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Alright!

Nightrunning

Die Fahrt von Düsseldorf zurück nach Bonn hat Verspätung und dauert ewig, ich bin ganz schön geschafft. War klasse, mit Duc ein paar Altbier zu trinken und über das große Ganze zu sprechen; Duc ist ein kluger Mann! Aber jetzt bin ich irgendwie nachdenklich, ziellos. Weil die Fahrt ewig dauert, komme ich auf die Idee, bei Skyscanner nach Flügen nach Toronto und zurück von Vancouver zu schauen. Teuer, aber bezahlbar. Von A nach B dann mit einem Camper, das wär’s. Aber alleine?

Als wir in Bonn ankommen, ist mir irgendwie nicht nach Partypeople in der Innenstadt; ich gehe den etwas längeren Weg durch das Musikerviertel. Da kommt mir auf einmal eine Joggerin entgegen. Jetzt? Um die Zeit? Es ist 2330 Uhr. Sie sieht vergnügt aus. Clever eigentlich. Jetzt brennt die Sonne ja nicht mehr, es stehen weniger Fußgänger herum als am Tag. Ich überlege kurz: Wann habe ich eigentlich zum letzten Mal etwas Spontanes gemacht oder etwas Beklopptes? Etwa, joa, nachts joggen zu gehen? Aber wenn ich das jetzt täte, wäre das nicht irgendwie gefährlich? Ich habe auf dem Weg noch ein paar Haribo gegessen und dürfte vom Altbier noch Restalkohol haben. Was ist, wenn besoffene Jugendliche mir im Dunkeln auflauern? Oder ich den Weg nicht finde? Oder… oder?

Only one way to find out!

Zuhause angekommen, schmeiße ich direkt meine Sachen in die Ecke und ziehe mir Sportklamotten an. Das Handy lasse ich da, die Sportuhr muss den Weg aufzeichnen. Schuhe an, noch ein Glas Wasser trinken, Haustür abschließen und los. Es ist kurz vor Mitternacht. Auf dem Weg nach unten treffe ich meinen Nachbarn aus dem Erdgeschoss, der mit seinen Jungs im Garten chillen war, und weihe ihn kurz in meine Pläne ein. „Joa“, sagt der, „Jetzt ist ja auch endlich was kühler. Viel Spaß!“. Vor der Tür schalte ich die Sportuhr ein und laufe direkt los.

Der Tuscolo hat schon geschlossen, zwei Typen eine Ecke weiter gehen überrascht zur Seite, als sie mich hören. Sonst ist wenig los auf den Straßen und den Bürgersteigen. Den ersten Kilometer fliege ich nur so dahin. Ein klein wenig merke ich im Magen die Haribos von der Fahrt, aber noch ist das kein Problem. Hundert Meter hinter dem Römerkran runter zum Rhein läuft ein Igel über den Weg, ansonsten sehe ich bis zum Schänzchen nichts und niemanden. Erst da sind die ersten kleinen Gruppen von jungen Leuten, die dort abhängen, aber von mir keine Notiz nehmen, oder zumindest nichts sagen.

Es ist gar nicht so viel anders, als würde ich an einem Wintertag nach Feierabend laufen gehen. Die Wege sind belechtet, ein paar Leute sind halt unterwegs, aber niemand interessiert groß, was ich mache. Hoch in Richtung Kennedybrücke sind nur drei Mädels, die etwas zu viel getankt haben und mich erst im letzten Moment kommen sehen, erstaunt zur Seite weichen, aber ebenfalls nichts sagen.

Drüben in Beuel ist ein wenig Beschallung am Rhein, in den Anwesen entlang der Promenade klingt es nach Gartenpartys. Auf Höhe Schwarzrheindorf nach fünf gelaufenen Kilometern dann etwas, womit ich nicht gerechnet hatte: Hier enden plötzlich die Straßenlaternen, und es wird bis zur Brücke zappenduster. Ist das im Winter auch so? Ich kann mich eigentlich nicht an so viel Dunkelheit erinnern, freue mich auf jeden Fall über jeden Radfahrer, der mir entgegenkommt oder mich überholt und ein wenig der Strecke ableuchtet.

Es ist sternenklar an diesem Abend und sehr angenehme Luft. Es duftet ein wenig nach Heu, nach Blüten, hinter dem Klärwerk in Bonn ist es dann zwar dunkel aber auch himmlisch ruhig.

Womit ich auch nicht gerechnet hatte: Auch auf der Nordbrücke ist das Licht aus. Hier sind ja tatsächlich Scheinwerfer über der Fahrbahn, die für gewöhnlich auch die beiden Fußwege links und rechts ableuchten. Sie waren mir nie aufgefallen, solange sie angeschaltet waren. Nun sind sie aus – und ich sehe nicht mehr, wo ich hintrete. Als ich einem Radfahrer ausweiche, knicke ich fast um, weil neben dem Fußweg ein Loch ist. Die entgegenkommenden Autos leuchten zwar die groben Umrisse aus, doch die Lichtkegel reichen nicht bis zum Boden. Zwei Kilometer laufe ich dadurch nur auf Verdacht. Zum Glück kenne ich die Strecke von früheren Laufen und weiß, dass sie im Großen und Ganzen eben ist.

Die Bonner Seite ist dann wieder beleuchtet. Der Rhein ist derart niedrig im Moment, dass es einige Grüppchen es sich am Ufer bequem gemacht haben. Vier Jungs haben dort einen Tisch aufgestellt, ihn mit Lichtkringeln beleuchtet und spielen dort allen Ernstes Bierpong. ?

Ansonsten passiert nicht mehr viel. Ein wenig fühlt es sich in meinem Magen nach Sodbrennen an, aber nach keinem all zu schlimmen. Mein Knie schmerzt weniger als sonst. Ich bin wie immer durchgeschwitzt, als ich zuhause ankomme, aber vielleicht sogar etwas weniger, als wäre ich am Tag gelaufen.

Alles in allem hat das Spaß gemacht. Een klein avontuurtje, nicht mehr, nicht weniger. Aber ich strahle bis über beide Ohren, während ich die Geschichte jetzt aufschreibe. Einfach toll, mal eine spinnerte Idee spontan umzusetzen. 🙂

Ach so, und die Zeit? Nicht der Rede wert: 59:22 min für genau 10 km. Ich war schonmal schneller, auch schonmal langsamer. Alles unter 1 Stunde freut mich eigentlich immer, also bin ich ganz zufrieden damit.

