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Reading in Public

Macht man auch nicht oft. Sich mitten ins Nadelöhr der Innenstadt setzen und dort ein Buch lesen. Habe ich heute Abend aber für eine halbe Stunde gemacht.

Weil ich im öffentlichen Bücherschrank am Stadthaus „Modern English Short Stories“ sah und es erst mitnehmen wollte, und dann dachte: Warum nicht gleich hier jetzt spontan on spot eine Kurzgeschichte lesen und das Buch dann wieder zurücklegen? Das tat ich dann.

Leute gingen vorbei, ich sah nur Beine und Füße, hörte vorbeisausende Fahrräder, Gesprächsfetzen, Busse, Straßenbahnen. Anfangs fiel es mir schwer, mich deswegen auf die Geschichte zu konzentrieren, eine von John Steinbeck. Je mehr ich las, desto besser gelang es mir aber.

Ich kam mir komisch vor, ein bisschen unkonventionell. Normal sitzt an der Stelle keiner, außer wenn er um Geld bettelt oder Crepes verkaufen will. Oder wenn da einer sitzt, schaut er aufs Handy, aber nicht in ein Buch. Nach einiger Zeit war es mir aber egal, was die Leute denken.

Ein Bekannter hielt an, grüßte und gab mir die Hand, erzählte von seinem geplanten Urlaub, und dass er jetzt zum ersten Mal im Leben fliegen würde. „Tatsächlich?“, fragte ich. „Ja“, sagte er, und er wäre ein bisschen aufgeregt. Müsse er aber nicht sein, sagte ich, da passiert nichts, aber das erste Mal ist wirklich ein wenig aufregend.

Ein Typ sprach uns beide an, er sah nicht aus wie jemand, der um Geld bettelt, zu gut gekleidet, zu gepflegt der Bart, zu cool die Sonnenbrille. Ob er uns was fragen dürfe. Was denn, fragte mein Kumpel. Kokain, sagte er. Nee, wir hätten keins, sagte ich. Erst später dämmerte mir, dass er vermutlich keins schnorren, sondern uns eher etwas anbieten wollte. Ist mir auch noch nicht passiert. Wobei, einmal doch. Vor Jahren im Nyx kam ich mit meinem Thekennachbarn ins Gespräch und irgendwann fragte er mich unverblümt, ob ich „was da“ hätte, ich wäre da der Typ für. Vielleicht eine neue Karrierechance, aber was mit Internet ist ja auch nicht schlecht und weniger gefährlich.

Der Typ jedenfalls verabschiedete sich, mein Kumpel wenig später auch. Ich las die Geschichte noch fertig – am Ende wird geschossen! – und ging dann auch. Hat sich beinahe wie ein Sozialexperiment angefühlt. Dabei hatte ich einfach nur öffentlich ein paar Seiten im Buch gelesen.

*

(dient nur Illustrationszwecken)

Geschichten erzählen

Das ist bisher das, was ich mit meiner Betreuungsperson mache. Ich frage ihn über sein Leben – er hat einiges erlebt – und hab die beiden Male, die wir uns bisher trafen, erstmal ein bisschen was von mir erzählt, um das Eis zu brechen. Und das ging. Ich dachte immer, ich könnte keine Geschichten erzählen. Aber oft liegt’s daran, dass mir die Ideen erst beim Erzählen kommen – oder vielleicht, dass nie einer zuhört, wenn ich was Spannendes zu erzählen hätte.

Zum Beispiel, wie ich damals vom Nordkap kam, nach Russland reinfuhr, alle 20km kontrolliert wurde, aber nichts verstand und den bewaffneten Streckenposten deswegen immer nur meinen Pass mit Visum unter die Nase hielt, wie ich Fotos von einem Panzerfriedhof machte und plötzlich ein grimmiger Soldat angelaufen kam, wie ich mit einem 100.000-Rubel-Schein die Supermarktkasse sprengte, weil ich mit dem Geld durcheinander kam und in Russland alle längst bargeldlos bezahlen. Oder wie mich in Singapur, in dem Wohnblock, wo ich mit meiner damaligen Freundin und ihren Eltern wohnte, die Leute für einen Mönch hielten.

Aber ja, angestachelt durch meine Geschichten kam er dann auch ins Erzählen von Kenia, von Portugal, von Spanien, von seinen zwei Ehen. Ich musste immer mal wieder nachhaken, weil er seit seinem Schlaganfall schnell abdriftet. Aber das soll man als Journalist ja. Jetzt muss ich noch bisschen was erleben, um noch mehr erzählen zu können – und so auch ihn zum Reden zu bekommen.

