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Über den eigenen Schatten springen

Ich hatte mich gestern ein wenig über einen Freund geärgert, der mich versetzt hatte. Heute habe ich dann selbst einen Freund versetzt.

Matthias meldete sich spontan am Freitag. Ob ich Lust hätte, am Sonntagabend mit auf ein Konzert von Andrew Bird in Köln zu kommen. Sein Kumpel hätte kurzfristig abgesagt.

Andrew wer?

Ich hörte bei Spotify kurz rein. Klang ganz nett, aber nicht nach etwas, wozu ich unbedingt auf ein Konzert gehen müsste. Was die Karte denn kosten würde? 40. Nee, da wäre ich dann raus! Für bis zu 20 Euro bin ich eigentlich bereit, mir beinahe jede Musik aufs Geratewohl einmal anzuhören. Allein, weil Livemusik eigentlich immer ein Erlebnis ist. Aber 40?!

Matthias meldete sich dann gestern noch mal: „Hab’s abgeklärt, kannst für 20 mitkommen. Der Kumpel ist froh, wenn er wenigstens ein bisschen Geld wiederbekommt.“ Ich so: na gut.

Heute Abend dann am Bonner HBF: Ich will den Zug um 19:04 nehmen. Kurz vorher kommt die Durchsage: Sorry, Notarzteinsatz am Gleis. Alle Bahnen Richtung Köln fallen aus (und die, die aus Köln hätten kommen sollen auch). Reisende können mit Bussen Richtung Siegburg fahren (die Straßenbahnen fahren gerade auch nicht) und dort ihr Glück versuchen. Oder mit der U-Bahn nach Köln.

Ich runter zur U-Bahn: Erste Bahn fährt mir gerade vor der Nase weg. Na toll. Die nächste kommt in etwa 10 Minuten. Sie brauchen gut 1 Stunde von Bonn in die Kölner Innenstadt. Wenn ich überhaupt einen Platz darin bekomme. Und ich bin eh schon spät dran. Ich rufe Matthias an und sage ab. Sorry, das wird nichts mehr. Ich käme dann ja erst um halb 9 frühestens in Köln an.

Oh okay, könne er verstehen. Also, das Gloria wäre nicht weit vom Neumarkt entfernt, wo die 16 und die 18 beiden halten. Und mit Vorband und weil große Künstler nie pünktlich anfangen, würde ich es schon noch schaffen. Aber ich blieb dabei, und sagte ab. Und ich muss gestehen, es fiel mir leicht. Ein Künstler, von dem ich nicht überzeugt war, eigentlich auch gar nicht wirklich Lust. Und statt dessen die Chance, auf einen ruhigen Abend mit Buch auf der Couch. Vielleicht sogar noch vorher in die Eisdiele. Oh ja, das wäre es jetzt!

Noch auf dem Weg zur Eisdiele erinnerte ich mich daran, wie ich mich gestern gefühlt hatte, als der Freund mich versetzt hatte. Aber mehr noch. Ich würde mir nicht nur die Chance nehmen, einen Freund zu treffen, den ich nur selten sehe, sondern auch die Möglichkeit, mal etwas völlig Anderes zu erleben, mal über meinen eigenen Schatten zu springen und FÜR jemanden etwas zu tun. Ist das nicht das, was Freundschaft eigentlich ausmacht?

Was denkt ihr, habe ich gemacht?

a) Bin Eisessen gegangen, hab gemütlich mein Buch gelesen und bin in Bonn geblieben.
b) Bin doch noch nach Köln gefahren.

Na, na?! 🙂

Die Auflösung:

Ich machte auf dem Absatz kehrt, checkte die Bahn-App, rief Matthias noch einmal an und lief zum Bahnhof zurück. Und der Rest war dann wirklich ein kleines Aventure. Die Linie 16 kam natürlich zu spät und war schon rappelvoll, als sie ankam. Die Leute auf dem vollen Bahnsteig quetschten sich trotzdem irgendwie rein. Ich erwischte noch einen engen Stehplatz direkt an der Tür.

Als nächstes gingen die Türen nicht zu. Ich hab ein Video aufgenommen, wie ein hilfsbereiter Wartegast sie von außen zuschiebt:

Die Türen hakten natürlich bei jedem weiteren Stopp. Die Leute schoben sich durch die Gegend. Ich schrieb Matthias, er solle schonmal reingehen, es würde wohl noch dauern. „Du kommst wahrscheinlich genau passend“, schrieb er zurück. Gerade lief noch die Vorband.

Und tatsächlich: Um 2035 Uhr, über eine Stunde später, erreichte ich Köln-Neumarkt, wenig später war ich an der Konzerthalle, Matthias holte mich rein, wir hatten sogar noch Zeit für ein Bier und dann ging es auch bald los mit dem Konzert.

Und? War es das beste Konzert, das ich jemals gesehen habe? Habe ich den besten Abend meines Lebens gehabt und auf dem Rückweg noch meine Frau fürs Leben kennengelernt?

Nein, das alles nicht. Aber es war ein schöner Abend, ein richtig tolles Konzert eines echten Virtuosen (Wahnsinnsstimme, spielt darüber hinaus noch ausgezeichnet Violine und Gitarre) und all das ist am Ende deutlich besser, als alleine zu Hause auf der Couch zu hängen. Der Herr Aventurer… Mein Buch las ich auf dem Rückweg und mein Eis bekam ich sogar noch auf dem Hinweg.

Also, ja, öfter mal über den eigenen Schatten springen. Dann hab ich hier auch mehr zu erzählen. 🙂

Andrew Bird: Manifest:

Daily sort-out: Lebenshilfebuch zur Hälfte geschafft. Aus 60 Seiten Niederländisch-Kinderbuch die unbekannten Vokabeln rausgeschrieben (Sind. Das. Viele!) und jetzt mal gute Nacht, ist ja schon spät. 🙂

2 Antworten auf „Über den eigenen Schatten springen“

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