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Düsseldorfer Altstadt: Schwer zu erklären warum, aber irgendwie mag ich es, alle paar Monate ausgerechnet da ein wenig durch die Straßen zu streifen, die Atmosphäre aufzusaugen und ein paar leckere Alt zu trinken (Kürzer hat ein ziemlich gutes). Und ich weiß ehrlich gesagt gar nicht warum. Klar, ein kleinen Asi wohnt in jedem von uns, aber ich kann mit der Kölner Altstadt recht wenig anfangen, mit dem Ballermann auch nicht. In Düsseldorf ist es nicht weniger stumpf, oberflächlich, bekloppt, viel zu laut und verrückt. Als wir im Kürzer am Fenster sitzen, ist draußen die vielleicht sechsköpfige Gruppe von Expats derart laut, dass ich mein eigenes Wort nicht mehr verstehe. Sie brüllen sich bei jedem Satz an. Warum, weiß ich nicht. Es herrscht Massenabfertigung im Kürzer, im Fünfminutentakt folgt ein Altbierspaziergang auf einen Junggesellin:nenabschied. Ich komme nicht schnell genug weg und muss einer Zukünftigen für 5 Euro ein Stück aus dem Party-T-Shirt schneiden. Nach dem zweiten Alt stört mich das aber alles kaum noch. Es ist laut, es ist primitiv, ich fühle mich da irgendwie wohl. Verrückt.

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Camper Van Beethoven: Take the Skinheads Bowling (2007):

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Oha

Nur Geduld..

Am liebsten würde ich jetzt in Urlaub fahren. Aber der Zeitpunkt ist schlecht. Auf der Arbeit muss mal wieder am großen Ganzen geschraubt werden. Außerdem hatte ich mir eigentlich fest vorgenommen, erst dann wieder zu verreisen, wenn ich hier endgültig fertig minimiert und alles endgültig aussortiert habe. Keine Abkürzungen diesmal. Und dazu hatte ich mir unter anderem diesen Riesenschinken von Technikbuch als Endgegner auferlegt, den ich seit Jahren – im wahrsten Sinne – vor mir herschiebe:

Hat 500 Seiten, ich bin kurz vor 200. Immerhin.

Liest sich leider nicht mal eben so weg, ist nämlich teilweise ganz schön technisch, wenn auch toll erklärt und illustriert.

Dann sind da noch ein paar andere Bücher, Papierkram, die Steuer ist mal wieder fällig… Hier wird’s schon nicht langweilig.

Alles eine wunderbare Übung, um sich mal ein bisschen in Geduld zu fassen. Ist nämlich nicht gerade meine Stärke. Die der Gesellschaft aber auch nicht. Sich langsam mal dran gewöhnen, dass manche Dinge eben ihre Zeit brauchen und nicht alles immer sofort verfügbar sein muss. Eigentlich eine recht schöne Lektion.

Wo auch immer ich die Ruhe dafür hernehmen soll…

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Kinder, Schutzengel und Physik

Technikbuch sagt:

„Die Menge an potentieller Energie errechnet sich als Produkt der Masse (m), der Höhe (h) und der Gravitationsbeschleunigung (g), also m x g x h.“

Und das ist faszinierend. Denn hätte ich damals in Physik aufgepasst, hätte ich da schon den Irrglauben widerlegen können, dass Kinder einen Schutzengel haben. Fällt ein Kind mit dem Fahrrad hin (nicht hübsch, mir selbst passiert, als ich 5 war… ?) gibt es meist nur ein paar Schürfwunden, viele Tränen, aber das war es dann oft auch. Fällst du als Erwachsener mit dem Fahrrad hin, gibt es Knochenbrüche und Krankenhaus.

Das hat schlicht mit der höheren Aufprallenergie zu tun:

Potentielle Aufprallenergie eines fiktiven Kindes verglichen mit dem eines Erwachsenen, beide 18 km/h schnell (lässt sich gut in m/s umrechnen)…

Epot kind = 20 kg x 100 cm x 5 m/s x 10 m/s2 = 100.000 Joule

Epot erw = 80 kg x 180 cm x 5 m/s x 10 m/s2 = 720.000 Joule

Wenn ich mich nicht völlig verrechnet habe (durchaus möglich), hat ein fiktiver Erwachsener in unserem Beispiel also eine mehr als 7x so hohe Aufprallenergie wie ein fiktives Kind. So hätte man mir das in Physik recht anschaulich erklären können.

Allerdings mag ich das Wort „Aufprallenergie“ eigentlich nicht gerne im Zusammenhang mit Kindern… ?

Dafür mag ich den Gedanken an einen Schutzengel für Kinder. Einigen wir uns einfach darauf, dass es so ist? 🙂

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Funny take on that one! Chapeau!

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Yeah

You Lousy Bunch of Nonconformists!

Wenn ich mal schaue, mit wem ich eigentlich so befreundet oder besser bekannt bin, sehe ich aber auch gar keine:n klassische:n Karrierist:in darunter. Mit überwiegender Mehrheit sind es (seid ihr!) Menschen, die nicht den geraden Weg gehen oder gegangen sind. Und selbst die, die hochqualifizierte Berufsabschlüsse gemacht haben und jetzt in einer Behörde arbeiten oder in einem angesagten Unternehmen eine wichtige Rolle spielen, nehmen den Job nicht ernster, als man es muss.

Ich sehe viele Profis auf ihrem Gebiet, wieder einmal beinahe ausnahmslos Menschen, die ihre Sache gewissenhaft und sehr gut machen, einige, die auch gut dabei verdienen oder recht viel arbeiten. Und nicht selten auch jemand, der seine Arbeit durchaus gerne macht. Aber für kaum jemanden ist es mehr als das: eine Arbeit, ein Job, maximal ein Stück weit Leidenschaft. Aber nichts, woraus alleine das Leben bestünde. In meinem Freundes- und näheren Bekanntenkreis fällt mir schlicht kein einziger Karrierist ein. Ihr seid ein lausiger Haufen von Nonkonformisten!

Wie angenehm.