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(dto.)

Urban Chicken Aventure

Montags mache ich Bodypump im Fitnessstudio und danach war ich jetzt schon ein paarmal in einem Grill am Bahnhof ein halbes Hähnchen essen. Weil man nach dem Kraftsport ja Eiweiß und ein halbes Hähnchen davon ganz viel…

Der Grill, in dem ich das immer tat, ist jetzt umgezogen, dahin, wo bis vor ein paar Wochen noch ein erstaunlich ähnlicher Laden mit erstaunlich ähnlichen Leuten war. Egal, ohnehin eine etwas zwielichtige Gegend – aber dat Hähnsche war top! Nur dass sie jetzt die Preise angezogen haben: 12,50 Euro statt vorher 8,50.

Ich frag den Kellner, ob Salat dabei wäre, er sagt nein, nur Pommes und Brot. Ich sage, okay, dann bitte halbes Hähnchen mit Brot und Salat statt Pommes. Er sagt: okay, und wenig später stellt er mir einen Teller Pommes und einen großen Teller Salat dahin. Ich so: Aber ich wollte doch ein halbes Hähnchen. „Halbes Hähnchen! Ist okay, bestelle ich noch.“ Wenig später kommt das halbe Hähnchen, eingepackt in Brot und mit Pommes. Hm. Da ist offenbar was schief gelaufen.

Als die Rechnung kommt, steht da: 24,50. Ich sag dem Kellner, ich wollte doch nur ein halbes Hähnchen. Ja, aber ich hätte noch Pommes und Salat bestellt. Nee, hätte ich nicht, ich wollte Salat statt den Pommes. Hätte ich aber nicht gesagt. Der Typ bleibt stur, sagt: Das ist die Rechnung. Ich sag: nee, war ein Missverständnis, bleibe auch stur, sehe unzufrieden aus. Der Typ beschwichtigt, sagt: okay, und holt seinen Chef.

Chef sieht aus wie ein Türsteher, volltätowiert und Stiernacken. Sie mussten ihn ein paar Minuten vorher zurückhalten, damit er nicht auf einen aus der Szene losgeht, der sich aufs Klo geschlichen hatte. (Vielleicht war auch bisschen Show dabei, nein Chef, nicht schon wieder…). Chef kommt an meinen Tisch, schaut grimmig und ich erinnere mich gerade noch: Lächeln kann helfen. Ich erklär ihm die Angelegenheit, lächle dabei. Er, supernett: „Kein Problem, nehmen wir den Salat raus! ❤️“

Dass ich den ganz aufgegessen hatte, habe ich da nicht noch mal erwähnt…

Der Kellner bringt die neue Rechnung. Da stehen nun 16,50 (wir einigten uns drauf, dass ich die Extra-Pommes übernehme). Ich schiebe ihm einen 20-Euro-Schein rüber. Er, begeistert. „Stimmt so?“ und zwinkert mir zu. Ich verdrehe die Augen, muss dann aber auch lachen. „Ja, stimmt so.“

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Argh

Auswandern

Ich hab mich in Porto und Madrid sehr wohl gefühlt, kenne sogar ein paar tolle Leute jetzt da. Komme dann wieder und erfahre als erstes, dass meine Lieblingsnachbarn im Haus wahrscheinlich eine Wohnung gefunden haben. Meine anderen Lieblingsnachbarn wollen auch nicht mehr lange bleiben, weil ihre Wohnung auch wirklich in einem katastrophalen Zustand ist. Dann gibt es Tage, in denen ich mich selbst in meinen sozialen Zirkeln unverstanden fühle. Ich hab hier keine Beziehung, meine besten Freunde sind weggezogen, und so richtig zum Rheinländer geworden bin ich all die Jahre auch nicht.

An dem Punkt stand ich schon einmal, und immer mal wieder kommt der Gedanke, doch einfach wegzuziehen. Aber wohin. In Deutschland könnte ich mir eigentlich nur Berlin oder Hamburg vorstellen – na toll, noch anonymere Städte. Und Porto? Ist schon ein teures Pflaster, ich komme nicht darüber hinweg, dass der melancholische Portugiese kein lebenslustiger Spanier ist, auf die Bürokratie habe ich wenig Lust, und so schön es da ist: meine Traumstadt ist es trotz allem nicht.

Ich hab’s genau genommen ja sogar versucht mit Singapur und Berlin. Aber das hat nicht geklappt, weil die Beziehungen dort nicht geklappt haben.

