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Sigh

Radikal ehrlich kommunizieren

Ich fahre mit der Bahn nach Köln und sowohl die Frau vor mir als auch die hinter mir telefonieren gut hörbar auf ihren Mobiltelefonen. What is it with women and „private“ public phone calls? Die Frau hinter mir ist dabei besonders laut. Und so kriegt der ganze Zugteil mit, wie ihr Freund nach einer langen, schweigsamen Autofahrt Schluss gemacht hat, weil er eine offene Beziehung wollte, sie aber nicht, obwohl monogam leben eigentlich gar nicht ihr Ding… es ist mir scheißegal und ich will es nicht hören. Und das würde ich ihr am liebsten an den Kopf werfen. Aber irgendwie reiße ich mich zusammen und sage nichts. Sind ja nur noch 10 Minuten bis Köln-West.

Passenderweise fahre ich dorthin zu einem Meetup mit dem Titel „Extrem ehrlich kommunizieren“, und der Name ist hier Programm. Wobei es etwas anders abläuft, als ich dachte. Ein kleiner Kreis von völlig normalen Leuten sitzt da und wirft sich keine Gemeinheiten an den Kopf, wie „deine Schuhe sind hässlich“ (was mich zumindest nicht gewundert hätte, wenn das so abgelaufen wäre), sondern ganz im Gegenteil. Die Vorstellungsrunde läuft ziemlich amüsant ab, weil schon der Erste so beginnt, dass er in seinem Job nichts mehr ernst nehme und den Kunden nur noch Theater vorspiele und sein Laden seitdem plötzlich laufe wie geschnitten Brot. Der nächste stimmt mit ein, er habe damals sein Hobby zum Beruf gemacht, um endlich seine Bestimmung zu finden – die er jetzt 6 Jahre später immer noch sucht. Und immer so weiter. Ich heimse nach meiner Vorstellung überraschenderweise sogar das Kompliment zweier Teilnehmer ein, ich könne ja wunderbar reden und sollte einen Podcast machen, indem ich einfach nur erzähle. Sie könnten da stundenlang zuhören. Äh…

Später wird es dann deutlich emotionaler, als die Aufgabe lautet, zwei Dinge zu benennen, die wir unseren Eltern nicht verzeihen können. Und es kommen teils unfassbar traurige Geschichten zu Tage. Ich verbringe einen Abend mit wunderbar netten, ganz normalen Menschen, kommuniziere offen und ehrlich, und es ist herzlich und toll!

Auf dem Heimweg fällt mein Zug in Köln-West aus, und ich nehme eine Bahn in die Gegenrichtung zum Kölner HBF. Nachdem ich dort eine halbe Stunde mit Lesen totgeschlagen habe, drücke ich mich am Gleis herum. Das Pärchen neben mir trägt gelb-blaue Aufnäher an der Jacke. Ich spreche sie an und frage, ob sie aus der Ukraine kämen. Die Frau spricht sehr gut Deutsch und bejaht, und wir kommen ins Gespräch über die Situation vor Ort. Als die Bahn kommt, steigen wir zusammen ein und setzen und so, dass wir uns weiter unterhalten können.

Ich stelle hauptsächlich Fragen und will zuhören. Die Frau ist studierte Kulturwissenschaftlerin und analysiert die Lage in der Heimat. Währenddessen fährt und fährt die Bahn nicht ab. Es kommen Durchsagen wegen Verzögerungen aufgrund von Baustellen. Unsere (etwas einseitige) geopolitische Diskussion nähert sich dabei bereits dem Höhepunkt. Weil ich kaum etwas sage und nicht dieselben Details kenne, scheint sie mich irgendwann für schlecht informiert zu halten. Ihr Begleiter sagt die ganze Zeit nichts. Was sie glaube, wie es denn jetzt weitergehe, frage ich sie. Der Krieg werde nicht enden, antwortet sie, die Ukrainer würden nicht aufgeben, Putin auch nicht. Und vom Westen, gerade von Deutschland und seiner Trägheit, wäre sie schwer enttäuscht. Wie ich denn die Sache sähe?

Die Situation strengt mich an. Wir reden nun schon eine halbe Stunde. Ständig strömen Leute an uns vorbei. Die Sitznachbarin im Doppelsitz neben uns belauscht uns eindeutig. Und die Bahn hat gerade mal Hürth-Kalscheuren erreicht. Ich sage, dass ich nach den gegebenen Umständen einen Waffenstillstand und die Einigung auf eine Neutralität der Ukraine aktuell für die beste Lösung halte, damit der Krieg bald aufhöre und keine weiteren Menschen sterben müssten. Von einem jahrelangen Konflikt hätte keiner was und an einem dritten Weltkrieg wäre ich persönlich auch nicht interessiert. Das ist nicht das, was sie hören will. Und ich sehe es in ihren Augen, dass sie mich in die Ecke vielleicht nicht des Putin-Verstehers, aber zumindest des indifferenten Deutschen geschoben hat, der nur seine eigene Haut retten will. Und wir sind gerade mal in Brühl.

Unser Gespräch wird zunehmend einsilbiger. Ich will hier raus, ich will das nicht länger machen, aber ich halte aus Höflichkeit bis zum Ende durch. Beim Rausgehen sagen mir die beiden, dass am Samstag weitere Aktionen auf dem Bonner Marktplatz geplant seien, zu denen ich gelb-blaue Fähnchen schwingen könnte und dass ich auf Facebook weitere Informationen zu allem fände. Na, schönen Dank auch… Zum Schluss bekommt sie noch die Frage, nach wohin in Bonn sie und ihr Begleiter jetzt müssten, in den völlig falschen Hals. Ich verabschiede mich und gehe absichtlich in die Gegenrichtung. Ich mag nicht mehr.

Wobei sie natürlich Recht hat. Da sitzt einer im Kreml, der nichts mehr zu verlieren hat und sich über den Westen – nicht ganz zu Unrecht – kaputt lacht. Und worauf warten wir noch? Dass er das Baltikum auch noch angreift und wir dann darüber debattieren, ob wir nun den NATO-Bündnisfall ausrufen oder nicht? Weil, sind ja keine von Putin abgesegneten NATO-Mitglieder. Ich fürchte, Appeasement hat damals nicht geholfen und wird es diesmal auch nicht. Ist unsere Hoffnung jetzt ernsthaft, dass die Ukraine Putins Vietnam wird, damit wenigstens wir verschont bleiben? Und die Ukrainer? Dürfen dann in unseren Turnhallen schlafen, wenn sie es rechtzeitig raus schaffen. Echte Solidarität…

Stoppt Putin jetzt„, titelte der Spiegel anno 2014 nach Annexion der Krim und Abschuss der Passagiermaschine MH17, und zwar mit harten Wirtschaftssanktionen. War damals eine hoch umstrittene Schlagzeile. Jetzt gerade denke ich mir: Sie hatten leider völlig recht und wir hätten schon damals machen sollen, wozu wir uns heute erst zaghaft durchringen konnten.

Aber dieses Kommunizieren und dann auch noch ehrlich… Es klappt nicht immer, zumindest wenn die Weltlage einfach Mist ist.

2 Antworten auf „Radikal ehrlich kommunizieren“

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