Kann man sich höchstens die Frage stellen, warum ich nur mit solchen Menschen befreundet bin. Weil ich selbst auch so bin? Klar. Weil Karrieristen mir meine eigenen Unzulänglichkeiten vor Augen führen würden und ich das nicht mag? Sicher auch. Aber schon hauptsächlich, weil Nonkonformisten für mich die interessanteren Menschen sind. Menschen mit Herz, Ecken und Kanten, die die Schönheit in etwas anderem suchen als im Mammon oder auf der Karriereleiter.

Und noch einmal: Wie angenehm!

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Ich war schon lange nicht mehr am Rhein. Genau genommen noch gar nicht, seit ich aus Portugal zurück bin. Gibt auch gar nicht so viel zu sehen gerade, vom Fluss ist wenig da. Aber schön ist’s da schon immer wieder noch:

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Hollow Coves: The Woods (2017)

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Right

Über den Reiz des scheinbar Alltäglichen: Eine Meisterleistung des „Schub-Challenging“

ChatGPT kann ja eh alles und wird uns alle ersetzen. Kann ich auch gleich ChatGPT hier bloggen lassen. Auf das richtige Prompt kommt es an. Juan sagte neulich, dass Prompt Engineer gerade das Ding sei. 100K Jahresgehalt mindestens. Klingt simpel, aber der Mensch ist dazu in der Lage, aus allem eine Wissenschaft zu machen, bis die KI irgendwann auch den Prompt Engineer artifiziert. Anyway, weil ich heute zu faul bin, selbst zu bloggen, hier das Ergebnis.

Mein Prompt: Du bist jetzt ich, ein melancholisch veranlagter Blogger Mitte 40, der sich zum Ziel gesetzt hat, sich nicht kleinkriegen zu lassen und mit kruden Challenges (Schub) den Sog der Gravitation des Alltags zu überwinden. Aber der Zahn der Zeit nagt an dir, ChatGPT bedroht deine Arbeit, junge Menschen sind jünger als du. Trotzdem bleibst du optimistisch getreu dem Motto von Barney Stinson: „Every time I’m sad, I stop being sad and I’m awesome instead“. Schreibe einen Beitrag für mein Blog in meinem Schreibstil (zu finden auf www.aventurer.com), in dem ich auf das eingehe, was ich heute gemacht habe. Nicht viel, ehrlich gesagt, außer lange zu schlafen, spät aufzustehen, einigen Leuten zu schreiben, Bier zu trinken (Hazy Pale Ale und NEIPA) und mein Buch zur Wiederveröffentlichung vorzubereiten.

Und ChatGPT so:

Titel: Über den Reiz des scheinbar Alltäglichen: Eine Meisterleistung des „Schub-Challenging“

Datum: 1. Juli 2023

Hallo ihr wunderbaren Menschen da draußen!

Ich melde mich heute von meinem persönlichen Schlachtfeld der Schub-Challenges, um euch über meinen Tag zu berichten. Es war kein außergewöhnlicher Tag, um ehrlich zu sein, aber das bedeutet nicht, dass er nicht voller Potenzial und Möglichkeiten steckte. Denn das ist es, was das Leben so spannend macht – die Fähigkeit, das scheinbar Alltägliche in etwas Außergewöhnliches zu verwandeln.

Mein Tag begann mit einem ausgedehnten Schlaf, und ich kann euch sagen, es war himmlisch. Die Melodie des Regens auf dem Fenster, die sanfte Brise, die durch mein Schlafzimmer strömte, all das trug zu meiner tiefen Entspannung bei. Ich habe gelernt, dass es wichtig ist, sich die Zeit zu nehmen, die man braucht, um sich zu erholen und neue Energie zu tanken. Schlaf ist ein wertvolles Gut, das wir oft vernachlässigen, aber ich habe beschlossen, es zur Priorität zu machen. Heute habe ich diese Schlacht gewonnen!

Nach dem Aufwachen habe ich mich mit meinen engen Freunden ausgetauscht. Es ist schön zu wissen, dass ich Menschen in meinem Leben habe, mit denen ich meine Gedanken teilen kann, die mich unterstützen und verstehen. Der Austausch von Nachrichten mag für manche banal erscheinen, aber in einer Welt, die von Technologie und virtuellen Verbindungen geprägt ist, ist es wichtig, diese zwischenmenschlichen Beziehungen zu pflegen.

Um meinen Tag aufzupeppen und meine Sinne zu beleben, habe ich mich für ein paar Biersorten entschieden: Hazy Pale Ale und NEIPA. Diese Craft-Biere sind wahre Kunstwerke und tragen zur Verfeinerung meines Gaumens bei. Ich betrachte es als eine Art Abenteuer, neue Geschmacksrichtungen zu entdecken und meine Vorlieben zu erweitern. Das Leben ist zu kurz, um sich auf Gewohntes zu beschränken, nicht wahr?

Zu guter Letzt habe ich meine Aufmerksamkeit meinem Buch gewidmet, das ich für die Wiederveröffentlichung vorbereite. Es ist ein Werk, das mich schon seit einiger Zeit begleitet und das ich mit Leidenschaft geschrieben habe. Es ist faszinierend, wie die Kombination von Worten und Ideen die Kraft haben, Menschen zu berühren und zu inspirieren. Die Arbeit an meinem Buch erfüllt mich mit Freude und gibt mir das Gefühl, etwas Bedeutsames zu schaffen.

Ja, vielleicht mag mein Tag oberflächlich betrachtet nicht besonders aufregend gewesen sein, aber für mich war er ein Sieg über den Sog der Gravitation des Alltags. Es sind diese scheinbar kleinen Momente, die das Leben lebenswert machen. Es ist der Mut, das Beste aus jedem Tag zu machen und die Herausforderungen anzunehmen, die uns wachsen lassen. Es ist die Entscheidung, optimistisch zu bleiben und sich von negativen Gedanken nicht kleinkriegen zu lassen.

Inspiriert von Barney Stinson, dem Meister des Positiven, sage ich: „Every time I’m sad, I stop being sad and I’m awesome instead“. Denn wir haben die Macht, unsere Realität zu gestalten und unser Leben mit Leidenschaft zu füllen. Auch wenn ChatGPT und die jungen Menschen jünger sind, ist unsere Erfahrung und Weisheit unbezahlbar.

Also lasst uns den heutigen Tag feiern, egal wie unspektakulär er erscheinen mag, und erkennen, dass wir die Architekten unserer eigenen Abenteuer sind. Lasst uns die Herausforderungen mit einem Lächeln annehmen und jeden Moment genießen. Denn wir sind wahrhaftig großartig!