Bleibt mir doch erstmal „nur“ die Selbstfindung (wobei ich da kurz vor dem Ende bin, vieles gefunden habe, was mir nicht gefällt, und damit wohl leben muss) und die anschließende Weltreise, bis ich meine Traumstadt (und -frau) gefunden habe.

So schlimm wäre das fei scho nicht. Hoffe nur, es findet sich da auch was.

Zum Beispiel…

*

Indien

Ich spielte heute Tischtennis mit einem Kumpel aus Indien, und wir kamen ein bisschen ins Gespräch:

„Das Leben in Indien ist viel umkämpfter als in Deutschland. Deswegen kam ich auch hierher.“

„Aber hier sind die Leute nicht gerade nett zueinander.“

„Aber es gibt hier viel mehr gute Jobs für alle. In Indien gibt es Millionen junger Leute, die zwei Jahre lang nur dafür lernen, um den Aufnahmetest an einer der großen Universitäten zu bestehen. Und qualifizierte Jobs gibt es dann nur für einige von denen. Das ist auch der Grund, warum so viele hochqualifizierte Inder auswandern.“

Das mal wieder zur Erinnerung daran, dass wir es hier eigentlich ziemlich gut haben. Warum nur sind dann alle so mies drauf?

Vielleicht weil…

*

Schwul

„SO’N BISSCHEN SCHWUL BIST DU SCHON AUCH!!“, brüllte mein schwuler Kumpel gerade durchs Haus, nachdem ich ihm erzählt hatte, dass ich in Porto bei der Pride Parade mitmarschiert bin.

Ganz ehrlich? Manchmal wollte ich, ich wär’s. Bei Schwulen weißt du wenigstens sofort, wie du dran bist. Die sagen dir, ob sie dich sexy oder cute finden. Frauen machen sowas nicht. Die gucken dich geringschätzig an und denken dann, sie haben dir doch Signale gesendet, warum reagiert der Typ denn nicht?

Dann allerdings ist er genauso Single wie ich, hat genauso Schwierigkeiten, jemanden kennenzulernen. Außer Frauen, die würden ihn oft ziemlich aggressiv anbaggern.

Na toll…

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Yeah

Being Abroad

Madrid

Das billige Hostel, das einen WhatsApp-Kontakt empfahl, damit der wunderbare Concierge dich kurz vor Mitternacht noch ins Taxi lotste, direkt am Eingang empfing und selbst dann noch auf der Touri-Karte alle Places of Interest für dich einkreiste, also quasi alle, damit du eine tolle Zeit vor Ort hast. Wieder einmal gemerkt, wie nett die Spanier sein können (und dass du auch deswegen damit leben könntest, wenn sie das Viertelfinale gewännen).

Den illegalen Flüchtling aus Gambia, dem du eventuell – vielleicht aber auch nicht, aber das ist egal – mit einer kleinen Geste eine neue Chance gegeben hast. Prima Churros und Tapas, auch wenn das ein Klischee ist, fantastische Paläste und Bauten, richtig heißes Wetter, Typen, die bei 35 Grad im Gorilla-Kostüm Geld verdienen müssen und sich herzlich bedanken, wenn du ihnen 1 Euro in den Topf schmeißt, schön verzierte Heißgertränke in einem koreanisch-kitschigen Plüschcafé.

Porto

Vielviel wunderbaren Deep Talk mit Nicky und Juan, Spaziergänge am Strand, Sonnenuntergänge in Gaia, ins kalte Wasser gehüpft, Porto Tonico getrunken, lecker Bifanha gegessen, mit wunderbaren Menschen Fußball geguckt, die gar kein Fußball mögen, aber den weiten Weg auf sich nehmen, nur weil sie dich vor einem Jahr mal kurz getroffen haben und unbedingt wiedersehen wollen. Mit besonderen Leuten und buntem Kranz um den Hals auf der Pride Parade mitmarschiert, weil du direkt nach Ankunft drei bekannte Schwule von Nicky getroffen hast, die dich herzlich begrüßt und dich beiläufig gefragt haben, ob du am Samstag mitläufst. Tat ich.

Menschen, die dir Komplimente machen und nachts Nachrichten schicken wie „Bleib doch hier“ oder „Es war sooo toll, dich nochmal zu sehen“, dass du fast meinen könntest, sie meinten das ernst (und sie tun es wahrscheinlich auch). Barbesitzer, die dir auch nachts um drei noch aufmerksam zuhören, den Laden schließen und fragen: Sollen wir noch einen zusammen rauchen?

