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Kind sein

Ich werde öfter jünger geschätzt, als ich bin. Gestern, als ich nach Hause kam, traf ich meine Nachbarn von unten mit einem befreundeten Pärchen und deren Tochter im Garten. Ich smalltalkte eine Weile mit ihnen. „Schätz mal, wie alt Jürgen ist“, bat meine Nachbarin irgendwann das Mädchen, das in die dritte Klasse geht. Sie überlegte kurz und sagte dann: „Ich glaube, vielleicht so: 31?“

Ich bin natürlich um einiges älter, fühle mich dann aber immer sehr geschmeichelt. Wenn der-/diejenige überrascht über mein wahres Alter ist, sage ich dann oft, wie gestern auch, halb im Scherz: „Ich bin einfach noch nicht erwachsen geworden.“ Gestern fügte ich aber hinzu: „Vielleicht sollte ich das langsam mal.“

„Weiß ich nicht, ob das gut wäre“, antwortete meine Nachbarin. „Was wäre denn dann anders?“

Ja, was wäre dann eigentlich anders? Ich hab darüber mal ein wenig nachgedacht. Ich wäre dann wahrscheinlich verheiratet und hätte eine Doppelhaushälfte irgendwo im Speckgürtel, vielleicht auch 1-2 Kinder. Einen Job mit Leitungsfunktion, eine Mittelklasselimousine einer deutschen Marke als Firmenwagen. Ich wäre immer noch etwas unkonventionell, würde nicht voll in meiner Arbeit aufgehen, eher, wie mein Vater, im Garten und am Haus werkeln, und wäre auch in dieser alternativen Realität im Tischtennisverein aktiv. Mein Leben wäre… anders… Aber wäre es auch besser?

Einen Job mit Leitungsfunktion habe ich im Grunde, auch wenn der wieder etwas unkonventionell ist. Ich verdiene nicht schlecht. Dadurch, dass ich kein Haus und keinen Garten habe, benötige ich auch weniger Geld zum Leben und dürfte den ähnlich bescheidenen Wohlstand haben, den mein mehr verdienendes Alternativ-Ich wahrscheinlich auch hätte.

Wenn ich das wirklich, wirklich, wirklich gewollt hätte: Die Chance zu heiraten und dann auch Kinder zu kriegen, war mehrfach da. Ich habe sie jeweils ausgeschlagen, weil mir Werte wie Freiheit und Selbstbestimmheit wichtiger waren, mit den entsprechenden Konsequenzen. Gegen eine Doppelhaushälfte – oder noch eher ein klein Bungalow mit Minigarten – hätte ich nichts. Aber für diesen Traum hätte ich – haben viele andere in den letzten Jahren – teuer bezahlt.

Nur eine Sache wäre wirklich anders, wenn ich das Leben eines Erwachsenen leben würde: Ich würde Verantwortung für jemanden übernehmen. Das ist tatsächlich das, was ich noch nie in meinem Leben für mehr als ein paar Stunden musste.

Wobei ich mir das zutrauen würde.

Ach, und dieses Kind-Erwachsenen-Ding kam neulich auch einmal bei einer Fortbildung zu Tage. Ich besuche derzeit einige Kurse über kreatives Schreiben. Bei einer Übung verlangte die Dozentin tatsächlich: „Stellen Sie sich vor, Sie wären noch einmal Kind. Ich weiß, das hat man uns allen im Laufe des Lebens abtrainiert, aber…“

Ja, das hatte man uns in der Schule abtrainiert. Viel zu früh in meinen Augen und teils auch auf einen Schlag. Profitiert haben davon diejenigen, die unbedingt schnell erwachsen werden wollten, geschwollen reden konnten und heute Ärzte oder Rechtsanwälte sind. Sind die wohl besser, reicher, glücklicher?

Ich glaube, sie sind erwachsener. Mehr aber auch nicht.

*

Important note to self: Telefonat mit meiner Schwester hat meine Stimmung heute um 180 Grad gedreht. Zum Guten! Meine Abneigung gegenüber dem Telefonieren relativiert sich langsam. Es kommt aber anscheinend schon darauf an, mit wem man worüber telefoniert.

Ja, für mich kommt das überraschend. 😉

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Eminem – Houdini

Wohl das neueste Video, das ich hier jemals gepostet habe (via Hendrik). Eminem macht immer noch Laune, das Video auch. Lässt sich nur leider hier nich einbetten, müsster auf YouTube gucken.

2 Antworten auf „Kind sein“

Als jemand, der vor 10 Jahren in einen Bungalow mit Garten im Speckgürtel gezogen ist, kann ich dir sagen: anfangs ist es der Wahnsinn, man hat das Gefühl angekommen zu sein und so voll ein selbstbestimmtes Erwachsenending zu machen.
Ich bin 8 Jahre später wieder mitten in die Innenstadt gezogen – in einem anderen Land – weil es sich immer mehr angefühlt hat als hätte ich aufgehört selbstbestimmt zu leben und würde in meinem monotonen, gesettelten Erwachsenenalltag im Bungalow im Speckgürtel auf die Rente warten.
Und da kenn ich dich gut genug…. Die Chancen dass es dir ähnlich gehen würde sind sehr hoch

Hey, das war dein 333. Kommentar hier, sagt WordPress! Vielen Dank für die alle! 🙂

Ja, die Doppelhaushälfte mit Frau, Kind und Kegel im Speckgürtel hätte mich nicht glücklich gemacht, weiß ich auch. In meiner neuen Realität wird mein Bungalow am Stadtrand aber der Hammer. Ich warte nur noch bisschen drauf, bis die Rahmenbedingungen stimmen.

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