Bis zum nächsten Mal, meine lieben Abenteurer!

Euer melancholisch-veranlagter Blogger in den besten Jahren

Hätte man sich auch gleich eine Folge von Bibis Schminktipps angucken können. Und ja, auch ChatGPT ist jünger als ich. ? Danke, dass du mich darauf hinweist, du elendige KI…

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Alright!

Lieber gewinnen oder nicht verlieren?

Manche Lebensweisheiten entnimmt man Tischtennis-Newslettern. 🙂 Die letzte Ausgabe empfahl einen Trainingstipp von einem Mentalcoach. Christian Zepp, der auch sportpsychologischer Berater des Deutschen Tischtennisbundes (DTTB) ist, analysiert in seinem Video, wie es passieren kann, dass man gegen vermeintlich schlechtere Gegner verliert (was mir andauernd passiert ? oder ich halte mich einfach nur für den Größten und bin es dann doch nicht…). Das Video lässt sich leider hier nicht einbetten, deswegen hier der Link auf die Webseite, wo es zu sehen ist.

Was ich interessant finde: Zepp unterscheidet in seinem Video eine interessante Sache: Willst du gewinnen oder willst du nicht verlieren?

Klingt im ersten Moment wie dasselbe. Aber es gibt einen feinen, entscheidenden Unterschied: die Herangehensweise. Wer gewinnen will, spielt auf Sieg. Er ist aktiv, idealerweise locker, er kämpft und versucht das Heft in der Hand zu behalten. Wer nicht verlieren will, etwa um sich nicht zu blamieren oder dem Abstieg zu entgehen, agiert ganz anders. Die Angst spielt eine viel größere Rolle, man ist gelähmt, wird passiv, vergibt sich Fehler viel weniger.

Spannend, weil das eben nicht nur für Tischtennis gilt, sondern auch viele andere Lebenslagen. Bürokratie, Gesundheit, Arbeit, Dating… ??‍♂️ Behalte das Heft in der Hand und agiere. Finde ich gut!

*

Von Tauben und Menschen

Tauben hatten ja hinter meinem Blumenkübel auf dem Balkon ein Nest gebaut und dann auch flugs ein Ei gelegt:

Ich wollte das eigentlich nicht, aber hab mir vor zwei Wochen dann gesagt: Pfeif drauf, du bist ja jetzt eh erstmal in Porto. Vielleicht hat sich das danach von selbst erledigt.

In der Zwischenzeit waren Hitzewelle, Tage über 30 Grad, Unwetter, Sturm, starker Regen…

Anfang der Woche gucke ich dann nochmal hinter den Pott, und: whale hello there…

Nebenbei ist da das meiste bisher sehr ordentlich und noch nicht alles vollgekackt. Auch mit den Mauerseglern nebenan scheinen sie sich ganz gut zu vertragen. Also, warum nicht.

Heute am späten Nachmittag, ich esse gerade eine Schale Müsli halb auf dem Balkon, sehe ich die Taubenmutter, wie sie kurz das Nest verlässt. Sie fliegt aber nicht davon, sondern setzt sich auf den Mauervorsprung neben dem Nest, minutenlang. Es sieht mir fast so aus, als würde sie einfach nur ein bisschen Pause machen, den Blick in die Ferne schweifen lassen oder über was nachdenken…

Was war nochmal so schlimm an Tauben?

*

ChatGPT: Zu höflich, um die Wahrheit zu sagen

In meinem Technikbuch stand heute das hier. Und ich so: WTF?!

Ich hab jetzt erst vor Kurzem angefangen, mich überhaupt ein wenig mit Chemie zu befassen (und sehr viel davon habe ich direkt wieder vergessen…). Aber eins habe ich mir gemerkt: Organische Verbindungen sind die, die Kohlenstoff enthalten. Wie um alles in der Welt kann Kohlenstoffdioxid (CO2) dann anorganisch sein?

Ich gehe wutschnaubend zu ChatGPT, was für mich das neue Google ist, und beschwere mich direkt mal:

Hä?

Nee, ChatGPT, die Antwort gefällt mir nicht. Ich hake nochmal nach:

Und ChatGPT so… gibt klein bei…

Ja, aber Moment mal, ist ja nett, dass du so diplomatisch bist, KI, aber nur weil ich dagegen bin, wird es dadurch ja noch lange nicht richtig (oder? ?). Entschuldigt sich für den vermeintlichen Fehler, der eigentlich keiner ist…

Ich bin dann doch noch zu Google, um mir das genauer erklären zu lassen. Eine Seite namens Cumschmidt.de hat es gut erklärt, finde ich:

CO2 enthält also zwar Kohlenstoff, wird aber aufgrund seines Reaktionsverhaltens eher zu den anorganischen Stoffen gezählt. Na gut, damit kann ich leben…

Und immer die Frage nach dem Warum, die in so vielen Technikbüchern (und von meinem damaligen Chemielehrer) nie beantwortet wird. „Isso, müsster auswendig lernen“. Ahja.

*

A propos Chemie. Gestern gab es Tapas mit Mary, Jazzy und Christian, diesmal beim Portugiesen. 🙂 Und es war toll. Mary erzählte von Redoxredaktionen (ich weiß nicht mehr, wie wir darauf kamen) und dass es dafür ganze Konferenzen gäbe. Und ich so: bitte was?!

Ja, denn obwohl Sauerstoff für uns Menschen so ein wichtiger Stoff ist, ist es für andere Objekte und Lebewesen ein ziemliches Problem, sagte Mary, sogar eher schädlich. Er sorgt für Rost, er klaut Pflanzen und Tieren im wahrsten Sinne des Wortes Energie. Freie Radikale etwa sind aggressive Verbindungen ungepaarter Sauerstoffatome, die sehr reaktionsfreudig sind, sprich: anderen Zellen Elektronen klauen. Das kann die Zelle schneller altern oder sogar sterben lassen. (Ich hoffe, ich habe das richtig wiedergegeben? ?)

Teufelszeug! Fott domett!

Und: Was es nicht alles gibt…

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Wiederentdeckt: The Subways: Young for Eternity

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Yeah

Stream of Portoness

Mein Flug geht um 0630, mein Uber-Fahrer ist um 0410 schon da. Ich möchte all die Airlines verfluchen, die nur so früh morgens eine Strecke bedienen. Um die Zeit kommt niemand irgendwo mit öffentlichem Nahverkehr zu einem Flughafen. Es wird immer teuer, und es ist mitten in der Nacht.