Es war nicht alles krisenfrei, aber das hauptsächlich mal wieder dadurch begründet, dass es an beiden Orten viel zu viele schöne Frauen gibt, als dass du auch nur technisch dazu in der Lage wärst, einen Bruchteil davon zu daten.

Weil das alles in deinem Spatzenhirn irgendwie nicht gespeichert bleibt, hier noch einmal die Reassurance to Your Future Self:

DAS ALLES WAR EINE GUTE SACHE. ES TUT DIR RICHTIG GUT, HAB DA VIEL MEHR VON. SCHAU DIR DIE WELT AN!

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OK

The Handmaid’s Tale

Ich mag es, die Romanvorlagen von Serien zu lesen und dann die Unterschiede zu studieren. In „The Handmaid’s Tale“ sind diese gar nicht einmal so groß. Das Buch ist klasse, Margaret Atwood erschafft mit wenigen Worten die Welt, die man so ähnlich in der Serie erleben kann. Auch wenn die Beschreibungen der Hauptpersonen maßgeblich auf Dialogen basieren, hat man ein gutes Bild von ihnen und ihren Eigenschaften im Kopf. Hat ein bisschen gedauert, um reinzukommen, aber habe ich dann zum Ende hin weitestgehend verschlungen.

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Heute habe ich offiziell ein Ehrenamt übernommen. Ich betreue für die Malteser alte Menschen und verbringe einfach nur ein wenig Zeit mit ihnen. Mein Klient ist Anfang 60, hatte einen Schlaganfall, ist bettlägerig und hat einen so unglaublich warmen Gesichtsausdruck, dass mir fast die Tränen kamen, ihn da so zu sehen. Vor dem Haus steht noch sein Motorrad, mit dem er bis zu seinem Schlaganfall unterwegs war. Jetzt will er sich zurück ins Leben kämpfen. Mir war es heute fast, als hätte er mit meiner Koordinatorin, die zur Vorstellung dabei war, nur mit Blicken ein wenig geflirtet. Und mir später tolle Geschichten von seiner großen Liebe erzählt. Ich dachte lange: Für so etwas habe ich nicht auch noch Zeit und Kraft. Aber ich glaube, ihm wird es gut tun, und ich werde einiges von ihm lernen können.

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Es hat gedauert, aber das EM-Fieber hat jetzt auch mich gepackt. Schätze, das Viertelfinale wird der Knackpunkt oder sogar das vorgezogene Finale, weil dort die Spanier warten werden, also die beiden dann bis dahin besten Turniermannschaften aufeinandertreffen. Ich weiß noch nicht, wie wir die schlagen sollten. Tun wir das, gewinnen wir auch das Turnier, da bin ich mir fast sicher.

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Werde nächste Woche einmal das Land verlassen. Urlaub ist es noch nicht wirklich. Sommer ist aber auch noch nicht da. Es sind höchst sonderbare Tage derzeit.

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Sigh

Grün als Protestwahl

Ein Tag, der mit einer politischen Meinungsverschiedenheit auf WhatsApp beginnt. Wenn von einem, den ich eigentlich immer für recht intelligent gehalten habe, plötzlich Sprüche kommen wie: „Die Grünen gehören vor ein Gericht gestellt“ oder „Was ist so schlimm an rechts? Gehört für mich zum politischen Spektrum dazu: links, mitte, konservativ, rechts.“

Weil die Rechten dir genau das weiß machen wollen, merkt ihr das denn nicht?!

Abends auf dem Weg ins Kino erzähle ich einem anderen Freund davon, und er sagt gerade heraus: „Also, ich hab Grün gewählt, um es den ganzen AfD-Sympathisanten zu zeigen.“ – „Also eine Art Protestwahl?“ – „Sozusagen.“

Aus Protest die aktuelle Regierungspartei wählen. 😅 Ich hab mich köstlich amüsiert.

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Furiosa

War schon toll! Sie haben wieder enorm viel aufgefahren (wenn auch nicht so viel wie in „Fury Road“, das merkt man schon). Diesmal gab es gleich noch ein paar Antagonisten mehr – Chris Hemsworth brilliert als „falscher Moses der Wüste“. Und überhaupt die überall christliche Symbolik von der verbotenen Frucht über die Verteibung aus dem Paradies bis hin zur Wiedergeburt. „Furiosa“ ist eine stimmige Hinleitung zum Hauptfilm. Vielleicht hat mir als letztes i-Tüpfelchen so eine Gallionsfigur gefehlt wie in „Fury Road“ der völllig überflüssige und deswegen immer so genial eingewobene Typ mit der E-Gitarre vor dem Truck:

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Sigh

Für welches Land jubeln wir hier eigentlich?

