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.62: Bellinzona und Italien

Die Nacht verläuft halbwegs ruhig, außer dass mindestens zwei Typen in den anderen Zelten schnarchen wie die Sägen. Und einmal meine ich, von meinem eigenen Schnarchen aufzuwachen. Ein Zeltplatz ist wie eine Bundeswehrstube, nur mit vorgegaukelter Privatsphäre und ohne Geschrei.

Der Tag beginnt wieder mit der Frage: Was mache ich eigentlich jetzt? Mein „Pflicht“programm, in und durch die Schweiz zu fahren, habe ich erfüllt, was würde ich jetzt gerne noch sehen? Erst einmal packe ich zusammen, gönne mir einen Kaffee im Resto des Zeltplatzes, zücke meinen Reiseführer und sortiere mich. Am Ende weiß ich, dass ich es noch nicht weiß, also könnte ich genauso gut mein geplantes Bonusprogramm durchziehen: Italien.

Nur etwa 5-10km hinter Ascona liegt die Grenze, nicht weit dahinter ist ein kleiner Ort. Eigentlich will ich da nur kurz hin, um sagen zu können, ich wäre mit dem (elektrischen) Fahrrad nach Italien (zumindest den äußersten Norden) gefahren.

Aber kaum bin ich über der Grenze, umschwärmt Italien mich. Gleich das erste Landhaus mit davor parkendem Fiat 500 und Seepanorama laden mich ein. Dazu ist die Straße frisch asphaltiert. 😉 Ich fahre weiter.

Der erste große Ort hinter der Grenze heißt Cannobio und ist genauso hübsch wie eine Kleinstadt am Mittelmeer: verwinkelte Gassen, eine Promenade mit Cafés und Ristorantes, buntes Treiben auf den Straßen. Zumindest eins ist klar: Ich gehe hier nicht eher wieder, als bis ich eine gescheite Pizza bekommen habe!

Gleich im erstbesten Ristorante, das schon geöffnet hat, bekomme ich sie, und eine leckere Zitronenlimo gleich dazu. Die Pizza dürfte für italienische Standards bestenfalls Mittelmaß sein, aber sie schmeckt Welten besser als die von gestern Abend. Wie machen die Italiener das bloß?

Nach dem Essen setze ich mich auf eine Bank am See und sortiere mich erneut. Ich blicke auf die Segelboote, die Cafés, das bunte Treiben… Warum bleibe ich nicht einfach hier und mache einen Tag dolce vita?

Ja, warum eigentlich nicht! Ich fahre spontan zum bestgelegenen Campingplatz des Ortes, um mich da einzuquartieren. Leider macht die Rezeption gerade 2,5 Stunden Mittagspause. Aber der Pförtner ist da und bittet mich, solange im Restaurant des Platzes zu warten.

Bleibt mir wohl nichts anderes übrig. Gegessen habe ich gerade, es ist superheiß. Warum nicht direkt einen Aperol Spritz?

Der Kellner bringt mir einen, aber irgendwie scheint es ihm so gar nicht zu gefallen, dass ich nach einem Buongiorno erst auf Englisch und dann auf Deutsch wechsle. Er ignoriert mich betont eine halbe Stunde lang, bis schließlich seine freundliche Kollegin einspringt und mir ein alkoholfreies Bier serviert.

Deutsche Großfamilien sitzen an den Nebentischen und reden darüber wie sie alles daransetzen wollen, um 1430 die ersten in der Schlange für die Rezeption zu sein. Sie gehen mir unfassbar auf die Nerven, indem sie einfach nur so sind, wie sie sind (gestern waren es noch die Schweizer).

Will ich hier überhaupt sein, passe ich hierhin, reichen mir die Pizza und der Aperol Spritz nicht schon für Dolce Vita? Überhaupt habe ich die letzten Tage ganz schön reingehauen und getrunken. Die nächste Fastenkur könnte jetzt auch noch einen Tag warten, das ist nicht das Problem. Aber mir fehlt weiterhin das eigentliche Ziel.

Ich beschließe, den Campingplatz noch ein wenig warten zu lassen und weiter die Straße runter zu fahren. Sie ist wunderschön und auch der nächste Ort ist es. Dabei merke ich: Es ist das Fahren, das mir Spaß macht, weniger das Irgendwosein.

Ich bwschließe, zurück in die Schweiz zu fahren, und mehr noch: zurück nach Hause. Durchaus mit dem Fahrrad, ich habe ja eigentlich gerade erst die Hälfte des Urlaubs hinter mir.

Dass ich gerade Joey Kellys Buch lese, wie er in der Wildnis campt, und Jessi hier neulich kommentierte, dass das auch in der Schweiz legal ist, könnten sich da noch ganz spannende Möglichkeiten ergeben. Mal sehen.

Ich lande am Ende in Bellinzona, wo ich früher schonmal durchgehechtet bin. Das Schloss ist wahrlich eine Wucht!

Die Schweizer haben schön dekoriert zum Nationalfeiertag. Ab und an hört man Feuerwerk und Musik, sie hängen bunte Lampions auf. Könnte eine kurze Nacht werden. Wenn man irgendwo Corona-sicher mit dem Zug hinkommen möchte, dann wohl am besten morgen früh um 0600. Mal sehen…

Währenddessen marschieren die Rechten wieder durch Berlin… Ich hoffe, ihr verreckt an Corona, ihr dämlichen Wichser!

4 Antworten auf „.62: Bellinzona und Italien“

Du fährst Richtung nach Hause oder nach Hause?
Also willst du jetzt noch ne Woche lang mit dem Fahrrad alles wieder zurück oder suchst nach nem passenden Bahnhof?

Tolle Berichte, tolle Fotos! Glückwunsch, dass du es geschafft hast. Deine Texte lesen soch wie immer so locker flocking, dass man den Eindruck hat, dass das ein easy roadtrip war, den du gemacht hast

Danke dir, Jens. 🙂 Na ja, der Trip war auch leicht ohne nennenswerte Steigungen. Wenn ich da an heute denke… jeez. Und das liest man aus dem Text glaube ich auch heraus. 😉

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