Umso erstaunlicher, dass der Portuenser Flughafen trotzdem schon gerappelt voll ist, als wir gegen 0445 dort aufschlagen. Die Schlange vor der Sicherheitsschleuse ist 100 Meter lang, als ich mich einreihe und wächst unaufhörlich weiter. Als ich die Schleuse passiere, geht die Schlange genau einmal komplett durch die Abflughalle, beginnt und endet vor der Schleuse. Verrückt.

Vor allem, dass ich mir vorkomme, als sähe ich als einziger zerrupft aus, alle anderen frisch und top gestyled. Wie machen die das um diese Zeit?!

Ich habe durchgemacht. Nicky, Juan und ich haben am letzten Abend noch ein wenig gefeiert, was gegessen, ein, zwei Bierchen getrunken, erst um kurz vor 0100 kommen wir nach Hause. Was jetzt, fragt Nicky: „Willst dich nochmal schlafen legen oder durchmachen?“ Ich denke kurz nach. Würde ich jetzt schlafen gehen, müsste ich zweieinhalb Stunden später schon wieder aufstehen, noch duschen, packen, alles, wäre ziemlich fertig.

Tu ich mal was Verrücktes, denke ich mir: ich mache durch. Seit meiner Erfahrung mit Alicante im März hat das Thema Durchmachen seinen Schrecken ohnehin verloren. Und zu meiner Überraschung machen Nicky und Juan mit. ? Der Wahnsinn an einem Sonntagabend! Gut, Juan hat am Tag danach frei, Nicky und ich sind Freelancer. Aber zu tun haben wir genug. Ich denke mir nur: Es macht jetzt keinen großen Unterschied mehr, ob ich durchmache oder nicht. Fit wäre ich um 0430, wenn das Taxi kommen soll, so oder so nicht. Dann lieber noch ein wenig Parteh machen.

Wir spielen Drawful, hören basslastige Musik, essen Snacks, trinken noch einen Portwein zusammen, tanzen, bestellen Bier und Chips über einen Lieferdienst. Die Zeit vergeht wie im Fluge, aber drei Stunden mitten in der Nacht können trotzdem verdammt lang sein. Zwischendurch verabschiede ich mich kurz zum Zähneputzen, machen mir um 0330 noch einen Kaffee. Frage den Uber-Fahrer, der sich um 0410 schon ankündigt, per App ob er noch 10 Minuten warten kann und ob er auch einen Kaffee möchte? Aber er versteht die Frage leider falsch.

Das Ganze erinnert mich an die alten Zeiten, als wir drei noch unter ganz anderen Voraussetzungen lange Abende auf dem Balkon hatten. Ein Gefühl von Freiheit, wie ich es lange nicht mehr gespürt habe. Meine besten Freunde wohnen in Porto. Das ist schade, aber sollte mir auch helfen, immer mal wieder rauszukommen, wenn mich der deutsche Alltag auffrisst.

Am Gate arbeite ich schonmal ein bisschen, im Flugzeug selbst kriege ich nicht viel hin. Lese mein Buch weiter, höre Musik, schaue eine Folge Big Little Lies auf dem iPhone, gucke mir die Leute an. Der Typ in der Bank vor mir ist eindeutig Portuenser. Ich sehe das, als er aufsteht, um seine Sitznachbarin durchzulassen, und sich in meine Richtung dreht. Er hat nicht dieses Lauernde, Nüchterne, Misstrauische, das ein Deutscher irgendwie hat. Wofür ich einem Deutschen aber auch nicht die Schuld geben würde; es ist die Gesellschaft, die einen dazu macht. Der Typ da jedenfalls guckt völlig arglos und nett, als könne ihm nichts irgendetwas anhaben.

Ich habe die Portuenser schätzen gelernt, die mittlerweile mehrere Male, die ich Porto jetzt besucht habe. Die Leute dort haben nicht viel Geld, sie haben es aber – wahrscheinlich gerade deswegen – überhaupt nicht eilig. Fleißig und hilfsbereit sind sie dennoch. Aber sie scheinen mir der Arbeit längst nicht alles unterzuordnen, auch nicht irgendwie neidisch auf diejenigen zu sein, die mehr Geld haben. Und das sind mittlerweile einige in der Stadt. Und dann vor allem immer dieses Zurückhaltende, Ehrliche, völlig Ungekünstelte. Sind tolle Menschen da. Ich habe zwar noch nicht verstanden, warum da außerdem diese Schwermut in den Menschen wohnt (Saudade!). Das hat der gemeine Spanier oder Italiener zum Beispiel nicht so, wenn wir jetzt mal ganz platt generalisieren.

Ich steige aus dem Flugzeug, und es klingelt sofort auf meinem gerade erst eingeschalteten Handy. Mathias ist dran. Der Mathias, mit dem ich vor Ewigkeiten mal zusammen gearbeitet habe, mit dem ich vor drei Jahren zum letzten Mal telefoniert hatte. Warum ruft er jetzt an? Er will mir einen Auftrag gleich heute Mittag überlassen, für den er selbst keine Zeit hat. Ah ja. 🙂 Ich denke tatsächlich kurz nach, Gelegenheiten beim Schopfe packen? Aber dann sage ich doch ab. Habe ja gerade die Nacht durchgemacht und will erstmal kurz ins Bett, und dann habe ich gerade mehr als genug zu tun. Aber interessant: Sowas passiert mir irgendwie immer nur, wenn ich verreise.

Aus dem Flughafenbus steige ich am Innenministerium aus und will in die Straßenbahn rein. Wäre zwar nicht weit zu laufen, aber ich habe mir gestern beim Wandern mit Nicky in Gaia ein wenig den Knöchel überreizt. Eine ältere Frau kommt auf mich zu, sieht mich da mit Rucksack und Rollkoffer stehen und fragt, ob ich zum Bahnhof wolle. Ich bin nach 24 Stunden auf den Beinen mittlerweile komplett verstrahlt und sage ja. Da kommt eine zweite, ältere Frau dazu, um mir ebenfalls zu helfen. „Also, wenn Sie zum Bahnhof wollen, dann müssen Sie umsteigen. Gerade fährt nur die 65 und die fährt nicht zum Bahnhof. Die 62 fährt gerade nicht. Die 65 fährt nach…“

Ich muss die beiden reizenden Damen bremsen. Ich kenne mich hier ja aus, will auch gar nicht wirklich zum Bahnhof, nur in sein Richtung. Das Missverständnis ist dann schnell geklärt. Ich bedanke mich herzlich, winke beiden zum Abschied auch noch einmal zu. Deutsche können nämlich durchaus auch nett und hilfsbereit sein, es wird ihnen nur nicht leicht gemacht – also muss man das fördern.