Freitag beginnt die EM 2024, und ich habe zum Eröffnungsspiel ein paar Freunde zu mir eingeladen. In die Einladung schrieb ich als Programmpunkt:

20.55 Gemeinsames, feierliches Singen/Summen der Nationalhymne

Ich kann mir bei meinen Freunden sicher sein, dass sie die Ironie dahinter verstehen.

Bei vielen anderen Deutschen kann ich das nicht mehr.

Die Europawahl gestern hat ein tief gespaltenes Land offenbart. Es ist gar nicht mal, dass die drei Regierungsparteien abgestraft wurden – das macht der Bürger schon, solange es die Demokratie gibt – oder dass die AfD bundesweit auf 16 Prozent kommt – das hätte schlimmer kommen können. Es geht um dieses Ost-West-Gefälle. Die Grafik, die das Katapult-Magazin dazu erstellt hat, könnte eindrücklicher kaum sein:

via Katapult-Magazin/Instagram

Wo verlief bis 1990 noch einmal die deutsch-deutsche-Grenze? Schau auf die Wahlkarte, 34 (!) Jahre später.

Und das alles, nachdem bekannt wurde, wen diese Partei alles „remigrieren“ möchte, dass sie von Russland finanziert und gefördert wird, dass sie den französischen Rechten zu rechts ist und für China spioniert hat. Wer mit der aktuellen Bundesregierung unzufrieden ist, hatte zahlreiche andere Parteien zur Auswahl; sehr viele entschieden sich für die CDU/CSU. Wer eher links unterwegs ist und trotzdem etwas gegen die Migrationspolitik oder die Superwokeness der heutigen Gesellschaft hat, konnte beim Bündnis Sahra Wagenknecht Protest wählen.

Haben die 25-40 Prozent Wähler im Osten nicht gemacht, die die AfD dort in fast jedem Kreis zu stärksten Partei gemacht haben. Wer jetzt noch die AfD gewählt hat – da gibt es keine andere Erklärung mehr für – ist offen rechts und scheißt auf die Bundesrepublik Deutschland.

„Ja dann spaltet euch halt ab und macht euren eigenen Staat“, ruft die trotzige Stimme in einem. „Zahlt ihr uns aber dann die 2 Billionen (!) Euro zurück, die in euren Wiederaufbau geflossen sind, hier an allen Ecken und Enden gefehlt haben, den Sozialabbau erst notwendig gemacht und Notentscheidungen wie die De-Industrialisierung der Bahn in den 90ern befördert haben.“

Aber das täte mir zu sehr leid für die vielen tollen Menschen, die von dort kommen oder die ich da drüben kenne und die definitiv nicht rechts sind.

„Die da drüben“, denn das ist schon das, was ich mittlerweile so formulieren würde. Das da drüben wirkt auf mich zunehmend wie ein eigenes Land, das sich abschotten will, das keine Lust mehr auf irgendeinen Konsens hat, mit dem wir hier aber auch nicht mehr viel gemeinsam haben und einem langsam auch das Verständnis abgeht.

Wenn am Freitag die EM beginnt, bleibt das im Hinterkopf. Deutschland ist zwei Länder in einem. Bleibt einem der Jubel über die Tore, die es hoffentlich geben wird, da nicht irgendwo im Halse stecken?

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Apple Intelligence

Es hat gedauert, aber Apple nailed it! Leider erst nur auf Englisch, für Mac ab M1-Chip und vorerst nur für das iPhone 15 Pro (Max). Hat sich der Kauf also doch noch gelohnt…

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Right

Kind sein

Ich werde öfter jünger geschätzt, als ich bin. Gestern, als ich nach Hause kam, traf ich meine Nachbarn von unten mit einem befreundeten Pärchen und deren Tochter im Garten. Ich smalltalkte eine Weile mit ihnen. „Schätz mal, wie alt Jürgen ist“, bat meine Nachbarin irgendwann das Mädchen, das in die dritte Klasse geht. Sie überlegte kurz und sagte dann: „Ich glaube, vielleicht so: 31?“

Ich bin natürlich um einiges älter, fühle mich dann aber immer sehr geschmeichelt. Wenn der-/diejenige überrascht über mein wahres Alter ist, sage ich dann oft, wie gestern auch, halb im Scherz: „Ich bin einfach noch nicht erwachsen geworden.“ Gestern fügte ich aber hinzu: „Vielleicht sollte ich das langsam mal.“

