in Airolo kam ich an einem hübschen Bed & Bike vorbei. Aber so kurz vor der Ziellinie aufgeben… Willst du ein Leidartikler sein oder ein Aventurer?

Kilometer für Kilometer kämpfe ich mich hoch. Hilfreich ist dabei das Schild, das die Restkilometer zum ospizio anzeigt. In einem entgegenkommenden Auto sitzt hinten bei geöffnetem Fenster ein Mädchen und feuert mich lautstark mit einer Kuhglocke an. Danke für das Alpes d’Huez-Feeling. Ganz so abwegig ist das gar nicht.

Ich kann nicht mehr, ich mag nicht mehr. Aber irgendwie schleppe ich mich weiter den Berg rauf. Noch 5 Kilometer, noch 4… Bei 3km weiß ich: ich werde es schaffen, auf die eine oder die andere Weise. Bei 2km weiß ich, es wird mit dem Motor (vor allem aber Muskelkraft gehen).

Noch 1km… Ich sehe bereits das Refugio, in dem ich vor ein paar Tagen einen Kaffee trank. Aber mein Körper streikt. Mein linkes Bein krampft ein wenig. Ich mache noch eine Verschnaufpause, es wird die längste. Dann nehme ich die letzten Ecken in Angriff. 50 Meter vor dem Ziel geht der Motor aus. Der Akku ist leer. Aber egal, ich kann den Rest schieben.

Ich bin am Ziel. Meine Güte war das eine Aktion! Völlig irre eigentlich, aber irgendwie hat’s geklappt. Ich stelle mein E-Bike ab und lasse mich auf eine Bank fallen – noch dreimal glücklicher als beim ersten Mal hier oben. Die eiskalte Rivella, die ich mir jetzt gönne, könnte nirgendwo anders besser schmecken.

Dafür endet die Solar Challenge leider heute nach etwas mehr als 7 Monaten. 🙁 Es gab einfach zu wenig Sonne die letzten Tage. Das Handy lädt hier in der Pension gerade an der Steckdose auf. Egal, immerhin zwei Wochen länger als geplant habe ich sie durchgezogen, und das im Urlaub.

Morgen dann das gleiche Spiel wie immer: was jetzt? Eigentlich wollte ich den Rheinradwanderweg bis zum Bodensee fahren, der zufällig im Nachbarort beginnt. Aber jetzt soll es noch zwei Tage mindestens durchregnen. Übrigens fast überall in der Schweiz. Hm…

Spider Mofa Gang:

Nette Gegend hier:

3 Antworten auf „.63: Hospental, oder: von allen guten Geistern verlassen“

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