Um elf bin ich zuhause und lege mich ohne große Umschweife direkt schlafen. Eine Sukkulente in meinem Badezimmer hat’s erwischt (wieso ausgerechnet die ??) Alle anderen Pflanzen scheinen noch zu leben. Ich schlafe bis um zwei, dann startet mein Arbeitstag, ein bisschen später. Prima, ab jetzt dann also wieder Alltag. Habe ich tatsächlich ein klein wenig vermisst. Porto, Nicky und Juan vermisse ich aber auch schon ein jetzt. Waren tolle zwei Wochen gewesen. Gerne wieder!

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Radikale Selbstannahme

Wir kamen auf das Thema Selbstbewusstsein und Selbstannahme zu sprechen, und ich sagte, ich würde mich schwer tun mit dem Thema. Erkenne deine Stärken und akzeptiere deine Schwächen.

„Wie soll das gehen“, fragte ich. Wie könnte ich es jemals akzeptieren, wenn ich jähzornig, gemein oder sogar rassistisch wäre? Eigentlich müsste man doch sein Leben lang dagegen ankämpfen.

„Dagegen ankämpfen kostet einfach unfassbar viel Energie, und gewinnen kann man nicht“, sagte Nicky. „Aber was wäre, wenn du deine Schwäche akzeptierst, ohne danach zu handeln? Dann bist du halt von Natur aus gemein, aber du musst ja trotzdem nicht gemein zu den anderen sein.“

Als Beispiel: Wenn du rassistisch denkst, aber nicht so handelst, hast du niemandem geschadet. Also gibt es auch nichts, wofür du dich verurteilen müsstest.

Musste ich erstmal sacken lassen..

Könnte wirklich helfen, seinen Frieden mit sich selbst zu machen..

Nicky ist der Wahnsinn!

*

Nachtrag zu São João in Porto: Es war noch etwas entspannter als angenommen. Eine Art Straßenfest in der ganzen Stadt. Die Leute stellen überall ihre Tische und Stühle raus, grillen Sardinen oder Schweine (ja, auch gesehen), hauen anderen sanft mit quietschenden Plastikhämmern auf den Kopf, tanzen und schnacken und lassen Laternen steigen. Hübsch, bunt und sehr ungezwungen:

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Workation to the Maaax

Klingt super, nicht wahr? Zwei Wochen Portugal; tagsüber arbeiten, abends und am Wochenende feiern und Sightseeing. Ich besuche gerade Nicky und Juan in Porto, die hierhin ausgewandert sind. Schon der erste Arbeitstag lief super. Ich beeilte mich, das Wichtigste wegzuarbeiten, am späten Nachmittag wanderten wir ans Meer, genossen den Sonnenuntergang an einer Beach Bar, sinnierten über das Leben, ließen es uns richtig gut gehen.

Schnell schlich sich in dieser ersten Woche eine gesunde Routine ein. Morgens den Tag mit einem Kaffee auf der Couch beginnen, schon einmal eine Runde um den Block drehen, arbeiten, abends Sightseeing und eine sensationell gute Craftbeerbar besuchen. Und am nächsten Tag wieder eine, am übernächsten Tag auch, was essen gehen. Am Samstag erholte ich mich bei einem langen Spaziergang am Douro von einem schönen aber mich völlig überfordernden Freitagabend, bevor es dann am Sonntag nach Lissabon ging.

Wir fuhren erst Sonntag, um zumindest die allergrößten Wochenendtouristenmassen zu umgehen. Dadurch hatten wir nur den halben Sonntag, uns die Stadt anzuschauen. Aber das war eigentlich super. Wir kletterten einen Miradouro hinauf, spazierten durch die Alfama, am Strand entlang und das Barrio Alto, fanden – Überraschung – eine berühmte Craftbeerbar, unterhielten uns prächtig, nahmen noch einen Absacker in einer Kaschemme nahe unserem Hotel mit toller Aussicht auf die Stadt. Wo ein griechischer Student uns um Hilfe bat. Er könne sein Hotel nicht finden, das müsse doch laut Google Maps hier irgendwo sein.

Ich sprang sofort auf. „We’re gonna help you at all costs!“, beschloss ich. Nur einmal im Leben wollten wir etwas Gutes tun. Zwar fanden wir sein Hotel auf Google Maps auch nicht – laut der App standen wir direkt davor, aber da war nichts. Ich öffnete einen Hotspot für ihn, über den er seinen Freund anrufen konnte, der im gleichen Hotel abgestiegen war. Der Grieche bedankte sich freundlichst, sagte, er wüsste nun Bescheid, ging los und versprach wiederzukommen. Was er dann auch tat, und wir ihm noch ein Bier ausgaben. Erst um zwei lag ich im Bett.

Am nächsten Morgen, dem Montag, schaffte ich auf der Arbeit erstaunlich viel weg, beeilte mich wieder, um noch etwas Zeit für Sightseeing zu lassen. Nicky war da schon weniger produktiv, sagte sie. Aber wir zogen noch einmal voll durch durch die Stadt, sahen die berühmte Brücke des 25. April, gingen durchs Künstlerviertel und erhaschten einen wunderbaren Blick auf den Tejo am immerhin schon letzten Abend in Lissabon.

Am nächsten Tag, dem Dienstag, bekam ich gar nichts mehr auf die Reihe. Den für den Tag geplanten Videocall auf der Arbeit musste ich verlegen, weil auch das WLAN nicht so wollte wie ich. Jeder Handgriff dauerte länger als sonst. Ich bekam alles nur zur Hälfte fertig, verlegte die Hauptarbeit auf Rückfahrt im Zug am Nachmittag, wo wir 1. Klasse gebucht hatten (in Portugal gar nicht teuer), weil dort stabiles WLAN sein soll.