„Weiß ich nicht, ob das gut wäre“, antwortete meine Nachbarin. „Was wäre denn dann anders?“

Ja, was wäre dann eigentlich anders? Ich hab darüber mal ein wenig nachgedacht. Ich wäre dann wahrscheinlich verheiratet und hätte eine Doppelhaushälfte irgendwo im Speckgürtel, vielleicht auch 1-2 Kinder. Einen Job mit Leitungsfunktion, eine Mittelklasselimousine einer deutschen Marke als Firmenwagen. Ich wäre immer noch etwas unkonventionell, würde nicht voll in meiner Arbeit aufgehen, eher, wie mein Vater, im Garten und am Haus werkeln, und wäre auch in dieser alternativen Realität im Tischtennisverein aktiv. Mein Leben wäre… anders… Aber wäre es auch besser?

Einen Job mit Leitungsfunktion habe ich im Grunde, auch wenn der wieder etwas unkonventionell ist. Ich verdiene nicht schlecht. Dadurch, dass ich kein Haus und keinen Garten habe, benötige ich auch weniger Geld zum Leben und dürfte den ähnlich bescheidenen Wohlstand haben, den mein mehr verdienendes Alternativ-Ich wahrscheinlich auch hätte.

Wenn ich das wirklich, wirklich, wirklich gewollt hätte: Die Chance zu heiraten und dann auch Kinder zu kriegen, war mehrfach da. Ich habe sie jeweils ausgeschlagen, weil mir Werte wie Freiheit und Selbstbestimmheit wichtiger waren, mit den entsprechenden Konsequenzen. Gegen eine Doppelhaushälfte – oder noch eher ein klein Bungalow mit Minigarten – hätte ich nichts. Aber für diesen Traum hätte ich – haben viele andere in den letzten Jahren – teuer bezahlt.

Nur eine Sache wäre wirklich anders, wenn ich das Leben eines Erwachsenen leben würde: Ich würde Verantwortung für jemanden übernehmen. Das ist tatsächlich das, was ich noch nie in meinem Leben für mehr als ein paar Stunden musste.

Wobei ich mir das zutrauen würde.

Ach, und dieses Kind-Erwachsenen-Ding kam neulich auch einmal bei einer Fortbildung zu Tage. Ich besuche derzeit einige Kurse über kreatives Schreiben. Bei einer Übung verlangte die Dozentin tatsächlich: „Stellen Sie sich vor, Sie wären noch einmal Kind. Ich weiß, das hat man uns allen im Laufe des Lebens abtrainiert, aber…“

Ja, das hatte man uns in der Schule abtrainiert. Viel zu früh in meinen Augen und teils auch auf einen Schlag. Profitiert haben davon diejenigen, die unbedingt schnell erwachsen werden wollten, geschwollen reden konnten und heute Ärzte oder Rechtsanwälte sind. Sind die wohl besser, reicher, glücklicher?

Ich glaube, sie sind erwachsener. Mehr aber auch nicht.

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Important note to self: Telefonat mit meiner Schwester hat meine Stimmung heute um 180 Grad gedreht. Zum Guten! Meine Abneigung gegenüber dem Telefonieren relativiert sich langsam. Es kommt aber anscheinend schon darauf an, mit wem man worüber telefoniert.

Ja, für mich kommt das überraschend. 😉

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Eminem – Houdini

Wohl das neueste Video, das ich hier jemals gepostet habe (via Hendrik). Eminem macht immer noch Laune, das Video auch. Lässt sich nur leider hier nich einbetten, müsster auf YouTube gucken.

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OK

Krisen haben eine Halbwertszeit

Es fühlt sich in dem Moment nicht so an, in dem die Krise akut ist. Es fühlt sich dann völlig hoffnungslos an und dass es nie wieder gut werden könnte. Ist aber nicht so. Jede Krise geht vorbei. Einige mentale Krisen lösen sich sogar komplett auf. Und man fragt sich ein paar Tage später fast: Was war denn eigentlich noch mal los?

Man müsste nur zum Zeitpunkt der Krise selbst schon nach vorne schauen können und sich dann denken: „Was bin ich jetzt so hoffnungslos, ist doch nur eine Krise, kriege ich schon hin.“ Kriege ich aber nicht gut hin; ich bin in dem Moment lieber hoffnungslos…

Wie immer können bereits bekannte und hier viel diskutierte Gegenmaßnahmen Wunder wirken. Als da wären:

  • Schlafen, schlafen, schlafen. Ich behaupte sogar, die ganze Welt wäre eine bessere und deutlich friedlichere, wenn jeder Mensch jeden Abend mindestens 9 Stunden schlafen würde.
  • Spazieren gehen, mehrfach, weit.
  • Sport treiben, mehrfach, energisch
  • Arbeiten. Den Fokus auf etwas anderes lenken.
  • Die Probleme niederschreiben, braindumpen, mögliche Lösungen dahinter schreiben. Wichtigste Krisenlöser sind aber eindeutig:
  • Menschen, die zuhören und ehrlich daran interessiert sind, dir in Zeiten der Krise zu helfen.

