Schadet nichts, cool zu sein. Ich war es aber noch nie. Vielleicht letztmalig so halb in der Grundschule, definitiv nicht in der Jugend und danach sowieso nicht.
Was auch an meinen Hobbys liegt. Ich gehe lieber auf ein Bier in eine schäbbige Kneipe statt auf die Goa-Party, praktiziere Ukulele statt E-Gitarre, Tischtennis statt Paragliding.
Doch, halt, stop! Tischtennis ist gerade cool. Es gab Zeiten, da habe ich mein Lieblingshobby so ein bisschen versteckt, lieber niemanden davon erzählt, dass ich das mache. Ist halt kein Bouldern, Scuba Diving, Surfen oder Fallschirmspringen. Tischtennis ist der sicherste Sport der Welt, ohne Adrenalin (wobei…), nicht körperlich, drinnen gespielt, wo es nie kalt wird (außer in der Lessenicher Mehrzweckhalle im Winter) und man vor schädlichen Umwelteinflüssen geschützt ist.
Dann aber hast du die letzten Jahre schon gemerkt, dass sich da etwas gewandelt hat. Freunde, die gerne in New York sind, erzählten mir von Underground-Partys, auf denen die Hipster Ping-Pong spielen würden (ich konnte es nicht glauben), während Corona entdeckten viele Leute in hippen Metropolen Outdoor-Platten für sich, auf Social Media gingen Videos atemberaubender Spielzüge viral (am epischsten wahrscheinlich der hier mit 171 Millionen Views auf YouTube Shorts) und zumindest das Gerücht kam auf, die NASA hätte Tischtennis zum komplexesten Sport der Welt erklärt (ist aber ein Gerücht, eine solche Rangliste gibt es nicht wirklich).
Und jetzt gibt es einen Spielfilm, eine teure Hollywood-Produktion über den Tischtennis-Star Marty Reisman der späten 1940er und frühen 1950er-Jahre namens Marty Supreme (mehrere Oscar-Nominierungen, unter anderem für den besten Film und besten Hauptdarsteller). Verfilmt mit Gwyneth Paltrow und niemand Geringerem als Hollywoods derzeit wohl gefeiertstem Star Timothée Chalamet. Ihr wisst schon, dem aus Dune, Wonka, The French Dispatch, der aber in Like A Complete Unknown auch Bob Dylan war und dafür jahrelang Gesangs- und Gitarrenunterricht genommen hat. Und acht Jahre lang Tischtennis trainiert haben soll, um sich auf seine Rolle in Marty Surpreme vorzubereiten. Sieht gut aus!
Und, tja, damit ist Tischtennis wohl endgültig im Mainstream angekommen. Geholfen hat hier sicher auch, dass es seit 2021 vom Weltverband die sogenannten WTT-Turniere gibt, die ATP-Turnieren beim Tennis gleichen, mit Hundertauenden als Preisgeld dotiert sind und den Sport deutlich professionalisiert haben. Bekannt wurde Tischtennis vielen Deutschen auch dadurch ;), dass Tischtennis-Legende Timo Boll (der in einer chinesisch dominierten Konkurrenz kurzzeitig Weltranglistenerster war) bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio Fahnenträger der deutschen Mannschaft war.
Und wer hat’s gespielt, bevor es cool war? 🙂 Ja nun…
Und langsam kommt die Erinnerung zurück, wie ich in Singapur mit den Locals unter Hochhäusern Tische und Banden aufgebaut und dort geklickt habe, bevor wir oft noch ins nächste Hawker Center eine leckere Kleinigkeit essen sind. Das war, rein wörtlich genommen, kein Underground-Tischtennis, wir waren im Erdgeschoss. 😉 Und alles völlig legal, aber definitiv improvisiert, nicht immer gerne gesehen von den Nachbarn (wir waren laut) und eine eingeschworene Gemeinschaft.
Wie ich in Bonn vor Jahren einmal zu spät auf die Geburtstagsparty meiner besten Freundin kam, weil wir an dem Abend ein wichtiges Aufstiegsspiel hatten, das ich nicht absagen konnte, das wir aber verloren, und wo ich später auf der Party mit ansehen musste, wie sich das Mädel, an dem ich zu der Zeit sehr interessiert war, längst blendend mit einem anderen Partygast verstand und später von ihm nach Hause gefahren wurde… Ja nun…
Wie ich für mein Alter so uncoole Sachen letztendlich gar nicht mache, wenn man es sich genau überlegt. Freiberuflich, Blogger von Beruf, coole Altbauwohnung in einer der hipsten Städte Deutschlands (no shit!), Workation in Portugal, letztes Wochenende Hamburg. Und mir zunehmend egal ist, was andere von mir denken, ohne mich dabei sozial abzukapseln. Langsam wird ja sogar Ukulelespielen cool. Wer hat damit noch gleich schon 2017 angefangen? 😉
Okay, okay, und im gleichen Moment, an dem man sich für cool hält, ist man es nicht mehr. Also höre ich jetzt besser wieder damit auf und kümmere mich um was immer mir gerade Spaß macht.