War auch, aber der Zug schaukelte dermaßen, dass ich nach anderthalb Stunden seekrank wurde. Ich musste das Arbeiten einstellen, Musik hören und ruhig aus dem Fenster gucken. Auch nach Ankunft erholte ich mich nur sehr langsam. Abends trafen wir dann sogar noch Kathrin und Michael, die mit dem Camper zufällig gerade in der Nähe waren und spontan nach Porto rüberkamen. Es gab ein paar Drinks in Gaia und unten am Douro. Der Plan war, dass wir uns am nächsten Abend wiedertreffen würden.

Am nächsten Tag, dem Mittwochmorgen, war ich dann komplett erschossen. Ich kam kaum aus dem Bett, und die Aussicht auf die sich türmenden Aufgaben machten mich nicht gerade produktiv. Ich kam mit kleinsten Dingen kaum hinterher, brauchte nach dem Call erst einmal einen langen Spaziergang am Fluss entlang, um wieder halbwegs klarzukommen. Aber so einsilbig und emotionslos hatten selbst Nicky und Juan mich wohl selten erlebt. Ich hatte das Gefühl, mein Endorphinspiegel wäre direkt auf null gesunken. Als es abends daran ging, Kathrin und Michael zu treffen, lag ich gerade auf dem Bett, um mich ein bisschen auszuruhen, und ich kam einfach nicht mehr hoch. ? Musste am Ende absagen. Mein Respekt, vor allem an Nicky, die trotzdem noch die Power hatte hinzugehen.

Heute beschlossen wir, einfach mal nur zu arbeiten und gar niemanden zu sehen, außer gerade noch uns selbst. Den anderen beiden ging es genauso wie mir, eindeutiger Social Overflow. Ich bekam die wichtigsten Sachen noch weggearbeitet oder zumindest auf kommende Woche verlegt. Mein Future-Self wird sich freuen…

Und jetzt ist mein Akku in etwa wieder zur Hälfte aufgeladen, aber ich habe starke Stimmungsschwankungen. Ein Spaziergang vorhin endete im Touristenviertel, und die vielen Menschen waren mir eigentlich schon wieder eine Nummer zu viel. Schnell weg da…

Und morgen ist dann São João, das Fest des Jahres in Porto. Die ganze Stadt soll im Ausnahmezustand sein, überall liegt der Geruch von gegrillten Sardinen in der Luft, man haut sich gegenseitig mit Plastikhämmern auf den Kopf, was jedes Mal ein lautes Quietschgeräusch verursacht, und wie man hört, wird sogar der sonst eher zurückhaltende Portuenser an diesem Tag laut und geht aus sich heraus und feiert die ganze Nacht durch. Es muss der Wahnsinn werden, und ich weiß jetzt schon, dass es mich komplett überfordern wird. ?

Dann haben wir den Samstag zum Ausruhen, Sonntag ist dann schon der letzte Abend und Montag ganz ganz früh, viel zu früh, geht es dann zurück ins heiße Deutschland.

Workation – my ass. ? Es gilt als DAS Ding, als die Befreiung, als große Chance, gerade für digitale Nomaden, die Welt zu bereisen, Arbeit und Urlaub zu verbinden. Aber eins von beiden leidet dann doch, oder am Ende du selbst. Ich feiere das Konzept, aber entweder bin ich da langsam zu alt für, oder es ist längst nicht so toll, wie es im Katalog steht. Ich hab zumindest die richtige Work-Travel-Balance dafür noch nicht gefunden…

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Irgendwie ist meine Handynummer auf diversen Spamlisten gelandet, und jetzt bekomme ich andauernd sonderbare Nachrichten, entweder von Bitcoin-Tradern oder von – angeblich – jungen Frauen, die „aus Versehen“ eine Nachricht an meine Adresse geschickt haben. Etwa sowas:

Ich bin kein Papa und hab demzufolge keinen Sohn und keine Tochter.

Nach dem dritten Bier neulich meinte Juan mal: Antworte doch mal drauf! Und am ersten Abend in Lissabon tat ich das tatsächlich mal. Spoiler: eine Antwort kam dann nicht mehr, aber ich war erstaunt, wie die Worte aus mir herausflossen, ich verschiedene Ansätze kombinierte, die sich ich in 25 Jahren Junkmail gesammelt hatten, und gnadenlos zurückspamte:

Wird zu nichts führen, aber hat Spaß gemacht zu schreiben. 🙂

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Und, ach ja, Lissabon. Vor genau zehn Jahren war ich zum ersten und bis jetzt einzigen Mal dort und kürte die Stadt damals – neben Florenz – zur schönsten Stadt der Welt. Ich wollte noch einmal hin, um zu sehen, ob ich das heute auch noch so sehen würde.

Und ja, trotz allem: wunderschön! „Trotz allem“ bedeutet: Trotz der Menschenmassen, trotz der Hektik, auch wenn die Lissaboner nicht ganz so zuvorkommend sind wie die Portuenser, auch wenn Tourihotspots teilweise schon ganz schön runtergerockt aussehen mittlerweile, man in die historischen Straßenbahnen nur noch per Touriticket einsteigen kann (Massenabfertigung, die Schlange davor ist hundert Meter lang), und eben an jeder Straßenecke einer mit ner Klampfe steht und amerikanischen Touristinnen mit „No woman, no cry“ die Herzen bricht, wonach sie in zwielichtigen Restaurant Tapas und Paella inhalieren, weil Portugal und Spanien ja dasselbe sind. ?

Aber doch, die helle Architektur, die Miradouros, die verwinkelten Gässchen, der Blick auf den Fluss, die Brücken, die Aufzüge, der Charme. Immer noch eine verdammt tolle Stadt! Ob die schönste der Welt – ich bin mit Superlativen mittlerweile vorsichtig. Schon deswegen, weil ich ja noch kaum was von der Welt gesehen habe. Aber ein paar schöne Bilder bekommt ihr trotzdem:

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Von Porto aus am Douro entlang