Deswegen danke an alle, die ich die letzten Tage mit meinen Problemen heimsuchen durfte und die auch wirklich zugehört haben. Ich kann euch nicht genug danken, mir dafür aber eine dicke Scheibe von euch abschneiden!

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Enno Bunger: Ponyhof

Passend dazu. Werdet ihr euch eh nicht anhören. Schade, denn für einen deutschen Song ist das richtig gut!

Stammt übrigens aus dem Newsletter Ein Song reicht, den ich an dieser Stelle mal wärmstens empfehlen kann. Hab’s mir zum Ritual gemacht, den Song des Tages morgens beim Aufstehen direkt zu hören. Kamen schon einige von auf meine Playlist.

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Sigh

Lose yourself

Wie es dazu kam, ist jetzt mal nebensächlich. Aber wenn du an einem Abend mit all deinen Schwächen und Fehlern auf einmal konfrontiert wirst, dann ist die Stimmung prächtig… Eventuell war das hier nur eine manische Phase, auf die dann folgerichtig… na ja, so fühlte es sich zumindest heute an. Bis zu diesem Moment, in dem du dich völlig verlierst und nicht mehr über das Ganze nachdenkst.

Bei mir war das heute nach dem Tischtennis der Fall. Wir waren im Sommercup zu Gast bei einem Verein auf dem Land. Entspanntes Spiel, keiner, der irgendwas zu ernst nahm. Vor allem supernette Spieler uns Fans des Gegners. Die sich die „Schlägermeister“ nennen und sich vorher erstmal einen solchen (Jägermeister) genehmigt haben. Hinterher leerte man noch ein paar Flaschen Bier zusammen (alkoholfrei bei mir), schnackte, alberte herum. Und da passierte es, dass ich zum ersten Mal an diesem Tag nicht über die ganze Misere nachdachte und mich hinterher besser fühlte.

Indem man sich in einem Kreis netter Menschen verliert. Wäre schön, wenn das immer und viel einfacher möglich wäre.

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Bayern-Trainer

Nach diesem Frühlingstheater mit Popcorn-Charakter und jedem dritten Tag einem neuen heißen Kandidaten, der angeblich kurz vor der Unterschrift steht und dann am Ende doch nicht will. Alonso nicht, Zidane nicht, Nagelsmann nicht, Rangnick nicht, Flick nicht, Sebastian Hoeneß nicht, De Zerbi nicht, Demichelis nicht, Mourinho sowieso nicht, Tuchel auch keine Rolle rückwärts…

Da ist es fast schade, dass die Bayern in Vincent Kompany jetzt doch irgendjemanden gefunden haben. Und dann auch noch einen, den man in meinen Augen recht schmerzfrei wieder entlassen kann, wenn es am Ende doch nicht passt. Das wäre bei einem größeren Namen viel schwerer geworden. Ich glaube auch nicht, dass Bayern länger als ein paar Monate an ihm festhalten wird. Wobei er die Chance hat, zum Ted Lasso des Teams zu werden. Schauen wa mal…

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Der Magnesium-Mann

Im stehe im Penny vor dem Gesundheitsregal und hab Taxofit-Magnesium in der Hand. Da kommt ein Mann auf mich zu, lange Haare, aufgeknöpftes Hemd, Typ Späthippie und sagt: „Das Magnesium kann der Körper so nicht aufnehmen.“ Ich so: „Hm? Warum denn nicht?“ – „Weil das nur Magnesiumoxid darin ist. Das hat fast keine Bioverfügbarkeit.“ – „Aber ich nehme das eigentlich immer und fühle mich danach besser.“ – „Kann Placebo-Effekt sein“. – Schon möglich.“

Er sagt, er kenne sich da ein bisschen aus. Seine Schwägerin wäre auch Internistin und hätte ihm zu anderem Magnesium geraten. Es gäbe da eins beim dm mit Magnesiumcitrat, was der Körper viel besser aufnehmen könne. Wäre meine Entscheidung, klar, aber das Taxofit-Zeug wäre ja recht teuer dafür dass es dann gar nicht helfe.