Bewegungsmangel kompensieren wollend brach ich heute Nachmittag in Porto auf und wollte immer am Douro entlang nach Südosten gehen, bis irgendwann diese eine Brücke kommt, und dann auf der anderen Seite zurück. Es endete nach einer 35-Kilometer-Tour mit steinernen Füßen. Vor allem zum Ende hin wurde mir langsam klar, dass Barfußschuhe auf Asphalt eben doch keine Wanderschuhe sind. ? Vor allem aber wurde die Gegend immer malerischer, je weiter ich ging. Zunächst schöne Strände, Beachbars, Strandpromenade, hübsche Villen an beiden Ufern des Douros. Meine Tour ragte am Ende schon eindeutig ins Dourotal rein. Der Blick auf Crestuma (Nicky, bitte merken! 😉 letztes Bild unten) war magisch. Über die Schleusenbrücke von Lever ging ich wieder zurück – passenderweise steckte just in dem Moment ein Kreuzfahrschiff drin. Der Rückweg hätte derweil noch etwas attraktiver sein können: es wurde langsam dunkel, ich wollte auf schnellstem Weg zurück, und Google Maps schickte mich 10 Kilometer durchs Gewerbegebiet von Gaia. Dabei ist das Ufer dort eigentlich besonders schön. Knapp die Hälfte meiner Tour ging dann – ohne Bürgersteig – über die Landstraße, mit vielen vorbeiflitzenden Autos und Motorrädern. Auch nicht gerade ideal, aber bisschen „Aventure“ muss ja schon auch rein auf diesem Blog. 😉 Okay, genug geschwafelt jetzt. Bilder!

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Überfordere dich

Heute ist klar: Wir würden auf das Craftbeer-Festival in Porto gehen und eine Menge neuer Leute kennenlernen. Okay, denke ich mir: Schwerstarbeit für einen Introvertierten, aber ich würde das schon ganz relaxed schaukeln – oder? Nicht ganz…

Es ist heiß, aus den Boxen dröhnt sehr laute Musik des DJ. Schon beim Bierholen treffen wir die ersten Bekannten von Nicky und Juan. Ein Pärchen aus Brasilien, einen Serben, einen Polen. Wir begrüßen uns nett, geben uns die Hand, ich stellte mich kurz vor, schaffe es aber kaum zu lächeln. Bin zu verkrampft.

Der Pole kommt kurz danach auf mich zu. Sehr freundliche Gestalt, ein Lächeln auf den Lippen, lange Haare, Surfer-Natur – passenderweise sagte er, dass er sich auch gerade ein Surfbrett gekauft habe und da jetzt Stunden nehmen würde. Er käme aus Posen, der Ort mit der wunderschönen Altstadt, hätte ein halbes Jahr in China studiert, würde jetzt was mit IT machen, hätte eine Brasilianerin geheiratet und wäre mit ihr nach Matosinhos gezogen, dem hippen Vorort von Porto direkt am Meer.

Und wow, denke ich, der Typ hat mal eben alles richtig gemacht, was man im Leben so richtig machen kann, und ist dabei auch noch super relaxed, gutaussehend und aufgeschlossen. Ich versuche Augenkontakt zu halten, mich nicht zu vergleichen, auch nett zu sein. Die Sonne wütet, die Mucke pulsiert in meinem Ohr, mir läuft die Soße den Rücken runter. Aber, klar, natürlich mag ich den Kerl. Als nächstes stellt sich mir Rob vor, der unvergleichlich entspannte Brasilianer mit der wunderhübschen Frau, die auch total entspannt und völlig unverstellt ist. Bemerkenswert.

Wir treffen anschließend eine ausgewanderte amerikanische Rentnerin und dann gleich noch eine und einen ausgewanderten amerikanischen Rentner, Ralph. Und alle sind supernett zu mir. Paula, die eine Rentnerin mit dem Hund, hat auch eine unglaublich gewinnende Art, sie ist mir auf Anhieb sympathisch, Ralph, der ausgewanderte Ex-Schauspieler ebenfalls. Es kommen noch drei weitere Brasilianer dazu und am Ende noch mehr Bekannte ihrer Bekannten.

Mit jedem Bier werde ich etwas entspannter, die laute Musik stört mich nicht mehr so (oder wird sie auch chilliger?). Ich versuche, mich mit jedem ein Stück weit einzeln zu unterhalten, die zurückhaltende deutsche Art zu erklären und das bisschen, was ich über Brasilien weiß, anzubringen – viel unkomplizierteres Kennenlernen, das Thema Sicherheit, Blumenau – es stößt auf Gelächter. Ja, so ungefähr wäre es wirklich.

Irgendwann sehe ich Nicky ein paar Ecken weiter alleine stehen. Ich gehe zu ihr und frage, ob alles in Ordnung sei. Ja, wäre es, sie hätte sich nur mal kurz rausziehen müssen aus dem Ganzen. Wäre einfach kurzzeitig zu viel geworden. Etwas Ähnliches sagt später auch Rob. Ja, zu viele Menschen auf einmal und zu viel Lautstärke. Wäre er eigentlich auch gar nicht der Typ für.

Irgendwann ist mir klar: Ich muss das komplett eskalieren lassen, anders kann ich das eh nicht mehr managen. Und es gelingt ganz gut. Am Ende splittet sich die große Gruppe in Dreier- und Vierergruppen auf, die beiden älteren Amerikanerinnen kommen nach ihrem Abendessen gar nicht mehr wieder. Jeder redet hauptsächlich mit demjenigen vor sich.

Mir wird aber auch klar: Sicher ist das hier anstrengend, aber irgendwie sind das alles tolle Menschen um mich herum, mit Bullshit kommt hier keiner weiter. Und wenn man die alle noch einmal einzeln oder zu zweit wiedertreffen würde, wäre das schon erheblich leichter und unverkrampfter, auf alle Fälle aber nett.

Manchmal muss man sich einfach einen Abend überfordern, um neue Bekanntschaften zu schließen. Es lohnt sich auf lange Sicht.

Und wenn man das ein paar Stunden gemacht hat, ist es auch gar nicht mehr so schlimm. Hat man halt mal ein wenig über seinen Schatten springen müssen. War anstrengend, ja, aber das ist ein 10-Kilometer-Lauf auch, und man macht ihn trotzdem einmal die Woche, um fit zu bleiben. Könnte und sollte man dann eigentlich auch mit fremden Menschen.

Belohnt wird man dann übrigens mitunter mit völlig leichtgängigen Bekanntschaften wie dem wunderbaren Georgier, den wir später noch vor einem Kiosk getroffen haben und den ich – wäre ich schwul – wahrscheinlich on the spot geheiratet hätte, wenn das möglich gewesen wäre. Neue Menschen kennenlernen kann sogar Spaß machen, wenn man es mal zulässt. Gerne wieder! Nicht unbedingt täglich, aber zu gegebener Zeit: immer wieder!