Ich überlege noch einen kurzen Moment. Dann lasse ich das Taxofit-Zeug tatsächlich stehen, bedanke mich mehrmals bei dem Mann, google später die verschiedenen Magnesium-Präparate und kaufe am Abend beim dm das genannte mit Magnesiumcitrat.

Ganz ehrlich? Man redet im Supermarkt viel zu wenig miteinander. Ich fand das jetzt ungewöhnlich, aber ungemein hilfreich. Muss ich jetzt nicht bei allem haben, was ich kaufen will („Sie kaufen Schokolade? Oh, das würde ich lassen. Da übersteigt der Zucker einer Tafel schon den täglichen Höchstwert“). Aber ist mir doch lieber, als wenn jeder da nur für sich sein Ding und sich niemand füreinander interessiert. Danke, Magnesium-Mann!

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Gravenhurst: The Velvet Cell

Beim Aufräumen alter Daten wiederentdeckt. Enjoy!

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Yeah

Die Sache mit dieser Selbstakzeptanz

Seit etwa Anfang des Jahres habe ich immer mal wieder Phasen, die ungewöhnlich für mich sind. In denen…

  • Ich mir fast alles zutraue
  • Fast keine Angst vor irgendwas habe
  • Völlig in mir selbst ruhe
  • Superentspannt bin
  • Mich nicht ständig selbst hinterfrage
  • Den Tag so gestalte, wie ich gerne möchte
  • Es mir egal ist, was andere von mir denken
  • In denen ich niemanden brauche, um glücklich zu sein
  • Schon gar keine Partnerschaft
  • Pannen und Probleme zwar passieren, aber mich nicht tangieren
  • Ich aus mir heraus lächele und einfach positiv gestimmt bin
  • Was dann auch auf andere wirkt, die dann zurücklächeln
  • Ich andere mit meinen Ideen mitreißen kann

Dann schmiede ich Pläne, die ich mir sonst nicht zutraue, etwa, jetzt doch mal um die Welt zu reisen. Normal schrecke ich davor zurück vor allem aus Angst vor Einsamkeit unterwegs. Aktuell überhaupt nicht.

Zweimal hatte ich diesen Anflug schon, und einige Tage später war das wieder vorbei. Diesmal hält es schon eine ganze Weile. Wenn ihr mich fragt, was das ist, würde ich sagen: ein gesundes Selbstbewusstsein, das mit Selbstannahme einher geht.

So ungefähr, stelle ich mir vor, kann das funktionieren mit einem glücklichen Leben, so könnte es Spaß machen, damit wäre auch der Welt gedient.

Nur hatte ich das irgendwie noch nie. Normal sind bei mir schreiend laute Selbstzweifel an allen Ecken und Enden die Regel. Wie ist denn das bei euch? Was ist da der Normalfall? Würde mich jetzt echt mal interessieren.

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AI

Ich finde es hochspannend, was die Großkonzerne gerade zum Thema KI raushauen. Es macht mittlerweile allen Anschein, als könnte es unseren Alltag verbessern und weit weniger Arbeitsplätze kosten, als mal befürchtet.

Googles Project Astra letzte Woche sah schon sehr vielversprechend aus:

Microsofts Recall auf den neuen Copilot+-PCs gestern dann auch:

Und dann noch OpenAIs GPT-4o:

Problem ist hier nur, dass die Stimme „Sky“ doch etwas sehr nach Scarlett Johansson klingt, sogar das leicht heisere, das Scarlett in der Stimme hat. Die Stimme und vor allem die wahnsinnig gute Umsetzung der Sprachsteuerung erinnerten nicht wenige an den 2013er-Film „Her“ von Spike Jonze, in dem sich Joaquin Phoenix in die KI-Stimme von Scarlett Johansson verliebt (obwohl er auch Amy Adams in echt haben könnte 🙄):

Zehn Jahre später Realität geworden. Schon klein bisschen gruselig. Ich war schon von der Sprachsteuerung der ChatGPT-App mit der 3.5-Version begeistert, auch wenn ich da mit nem Dude spreche, der aber auch so Nachdenk-Ähs einbaut und damit täuschend echt klingt. GPT-4o soll das jetzt also noch besser hinkriegen. Ich würde es gerne mal ausprobieren, aber seit dem Upgrade kommt bei mir keine Verbindung mehr zustande.

Scarlett Johansson ist auch nicht amused. Zumal OpenAI sie wohl vergangenen Herbst kontaktiert hatte, um der KI ihre Stimme zu verleihen und sie abgelehnt hatte.